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aus Heft 27/2010 Gesellschaft/Leben 14 Kommentare

Die Ausputzerin

Seite 3

Von Kerstin Greiner  Fotos: Frederik Busch



Petra Weingart arbeitet doppelt, ja, oft dreimal so viel wie ein durchschnittlicher Deutscher: „In meinem Job ist ein gutes Leben nur mit viel Arbeit möglich - dann mach ich das eben so." Ihr Terminkalender zeigt zwei Tage im Februar, an denen sie 19 und 17,5 Stunden geputzt hat. Was sie zu diesem Arbeitspensum sagt? „Das waren zwei super Tage.“

Im Herbst packt sie auch Gartengeräte in ihren Laguna, und im Winter trägt sie Wollhandschuhe unter den Gummihandschuhen, wenn sie die Glasfronten der Geschäfte putzt, sonst frieren ihr die Finger ein. Im Sommer verzichtet sie auf Gummihandschuhe: »Ich hab sonst kein Gefühl fürs Putzen.«
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»Ein Tropfen Wasser, der perlt, kann keinen Schmutz aufnehmen – ein Tropfen, dessen Oberflächenspannung mit Reinigungsmitteln herabgesetzt wurde, zerfließt und kann Schmutz binden!«

Eine Tagegeldversicherung hat sie abgeschlossen, damit sie niemanden zur Last fällt, falls sie krank wird, und eine private Rentenversicherung, für später. Einmal ist sie zusammengeklappt während einer 120-Stunden-Woche, ein Schwächeanfall; da riet ihr der Arzt, ihr Pensum zurückzufahren. Seitdem hält sie sich den Sonntag frei. Früher hatte sie am Sonntag auch noch Semmeln in einer Bäckerei verkauft. Jetzt schläft sie sonntags durch oder macht ihre Buchhaltung. Alles läuft bei ihr auf Rechnung, jeden Cent kriegt das Finanzamt von ihr, sagt Petra Weingart, ordentlich soll das Leben sein, nicht so wie bei den Polinnen, die ihr den Job kaputtmachen!

Der Arzt hat ihr damals auch geraten, auf ihren Fahrten zu den Arbeitsstellen mal eine Wellness-CD einzulegen, der inneren Ruhe wegen: »Aber da schlaf ich ja ein.« Das Schlimmste für sie wäre eine Verletzung der Schulter, einen Kapselriss hatte sie mal: »Da musste ich mit dem anderen Arm putzen. Ein kaputtes Bein ist nicht so schlimm: Das kann ich hinterherziehen.«

Menschen, die nie arbeitslos waren, sagen gern mal: »Dann würde ich halt putzen gehen.« Wie es ist, in einem der niedrigst bezahlten Jobs in Deutschland zu arbeiten, stellt sich kaum einer vor. Petra Weingart gibt ihr Bestes in einem Beruf, für den die Bundesregierung seit März dieses Jahres einen Mindestlohn von 8,40 Euro verabschiedet hat. Proteste der Gewerkschaft und ein Streik der Gebäudereiniger gingen voraus. Trotzdem bekommen nicht alle der 830 000 Beschäftigen auch wirklich mehr Geld für ihre Arbeit: Unternehmen umgehen die Verordnung, indem sie die Anforderungen pro Stunde steigern, sodass am Ende zwar ein höheres Einkommen auf der Gehaltsabrechnung steht, der Arbeitsaufwand aber auch gestiegen ist. Oder sie stufen Arbeit als Schulungsmaßnahme oder Praktikum ein. Es herrscht ein gnadenloser Preisunterbietungskampf, der vor allem auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird.

Petra Weingart kontert in diesem Preiskampf mit guter Arbeit und einem fast unwirklich erscheinenden Einsatz. »Wenn ich gut und fleißig bin, merken das die Leute«, sagt sie. Sie berechnet 17 Euro die Stunde, von denen ihr nach den gesetzlichen Abzügen zwischen acht und neun Euro zu versteuernder Stundenlohn bleiben. Ungefähr 3 000 Euro brutto verdient sie so im Monat, nicht wenig. Aber ihr bleibt nicht viel, private Kranken-, Renten- und Tagegeldversicherung gehen davon weg, 350 Euro Miete, 180 Euro für Essen und Trinken, 400 Euro, um Schulden abzubezahlen, 440 Euro Unterhalt für ihre Kinder. Weniger Arbeit wäre ein Problem für Petra Weingart.

