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aus Heft 27/2010 Gesellschaft/Leben

Die Ausputzerin

Kerstin Greiner  Fotos: Frederik Busch

Den Terminkalender eines Managers, einen Lohn, der gerade zum Überleben reicht: Um auf eigenen Füßen zu stehen, schuftet Petra Weingart bis zum Umfallen. Ist sie ein Vorbild? Oder ein Opfer unserer Zeit?


5:30 Uhr: Zusammenpacken für den Tag. Heute sind auch Schaufenster dran.
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Manchmal, wenn sich der Tag hinzieht, wenn viele Stunden hinter ihr liegen und viele Stunden vor ihr, dann fängt Petra Weingart an, die Treppenstufen zu zählen. Dann gleitet ihr Wischmopp über die 32, 33, 34, benetzt das tensidfreie Putzmittel die 35, 36 – bloß kein warmes Wasser, die Stufen sind aus Betongemisch, da braucht es kaltes Wasser – 37, 38 – die Ränder nicht vergessen, nicht zu viel Wasser – 39, 40 –, die Sonne scheint durchs Fenster, zum Glück sind keine Schlieren auf dem Boden, nur noch 30 Stufen.

Petra Weingart blinzelt in die Sonne, eine kleine Frau, 1,55 Meter groß, 42 Jahre, der man ansieht, dass sie zupacken kann, mit dicker Hornhaut an den Händen, die Haare mit einem Puschelhaarband zusammengebunden. Gleich ist es geschafft. Sie wischt sich den Schweiß von der Stirn. Es ist Petra Weingarts viertes Treppenhaus an diesem Tag, seit sechs Stunden ist sie auf den Beinen, 17 Stunden wird sie heute arbeiten, so wie an vielen ihrer Tage – wenn ein Hausbewohner vorbeikommt, grüßt sie freundlich. Auch wenn sie später noch einen Innenhof, eine Gaststätte und einen Waschsalon putzen muss, lächelt sie freundlich – obwohl sie so viel arbeitet wie sonst kaum ein Mensch in diesem Land.

»Putzen besteht aus vier Komponenten: Wassertemperatur, Reinigungsmittel, Zeit, Mechanik. Sie variieren je nach Oberfläche«


Petra Weingart putzt nicht ein bisschen und nicht bloß so nebenbei:
Ein ganz normaler Tag beginnt bei ihr um fünf Uhr morgens, um Viertel vor sechs schließt sie das erste Haus auf. Um halb acht putzt sie das nächste, um neun ein Lokal, um elf einen Innenhof, um ein Uhr ein Kühlhaus, um zwei ein Schuhgeschäft, um halb vier ein Bettengeschäft, um fünf einen Industriehof. Zwischen halb acht und zehn abends geht sie kurz nach Hause, zwischen zehn und ein Uhr nachts putzt sie einen Waschsalon. Sie putzt Schaufenster, eine
Nudelfabrik, ein Taschengeschäft, zwei Haarentfernungsstudios, ein paar Privatwohnungen. »22 verschiedene Objekte pro Woche«, sagt sie, manche davon jeden Tag, alle allein. Wenn sie zwischen den Putzjobs noch Zeit hat, hält sie Aufsicht in dem Waschsalon oder bügelt für andere Leute.

Petra Weingarts Terminkalender sieht aus wie der eines Topmanagers: Sie arbeitet zwischen 12 und 20 Stunden am Tag, etwa 85 Stunden die Woche, im Extremfall sind es schon mal 120 Stunden. Betrachtet man die Wochenarbeitszeit in Deutschland während der vergangenen 200 Jahre, haben zum letzten Mal im Jahr 1825 Menschen so viel gearbeitet wie Petra Weingart. Ein durchschnittlicher Deutscher arbeitet heute nicht mal halb so viel.

Petra Weingart ist jetzt bei Nummer 70 angekommen, der letzten Stufe in diesem Treppenhaus eines Wohnhauses in Durlach, einem kleinen Ort bei Karlsruhe; vor dem Eingang stehen Tonfiguren in Tierformen mit Blumen darin, auf dem Rasen liegt eine Katze. Sie packt ihr Putzzeug, Eimer, Staubsauger, Mopp, zwei Mikrofasertücher in ihren verbeulten Renault Laguna, 226 000 Kilometer auf dem Tacho, und fährt weiter, zum nächsten Treppenhaus in Stutensee. Ihr Navigationsgerät piepst, wenn sie zu schnell fährt, und es piepst oft an diesem Tag. Die Zeit zwischen ihren Putzjobs ist knapp. »Jeder Mensch hat ein Talent«, sagt sie, »und meines ist das Putzen.«

»Glas und Spiegel nur mit warmem Wasser, Spülmittel und Mikrofasertüchern reinigen. Glasreiniger sind unter Profis verpönt!«


Petra Weingarts Leben ist Arbeit. Diese Arbeit hat sich in ihr Gesicht eingegraben und in ihre Knochen. Petra Weingart arbeitet immer, sie geht nicht ins Kino oder ins Freibad. Im Urlaub war sie erst ein einziges Mal, eine Woche in einer Pension im Schwarzwald am Titisee, 30 Euro die Nacht. Sie hat sich ein Arbeitspensum zugelegt, das fast menschenunmöglich erscheint. Aber dieses Land hält nicht viele Möglichkeiten bereit für Menschen mit wenig Ausbildung, die nichts anderes als ihre Arbeitskraft zu bieten haben. Trotzdem will Petra Weingart ein anständiges Leben führen: Arbeitslosigkeit, Hartz IV oder andere staatliche Unterstützung kämen für sie nicht infrage. »Dann arbeite ich lieber wie ein Tier.«

Anfang dieses Jahres kochte die Diskussion über Sozialschmarotzer hoch, über Menschen, die das Hartz-IV-System ausnutzen und sogar trotz guter Ausbildung lieber Geld vom Staat kassieren als zu arbeiten – weil sie damit am Ende des Monats ohne Anstrengung mehr haben, als sie in Billigjobs verdienen könnten. Zweifelsohne hat sich die Arbeitswelt in Deutschland verändert. Es gibt immer mehr gering bezahlte Jobs in prekären Arbeitsverhältnissen und zu wenig gut bezahlte Arbeit für alle. Viele Menschen schaffen es kaum noch, ihren Lebensunterhalt zu verdienen: Jeder Elfte braucht Geld vom Staat. Über die, die sich in den Schlupflöchern des Sozialstaates verstecken und gering bezahlte Arbeit verweigern, hetzten die Medien und Politiker: Von einer neuen Faulheit und dem Niedergang des Wertes von Arbeit war die Rede. Guido Westerwelle sprach von »anstrengungslosem Einkommen« und Zuständen »spätrömischer Dekadenz« unter Arbeitslosen. Eine Frau wie Petra Weingart scheint bei dieser Diskussion wie ein Wesen aus einer fremden Welt.

(»In meinem Job ist ein gutes Leben nur mit viel Arbeit möglich – dann mach ich das eben so«, sagt Petra Weingart. Wie sie ihr Leben für die Arbeit organisiert, lesen Sie auf der nächsten Seite.)

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