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aus Heft 24/2010 Musik 1 Kommentar

Der Beat, das Glück, der Tod

Seite 2

Von Christoph Cadenbach  Foto: Niko Tabalowski


Januar. Der Landwehrkanal fließt verborgen unter dickem Eis. Andreas wohnt im besseren Kreuzberg, am Urbanhafen. Gründerzeitaltbau, Holzdielen, Dachterrasse. Wir sitzen am Küchentisch, ein Aschenbecher zwischen uns. Andreas ist 48, er trägt einen Kapuzenpulli, die Haare kurz, sie lichten sich.

»Wie habt ihr euch kennengelernt?«
»Beim Chatten. Als wir uns das erste Mal getroffen haben, bei mir auf der Dachterrasse, hatte Gianni eine dicke Sonnenbrille auf und hing ständig am Handy. Das wirkte extrem unsicher, hatte aber auch Charme.«
»Als DJ habe ich ihn eher als Rampensau in Erinnerung.«
»Natürlich hatte er narzisstische Züge. Er konnte wahnsinnig arrogant und anstrengend sein. Der Schlüssel zu Gianni ist seine Unfähigkeit, mit sich selbst klarzukommen. Bloß kein Stillstand, immer was zu tun haben. Dabei hat er natürlich Energie rausgehauen, bis es nicht mehr ging.«
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Andreas ist Autor, er schreibt Kinder- und Jugendromane, wenn er erzählt, merkt man schnell, dass er ein Gefühl für Pointen hat: Nur einmal sei er mit Gianni auf eine Party gegangen, weil er Techno gar nicht mag, Gianni hätte ihn aber gern begleitet, zum Bayerischen Buchpreis, zu Cornelia Funke; und nicht er, der Kinderbuchautor, sondern Gianni, der Techno-DJ, habe vom Heiraten gesprochen. Manchmal gibt Andreas Antworten auf Fragen, die ich gar nicht gestellt habe, weil sie mir unangenehm sind: Gianni sei ohne Vater aufgewachsen, sagt er. »Daher wird es wohl kein Zufall sein, dass er sich einen alten Knacker wie mich ausgesucht hat. Wir haben nicht zusammengewohnt, deshalb rief er mich an, sobald er wach war, um zu hören, ob ich noch da bin. «

Gerade nach dem Feiern kann man sich schnell einsam fühlen, ich kenne das, ein biochemischer Effekt: Der Körper hat durch die Anstrengung, den Alkohol oder die Drogen mehr Serotonin ausgeschüttet, als ihm guttut. Selbst wenn man am Montagmorgen ausschlafen kann, fehlen die Glückshormone. Mit einem Partner fühlt sich der psychische Kater viel weniger schlimm an. Auf seiner My-Space-Seite nennt sich Gianni »Realitätsfluchthelfer«. Andreas war seine Liebe und auch sein Rest Realität.

Als ich wieder zu Hause bin, lese ich Rico, Oskar und die Tieferschatten, das Buch, für das Andreas 2009 den Deutschen Jugendliteraturpreis bekommen hat. Es handelt von Rico, einem Jungen, der allein bei seiner Mutter in Kreuzberg aufwächst, neugierig ist und sich Gedanken über die Depressionen der Nachbarn macht. Allerdings fällt es ihm schwer, sich zu konzentrieren, er vergisst ständig alles. In seinem Kopf geht es »manchmal durcheinander wie in einer Bingotrommel«.

Mit Rico ist Gianni gemeint: ein Techno-DJ als Vorlage für den Helden aus einem Kinderbuch, für einen kleinen Forrest Gump, dem die Welt der Erwachsenen ein Rätsel bleibt. Der glücklich ist, aber auch niemals das erfüllen wird, was man ›Anforderungen der modernen Leistungsgesellschaft‹ nennt. Was macht ein Techno-DJ wie Gianni eigentlich, wenn er alt ist?

Februar. Berlin liegt noch immer unter dickem Eis. Im Büro der Pyonen, einem der bekanntesten Veranstalter von Technopartys in der Stadt, erzählt André, wie er Gianni zum ersten Mal traf: »Gianni ist Mitte der Neunziger aus Minden in Westfalen nach Berlin gezogen. Wir hatten damals einen Club in Prenzlauer Berg. Gianni kam rein und meinte: Ich bin der geilste DJ, lasst mich spielen.« Seitdem hat er fast jedes Wochenende irgendwo aufgelegt. 14 Jahre lang: freitags, samstags und manchmal noch sonntags auf irgendeiner After Hour, einer Party nach der Party. Die Feierszene ist auch eine Leistungsgesellschaft.