Wie sie dieses Leben meistert? »Man gewöhnt sich daran.« Ihre Mitbewohnerin beschwört sie oft: »Übertreib’s nicht!«, dann antwortet Petra Weingart: »Nur diese Woche noch.« Aber im Stillen weiß Edith Häusler, dass ihre Mitbewohnerin weitermachen wird. Arbeit bedeutet für Petra Weingart Selbstbestimmtheit. Sie hat ihr eigenes kleines Reich geschaffen, in dem sie sich frei bewegen kann. Und vielleicht werden eines Tages ihre Träume wahr: ein zuverlässiges Auto, einen Fiat Duplo, höchstens fünf Jahre alt. Und irgendwann eine Wohnung mit Badewanne. Seit zehn Jahren hat sie nur geduscht. »Wenn ich dranbleibe, schaff ich das.« In fünf Jahren vielleicht, vielleicht auch in sieben. Erst dann will Petra Weingart kürzertreten.

Noch eine Zigarette, noch einen Kaffee. Sie blickt auf ihre Fingernägel. Die hält sie immer sauber, darauf achtet sie. Sie kenne viele Menschen, sagt sie, die ähnlich hart arbeiten wie sie. Die zwei, drei Jobs haben, um sich ihr Leben finanzieren zu können, als Kfz-Mechaniker, im Sicherheitsdienst, im Supermarkt. Die bloß nicht runter wollen, nicht zu Hartz IV, in die Trägheit, ins menschliche Aus. Wie ein Monster hat sich Hartz IV im Leben der Menschen aufgebaut. Hartz IV heißt Stillstand, Arbeit heißt Fortkommen, Teil der Gesellschaft sein. Petra Weingart hat sich für diesen Weg entschieden, und sie geht ihn – auch wenn sie diese Entscheidung jeden Tag im Rücken und den Armen spürt, die sie abends manchmal nicht mehr heben kann. Es macht sie wütend, wenn sie jemanden im Fernsehen sieht, der nicht arbeiten will, Harzer aus Berlin: »In Berlin, da kannst du echt ein ruhiges Leben haben. Aber jeder kann doch was tun, und sei es nur auf andere Kinder aufzupassen. Ich könnt’ nicht ohne Arbeit.«

Hier in Karlsruhe, da ginge das gar nicht mit dem Hartz IV – was würden die Leute sagen! Hier raunen sich die Leute zu: »Geh schaffe!«
»Aber so viel wie du schafft keiner!«, sagt Edith Häusler.
»Ich schaff halt für alle anderen mit«, sagt Petra Weingart.
Ist sie, Petra Weingart, das Arbeitstier, die 85-Stunden-Frau, eine Heldin unserer Zeit? Oder ein Opfer ungerechter Verhältnisse? Petra Weingart bläst den Rauch aus und drückt die Zigarette in den Aschenbecher. »Weiß nicht«, sagt sie. »Zumindest kann ich stolz sein. Nichts und niemanden brauch ich. Und ich bin nicht arm. Es gibt viele Menschen, denen es schlechter geht als mir.« Dann springt sie auf. Zur Arbeit, zum Waschsalon.


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Als die Waschmaschine des Fotografen Frederik Busch, 35, kaputt war, wusch er in einem Waschsalon. Dort traf er zu jeder Tages- und Nachtzeit auf Petra Weingart. Wie viel sie denn arbeite, fragte er Weingart eines Tages. »Eigentlich immer«, antwortete sie. Kurze Zeit später besuchte Busch sie mit der Redakteurin des SZ-Magazins Kerstin Greiner. Dafür hatte sich Weingart viel Zeit freischaufeln und Termine umschichten müssen. Zum Abendessen empfahl sie den beiden die Gaststätte »Waldfrieden« in Hochstetten am Rhein: Nicht nur wegen des guten Essens, sondern auch »weil die Küche so sauber ist, dass man vom Boden essen könnte« – und dabei zwinkerte sie verschwörerisch.

Kommentare

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Kommentar:

  • Frank Linnhoff (0) Vielen Dank an die Autorin für dieses Porträt über das Arbeitsleben einer Mitbürgerinn unseres Landes.

