Viele sagen das. Und bekommen damit kein Problem: Sie wissen, sie haben nichts zu befürchten, solange sie keine Namen nennen. Wer will schon ein Judas sein? Diesen stillen Deal kennt man auch aus dem Radsport. Die Verbände bleiben untätig – und können triumphieren: Es hat ja wieder keiner Ross und Reiter genannt. Doppelpässe im Schweigekartell.
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Es steht außer Frage, dass Anabolika in der Regeneration den Muskelaufbau fördern, Testosteron die Erholungsphase verkürzt und das Blutdopingmittel Epo die Ausdauer im Spiel stark verbessert. Testosterone oder Epo können im Training sorglos konsumiert werden, sie sind, wenn überhaupt, nur 48 Stunden nachweisbar, wirken aber noch tagelang intensiv. Auch an Spieltagen, an denen es kaum Blutkontrollen gibt. So wenig, wie bei den 228 Tests während der WM 2006 oder den 256 bei der WM 2002. Es ist also Unfug, die WM als sauber zu bezeichnen: Ein überhöhter Hämatokritwert (ein wichtiges Indiz für Blutmanipulationen) fällt nicht auf, wenn ihn niemand misst.
Es wurde immer gedopt, was das Zeug hält, heute läuft es weitflächig ab. Das Gerede vom komplexen Spielsport ist ein Bauerntrick, den einer wie Otto Rehhagel aus dem Fußgelenk beherrscht: »Wer mit links nicht schießen kann, trifft den Ball auch nicht, wenn er 100 Tabletten schluckt.« Klar, Pharmazie fördert weder Balltalent noch Spielverständnis. Aber Epo hilft jedem Kicker, dem nach einer
Stunde die Beine schwer werden. Der formidabelste Techniker taugt nichts, wenn ihm die Zehntelsekunde fehlt, die den Ballbesitz ermöglicht, der halbe Schritt, der ihn in Schussposition bringt, die Zentimeter, um dem Gegner das Spielgerät abzujagen. Frag nach bei Kraftpaket und Dopingsünder Maradona, bei Zidane oder im Fußballarchiv. Fußball und Doping, diese Verbindung reicht bis zum Berner Wunder zurück.
Bis heute ist ungeklärt, ob Sepp Herbergers Recken den 0:2-Rückstand im WM-
Finale 1954 gegen spielerisch dominante Ungarn nur mit Traubenzucker im Blut umbogen oder was sonst in den Spritzen in der Weltmeister-Kabine war. Ungarns Kapitän Ferenc Puskas vermutete Doping. Franz Loogen, damals DFB-Teamarzt, schwört, er habe nur Placebos gesetzt. Sporthistoriker haben indes massive Argumente dafür gesammelt, dass die Wunder-Elf mit Pervitin hantiert hat. Pervitin ist ein stimulierender Stoff, der schon 1954 laut einer Studie des Freiburger Doktoranden Oskar Wegener als »stärkste und anhaltendste« Droge galt: Das Mittel vertreibe »jedes Müdigkeitsgefühl und durch seine euphorische Komponente das Startfieber, da hier der Drang zum Sieg jedes Bedenken überwiegt«. Bei Athleten steige die Leistungsfähigkeit bis zu 25 Prozent.
Tatsächlich wurde Pervitin im Krieg massenhaft benutzt, um deutschen Soldaten die Angst zu nehmen und ihre Aggressivität zu steigern. Unter den Medizinstudenten in Kriegszeiten, zu denen auch Loogen zählte, galt es als wunderwirkende Fliegerdroge; es wurde über Traubenzucker verabreicht. Und schau an: Herberger, so gestand Loogen dem Sporthistoriker Erik Eggers, habe vor der WM »den Doping-Einsatz« gefordert. Herberger war in Kriegszeiten mit der Soldatenmannschaft der Fliegergruppe »Rote Jäger« verbandelt, wo er auch Fritz Walter und weitere Nationalspieler unterbrachte. Dies ist für den Dopinghistoriker Giselher Spitzer die Nahtstelle, an der das Wissen um die Fliegerdroge in den Fußball kam. Nachweislich wurde in Bern viel gespritzt; warum Injektionen riskiert wurden, wenn es doch nur um Glukose ging, kann bis heute niemand erklären. Obwohl die Frage dramatisch ist: Viele Berner Helden erkrankten an Gelbsucht, einige starben sogar an Leberzirrhose.
Übergehen wir die Dopinghistorie der ostdeutschen Klubs; dass vor deren Europacup-Spielen Amphetamine eingesetzt wurden, ist durch Stasi-Akten verbürgt. Dieselben Stoffe wie im Westen, wo das Aufputschmittel Captagon in den Siebziger- und Achtzigerjahren Dauerbrenner unter Profis war. Dies berichtete der frühere Dortmunder Stürmer Peter Geyer (»Ich nahm zwei Tabletten, andere sieben oder acht«), 13 Jahre bevor es der Trainer Peter Neururer (»bis zu 50 Prozent nahmen es«) in diesem Jahr wieder aufgriff.
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