»In letzter Zeit hat er manchmal vorgeschlafen, ist um elf ins Bett, aber dann klingelt morgens um vier der Wecker, und du kommst nüchtern auf eine Party, auf der alle schon voll sind«, sagt André und fischt ein paar alte Flyer aus einem Karton, Giannis Name steht auf den meisten. Ein anderer DJ nennt sich »Techno is ne’ Sackgasse«. Das ist lustig gemeint, aber stimmt natürlich auch. Denn wie lange steht man so ein Leben durch? Auch mit Vorschlafen, jedes Wochenende, immer mit dem Auftrag: »Bei Gianni geht es ab!«; in Clubs, in einer Umgebung, in der nur er, aber nicht sein Publikum älter wird und man eben nicht nur Bier trinkt.

André erzählt, dass Gianni in letzter Zeit immer häufiger eigene Musik produziert hat und dass dies auch sein Plan für die Zukunft war; so wie bei Fußballspielern, die dann Trainer werden. Doch die meisten Techno-Platten erscheinen in einer Auflage von 500 auf Vinyl gepresst und dann noch als MP3. Sie dienen als Werbemittel für den DJ, der durch die Veröffentlichung Aufmerksamkeit bekommt und gebucht wird. Lukrativ sind meistens nicht die Platten, sondern das Auflegen, bei Gianni war das bis zu seinem Tod nicht anders. Zwischen 300 und 800 Euro hat er für einen Auftritt bekommen, macht im Monat etwa 5000 Euro. Davon kann man gut leben, aber nicht für die nächsten fünfzig Jahre sparen, in denen man kein DJ mehr ist. Gianni hat nie etwas anderes gelernt, als Musik zu produzieren und aufzulegen, er war darauf also angewiesen.

»Gianni hat vor allem den Rock ’n’ Roll geliebt, Musik war seine Leidenschaft«, sagt André. »Wir kommen beide vom Punk. Anfang der Neunziger wurden wir noch beschimpft, wenn wir in linksalternativen
Läden Techno gespielt haben, das war den Leuten nicht intellektuell genug, uns war es aber scheißegal. Gianni wurde zuletzt auch mehr im Ausland gebucht, wo man deutlich mehr Geld verdient. Er ist der Berliner Szene aber immer treu geblieben.«

Treue ist ein überstrapaziertes Wort in der Popkultur. Weil es Wahrhaftigkeit bedeutet, ein Wert, mit dem sich Geld verdienen lässt. Gianni hat seiner Treue wegen auf Geld verzichtet. Man kann das naiv finden, aber auch bewundernswert ineffizient. In einer Welt der Bachelor-Studiengänge und des Lebenslaufdesigns ist es zumindest nicht der gängige Weg. Aber natürlich hat der Markt auch Giannis Welt Grenzen gesetzt. Warum die Party in der »Münze« eigentlich nicht abgesagt worden sei, als man wusste, dass Gianni tot ist, hatte ich André noch gefragt. »Weil die Veranstalter sonst pleite gewesen wären«, hatte er gesagt. »Die hatten sich in dem Club nur eingemietet. Es waren auch Freunde von Gianni. Ich habe mit ihnen zusammengesessen und überlegt. Irgendwann haben wir dann Giannis Mutter angerufen. Sie sagte, die Party soll stattfinden, ihr Sohn hätte es nicht anders gewollt.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Christoph Cadenbach beim Besuch von Giannis Familie erlebt und warum man als DJ nicht erwachsen werden darf.)

Kommentare

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  • Frank Neubert (0) no tears for the creatures of the night (tuxedomoon), das war jedenfalls noch als statement gedacht und ist schlecht hin das credo für alle clubmaniacs. der artikel liefert leider nichts wesentlich neues und versucht einen tod zu heroisieren in dem das ein oder andere stereotyp der kitschigen erzählung nicht ausgelassen wurde. allein schon der titel "Der Beat, das Glück, der Tod" versucht eine traurige geschichte pathetisch zu überformen, die eigentlich nicht darauf angewiesen wäre.