    Es steht uns nicht an, über Frau Weingart ein Urteil zu fällen. Tatsache ist, dass kaum eine Privatperson und Firma bereit ist, mehr als 17 ? pro Stunde für einen Putzjob zu bezahlen. Es ist Tatsache, dass Pflichtversicherungen und Nebenkosten so hoch sind, dass bei diesem Stundensatz zu wenig Geld zum Leben übrigbleibt.

    Unser jetziges System der Finanzierung des Sozialstaates belastet zu stark die menschliche Arbeitskraft und wesentlich zu wenig die Einkommen aus Kapitalerträgen. Es wird allerhöchste Zeit über ein bedingungsloses Grundeinkommen, eine bedingungslose Volksrente und eine allgemeine Krankenversorgung zu diskutieren, welche aus dem allgemeinen Steueraufkommen finanziert wird, wobei Kapitalertzräger gerecht zu besteuern sind.

    Wir befinden uns gesamtgesellschaftlich auf dem Holzweg. Das ist die Erkenntnis, welche ich aus diesem Porträt ziehe.
  • Thomas Fuegner (1) Das völlig daneben liegende Rechenbeispiel zeigt dreierlei:
    1.) die völlig durchideologisierte und die verquer interpretierte Situation von Selbständigen und Kleinunternehmern, die, wenn sie NICHT im Bankvorstand sind, als Opfer ihrer Arbeitwut und der brutalen Hartz-IV- Gesellschaft gesehen werden (wollen), die die einzigen sind, die den (öffentlichen ) Dienst mit Steuern am Leben erhalten
    2.) die Unfähigkeit des Journalisten, zu rechnen und den Unternehmer und seinen Fleiß zu sehen und zu würdigen
    3.) die viel interessanteren weil vielschichtigeren Analysen der Kommentatoren
    Liebe Journalisten, die schwerste (Lern)Aufgabe steht euch noch bevor: Sachlich richtig zu berichten. Die Kommentare, die Interpretationen - das kann die Leserschaft (nur insgesamt!) besser.
    Auch wenn ich bei Kommentaren wie von Stefan Blaes / Thomas Lehmannn k... könnte.
  • Stefan Blaes (0) Am besten gefällt mir die Antwort von Thomas Lehmann. Ich zitiere:

    Thomas Lehmann (0) sagte:
    Was ist mit den skandinavischen Ländern, die solche Bedingungen nicht kennen?
    Was ist mit der Forderung nach einem (ausreichenden) Mindestlohn, um solche Leute vor Ausbeutung - und Selbstausbeutung - zu schützen?
    Fällt niemandem auf, in welch krassem Widerspruch die Einstellung von Fr. Weingart zu den "Nehmerqualitäten" von Menschen bspw. in der Finanzindustrie steht - obwohl Letztere in der Kreation von bloss virtuellen Werten real weitaus weniger kreativ sind?
    Wer nicht begreift, dass die Interessen eines Einzelnen immer auch die Interessen aller sind, der beerdigt auf Sicht die Demokratie und den Wohlstand.
    Die neuen "Verteilungskonflikte", die wir nun erleben, sind die Vorstufe eines systemischen Zusammenbruchs, der nicht vom Himmel fiel, sondern künstlich erzeugt wurde.


    Ich lebe selbst in Skandinavien, weil ich unter ähnlichen Bedingungen in Deutschland arbeiten sollte, allerdings nicht selbstständig. Hier gibt es -"noch" starke Gewerkschaften, hier gibt es Mindestlohn und hier gibt es die "Allgemeinverbindlichkeit" der Löhne. Das bedeutet, daß jede Polizeidienststelle und Gewerbeaufsichtsamt die Tariflöhne und -stufen vorliegen haben. Der Betriebsratsvorsitzende kann Einsicht in die Arbeitsverträge nehmen. Dies ist aber nicht in allen Tarifen so.
    Hier waren vor 10Jahren die Lohnunterschiede zwischen gelernten und ungelernten Arbeitskräften gering. Aber die Lohnunterschiede und Vermögensunterschiede steigenn auch hier beträchtlich.
    Ich verstehe nicht wie Menschen immer erst mal diese Zahlen diskutieren, und ob diese Frau nun 3000 oder 5000 € im Monat zur Verfügung hat.
    Fakt ist, es sind doch Ausnahmefälle, wo Leute sich so abrackern. Die meisten, incl. mir, sehen doch gar nicht ein, sich kaputtzumachen. Denn das ist das Geschilderte im Normalfall, nur wenige halten sowas durch. Und in den Konsumgesellschaften sind wir inzwischen Weltmeister im Weggucken. Geht einem das dreckig oder ist ein Jugendlicher gewaltätig, dann sind wir doch erstmal froh, daß das nicht uns oder unsere Familie betrifft.
    Leider entwickelt sich auch hier in Norwegen die Gesellschaft immer mehr weg vom Zusammengeschweißtsein.
    Warum erzähle ich das hier. Weil wir schweigend hinnehmen, daß unsere Gesellschaft auseinanderdriftet. Weil die meisten einfach nur auf ihr eigenes Schärflein - wie diese Frau auch - Entschuldigung - aber nicht böse gemeint - gucken, und viele nur Ohnmacht gegenüber einer Entwicklung emfpinden.
    Am Ende steht vielleicht der Aufstand der Armen, aber das hat noch nie hingehauen, ist noch nie gutgegangen.
    Sozialistische und kommunistische Revolution und Umbruch hat man in Deutschland 1933 ganz geschickt mit Geldern von Krupp, Faber, MAN, und wie sie alle heissen und alten traditionellen Mächten (Militär+Politik) im Keim erstickt und ein Ungeheuer aufgebaut.
    Ich drifte hier ekstra so weit ab, um zu zeigen, daß diese arme Frau zeigt, wie es um unsere Gesellschaft und ihre Entwicklung und ihre Zivilcourage steht.
    Toll, daß es solche Artikkel immer wieder in der Süddeutschen gibt. Aber manchmal empfinde ich Ohnmacht und Ekel, wenn ich ein völlig auf Mode und Design fokussiertes Heft in die Hand bekomme.

    Mußte das mal loswerden
  • Günter Opitz-Ohlsen (0) "Working Poor" ist ein feststehender Begriff, der sich leider auch in Deutschland etabliert hat. Dies ist politisch so gewollt. Durch Rot-Grün und die Hartz IV Gesetze eingeführt, wollte man Arbeit um jeden Preis besser machen als Sozialleistungen. Damit erhöht man den Druck, der soziale Druck (Ausgrenzung) wird in Deutschland sowieso von allen Seiten betrieben. Als Resultat kommen dann Lebenswege wie die von Frau Weingart heraus – bei den Japaner muss es ähnlich aussehen.

    Aber es geht noch weiter: der Sozialhilfeempfänger sollen auch Zwangsarbeit machen. Diese Vorschläge beruhen auf Politikern wie Herrn Koch und anderen. Ich frage mich nur, welches Menschenbild diese Herren und Damen haben, die mit immer absurderen und menschenverachtenden Vorschlägen daherkommen. Aber eine Tatsache können auch diese mächtigen Personen nicht ignorieren: wir haben einfach zu wenig Arbeit für alle. Und wenn Leute wie Frau Weingart für drei schuften müssen, dann haben wir bald noch weniger Arbeit für alle. Und wenn Putzroboter eingesetzt werden, dann wird auch Frau Weingart ihre Arbeit verlieren.

    Vielleicht wird Frau Weingart, wegen Überarbeitung mit ihrem Auto gegen ein Baum fahren oder aber bei erhöhtem Zigaretten- und Kaffeekonsum und zu wenig Schlaf einen Herzinfarkt bekommen. Ich wünsche ihr das nicht, aber die Wahrscheinlichkeit dafür steigt, und ich weiß nicht, ob das heldenhaft ist, was sich so heldenhaft liest.
    Aber wer arbeitet kommt schließlich auf keine dummen Gedanken, wie zum Beispiel die Welt zu verbessern. Das überlassen wir lieber anderen!
    Die Geschichte von Frau Weingart ohne die entsprechende gewollte Theatralik, kann doch nur heißen: An die Familie (von Georg Büchner)... „Sind wir denn nicht in einem ewigen Gewaltzustand? Weil wir im Kerker geboren und großgezogen sind, merken wir nicht mehr, dass wir im Loch stecken mit angeschmiedeten Händen und Füßen und einem Knebel im Munde. Ein Gesetz, das die große Masse der Staatsbürger zum fronenden Vieh macht, um die unnatürlichen Bedürfnisse einer unbedeutenden und verdorbenen Minderzahl zu befriedigen...“
  • Wolfgang Luef (0) Sehr geehrte Damen und Herren.

    Herzlichen Dank für Ihr Interesse am Verdienst der Frau Petra Weingart. Im folgenden möchte ich Ihnen die korrekte Rechnung erläutern:

    Petra Weingart nimmt für ihren Putzdienst 17 Euro die Stunde. Da bei ihren 85 Stunden pro Woche auch immer wieder Arbeiten dabei sind wie Bügeln oder wie Aufsicht im Waschsalon, für die sie nur etwa 11 Euro 50 bekommt, habe ich abgesehen, den Monats-Gesamtumsatz anzugeben – er variiert.

    Die 11,50 bis 17 Euro pro Stunde sind das, was sie in Rechnung stellt, also der Brutto-Umsatz pro Stunde multipliziert mit den monatlichen Arbeitsstunden ergibt dann den monatlichen UMSATZ. Vom monatlichen Gesamtumsatz werden abgezogen:

    MEHRWERTSTEUER (selbstverständlich sind die 17 Euro pro Stunde inklusive Mehrwertsteuer)
    GEWERBESTEUER
    BERUFSGENOSSENSCHAFT
    (Das sind die gesetzlichen Abgaben)
    Dazu alle (UN)KOSTEN wie Putzmittel, Putzgeräte, Benzin, alles rund ums Auto (die in den Stundensätzen enthalten sind und nicht getrennt in Rechnung gestellt werden können).

    Damit kommt sie dann auf ihren BRUTTO-GEWINN, also den Gewinn vor den (persönlichen) Steuern. Es sind monatlich ca. 3000 Euro.
    (Dies entspricht auch noch nicht dem BRUTTO-LOHN einer Angestellten, weil der Brutto-Lohn nicht die Arbeitgeberanteile zu Krankenversicherung und Rentenversicherung enthält, die ein Selbständiger selbst tragen muss, und auch nicht die Krankentagegeld-Versicherung, weil in den ersten 6 Wochen Krankheit der Arbeitgeber den Lohn gesetzlich fortzahlen muss. Will man diese Beträge vergleichen, müsste man vom Bruttogewinn einer Selbständigen etwa 20% entsprechend dem Arbeitgeberanteil für die Sozialversicherungen abziehen und die Kosten für die Krankentagegeldversicherung in den ersten 6 Wochen Krankheit.)

    Davon muss sie - wie jeder, egal ob angestellt (dann heißt es nur Lohnsteuer, ist aber genau derselbe Steuersatz) oder selbständig - ihre Personensteuern EINKOMMENSTEUER und den SOLIDARITÄTSBEITRAG abführen. Danach bleibt der Gewinn oder Verdienst NACH STEUER.

    Hiervon gehen wiederum ab:

    Krankenversicherung
    Tagesgeld-Versicherung
    Pflegeversicherung
    Rentenversicherung
    (Das, was nun bleibt, entspräche dem Netto-Gehalt einer Angestellten, also dem, was der Arbeitgeber überweist)

    Davon wiederum muss sie begleichen:
    Unterhaltszahlungen für ihre Kinder
    Schuldenrückzahlungen

    Danach erst kommen Miete, Lebensmittel, Kleidung, etc.

    Ich hoffe, Ich konnte Ihnen bei Ihren Fragen helfen. Tatsächlich hat Petra Weingart nach diesen Zahlungen nicht mehr viel zum Leben. Bei weiteren Fragen wenden Sie sich bitte direkt an mich: kerstin.greiner@sz-magazin.de

    Herzliche Grüße,

    Kerstin Greiner
  • Dave Blair (0) Wenn man so viel arbeitet, kennt man irgendwann nichts anderes als Arbeit, man kann mit der Welt außerhalb von Arbeit nichts anfangen; man kommt sich überflüssig und nutzlos, sogar entfremdet vor, wenn man nicht arbeitet. Die Arbeit gibt einem einen Lebensplan vor, nimmt einem Entscheidungen ab. Es ist eine Art Flucht. Es ist verdammt schwer, aus einer solchen Situation herauszukommen.
  • Sabine Reifschneider (0) Offenbar gibt es Workaholiker nicht nur unter leitenden Angestellten... 17 Euro Umsatz pro Stunde finde ich recht ansehnlich (angeblich begnügen sich die Friseurinnen in Thüringen mit einem Zehntel davon); mancher freiberufliche Akademiker – zum Beispiel Übersetzer – kann davon nur träumen.
    Die Behauptung, dass der supertüchtigen Frau Weingart davon „nach den gesetzlichen Abzügen“ nur acht bis neun Euro pro Stunde übrigbleiben sollen, erscheint mir völlig aus der Luft gegriffen. Was für gesetzliche Abzüge können das denn wohl sein?
    Rechnen wir doch mal andersherum:
    Angenommen, Frau Weingart würde, statt sich wie bisher 85 Stunden abzurackern, von nun an nur noch gepflegte 50 Stunden pro Woche arbeiten. Das wäre ein Brutto-Umsatz von 3.400 Euro im Monat (bei 20 Arbeitstagen zu je 10 Stunden), also im Jahr 40.800 Euro. Davon gehen, sagen wir mal, 800 Euro für Betriebskosten (Putzmittel, Werkzeuge, Arbeitskleidung...) und Fahrtkosten (geschätzt 4000 Euro) ab.
    Dann hätte sie einen Gewinn = ein Bruttoeinkommen von 36.000 Euro. Nach Abzug von Einkommensteuern (ca. 8000 Euro im Jahr) bleiben ihr 28000 Euro Jahreseinkommen, im Monat also 2300 Euro.
    Da sie nur 350 Euro Miete, 180 Euro Essen und Trinken, 400 Euro für Kredite und 440 Euro Unterhalt für ihre Kinder bezahlt, bleiben ihr bei 50 Wochenstunden immer noch mehr als 900 Euro im Monat für Zigaretten, Versicherungen (die sie in Wirklichkeit natürlich von der Steuer absetzen kann), Strom, Gas, Wasser, Bausparen und „Sonstiges“ übrig.
    Vielleicht braucht Frau Weingart einfach ein paar Interessen außerhalb ihrer Arbeit? Dann hätte sie zumindest eine reelle Chance, den Tag noch zu erleben, an dem sie etwas kürzer treten kann. Gibt es denn etwas Traurigeres als den Spruch „nur Arbeit war ihr Leben“ in einer Todesanzeige?
    Ein Steuerberater wäre auch nicht verkehrt. Der würde ihr zum Beispiel raten, einen nagelneuen Fiat Duplo zu leasen – und die Leasingraten gleich als Betriebsausgaben abzusetzen.
  • Stefan Amta (0) Gut geschrieben, (@) Herr Lehmann ...

    Leute wie Frau Weingart taugen ganz gewiss nicht als Vorbild - mindestens ebenso wenig wie der in bestimmten Medien gerne aufgebaute und zur Schau gestellte Vorzeige-Sozialschmarotzer. Hier handelt es sich um die gleiche Liga, nur das Vorzeichen ist anders.

    "Die perfekte Arbeitnehmerin", werden sich viele Unternehmer denken, die diesen Artikel lesen. "Nur zu schade, dass sie schon als Ich-AG arbeitet." Man Frau Weingart ein eigenes Leben wünschen - nur dass sie vermutlich denkt, sie hätte schon eines. Wer weiß, wie lange es noch dauern wird, bis ihr Alltag, auf den sie anscheinend sogar noch stolz ist (!), der ganz normale Arbeitsalltag eines normalen Arbeitnehmers ist.

    Liebe Frau Weingart, nichts für ungut: mit Leuten wie Ihnen lässt sich zwar sicherlich guter Gewinn machen, aber kein Staat. Zumindest keiner, in dem es sich für die Mehrheit der Menschen zu leben lohnt. Pfui "Vorbild"! Ich kann über Sie nur den Kopf schütteln und hoffe, dass meine beiden Kinder niemals auch nur ansatzweise so werden wie Sie. Sie sind auf einem falschen Weg - kehren Sie um!
  • Thomas Lehmann (0) Um es auf den Punkt zu bringen: Petra Weingarts Leben ist zwar nicht wertlos, da sie produktiv tätig ist und ihren gesellschaftlichen Beitrag leistet. Aber es ist wertlos. Ein Leben, das nur aus Arbeit und 6 Stunden "Freizeit" besteht, die in Schlaf und Körperpflege aufgesplittet werden, ist sinnlos - weil freudlos.
    Keine Zeit zum Lesen, Lieben, Lernen oder Spazierengehen - keine Zeit für gar nichts.
    Wenn ich solche Artikel lese (der hier geschilderte Typus "Held der Arbeit" findet sich häufiger auch in der Bild-Zeitung), erkenne ich darin viel Manipulatives und Zynisches - nicht zuletzt auch bei den Kommentatoren, die Fr. Weingart ihre "Hochachtung" aussprechen. Dahinter steckt sehr viel Ignoranz.
    Ignoriert wird beispielsweise die Frage, warum es Existenzen wie Fr. Weingart überhaupt gibt. Viele scheinen solche Bedingungen der "Globalisierung" zuzuschreiben, in der un- oder niedrigqualifizierte Tätigkeiten eben keine besseren Umstände zulassen.
    Aber was ist mit der Massenimigration von Ungeschulten, die einen drastischen Überhang an bspw. Putzfrauen überhaupt möglich machten?
    Was ist mit den skandinavischen Ländern, die solche Bedingungen nicht kennen?
    Was ist mit der Forderung nach einem (ausreichenden) Mindestlohn, um solche Leute vor Ausbeutung - und Selbstausbeutung - zu schützen?

    Und dann:
    Fällt niemandem auf, in welch krassem Widerspruch die Einstellung von Fr. Weingart zu den "Nehmerqualitäten" von Menschen bspw. in der Finanzindustrie steht - obwohl Letztere in der Kreation von bloss virtuellen Werten real weitaus weniger kreativ sind?

    Man könnte noch viele weitere Fragen stellen, aber das Hauptproblem liegt darin, dass Menschen wie Fr. Weingart keine Lobby haben. Weder in der Politik noch in den Medien.
    Die "Mittelschicht", die von allen Seiten so stark beworben wird, wird schon noch merken, dass die Ignoranz gegenüber dem Leiden der Armen zu einer Zersplitterung und Verrohung der Gesellschaft führen wird, die sie irgendwann selbst erfassen wird. Sei es in Form von Gewalt, Überalterung, kultureller Überfremdung oder einem zunehmend maroden Schulsystem.
    Wer nicht begreift, dass die Interessen eines Einzelnen immer auch die Interessen aller sind, der beerdigt auf Sicht die Demokratie und den Wohlstand.
    Die neuen "Verteilungskonflikte", die wir nun erleben, sind die Vorstufe eines systemischen Zusammenbruchs, der nicht vom Himmel fiel, sondern künstlich erzeugt wurde.
  • Jochen Grünhagen (0) Die Zahlen aus dem Artikel sind nicht ansatzweise nachvollziehbar. Bei 85 Stunden Arbeit pro Woche und 17 Euro pro Stunde müsste die Dame rund 6.200 Euro Umsatz pro Monat machen. Interessant wäre es zu erfahren, ob die 17 Euro inkl. Mehrwertsteuer sind oder nicht - macht immerhin 19 % aus.

    Weiter ist die Dame selbstständig, von ihrem Umsatz gibt es also keine "gesetzlichen Abzüge". Diese gibt es nur bei Arbeitsverhältnissen (und bei Beamten), wenn der Arbeitger die Sozialversicherungsbeiträge und die Lohnsteuer einbehält.

    Die Dame ist aber laut Text privat versichert und muss ggf. Einkommenssteuer wg. Einkünften aus selbstständiger Tätigkeit zahlen - aber das behält niemand vom Lohn ein.

    Also sind die im Text genannten 3.000 Euro wohl netto und nach Betriebsausgaben - das wäre kein schlechtes Einkommen für eine gering qualifizierte, selbstständige Tätigket.

    Aber wie ein anderer Kommentator ausgeführt hat, in Zeitungen wird leider selten nach brutto und netto differenziert - siehe zum Beispiel die Debatte um die "gerechten" Gehäler von Lokführern vor ein paar Jahren.
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