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aus Heft 30/2010 Deutschland 14 Kommentare

Gestörte Beziehung

Nur vier Prozent aller Ehen in Deutschland werden zwischen Ost- und Westdeutschen geschlossen. Wer schuld ist? Die Wessis: Mit ihrer Eitelkeit! Mit ihrer Arroganz! ...findet unsere Autorin. Eine Abrechnung.

Von Judka Strittmatter  Illustration: cyan




Liebe Jungs aus dem Westen,

ich mag euch. Ich mag euch wirklich. Es gibt ein paar tolle Exemplare unter euch, meine längste gute Zeit hatte ich mit einem Westfalen. Aber erstens ist das lange her, und zweitens war er wohl doch eine Ausnahme. Denn er war weder eitel noch egoman und er fand es klasse, dass ich ihn eroberte – und nicht umgekehrt. Ihr Westjungs wollt ja lieber Zicken jagen, und wenn man euch auf der Straße anlächelt, einfach so, dann grimmt ihr einen an, als hätte man euch in den Schritt gefasst. Jedenfalls in meinem Kiez in Berlin-Mitte.

Mich also überrascht es nicht, dass ich bei der Suche nach dem Lebensmann wieder bei einem Ossi gelandet bin. Nach Irrwegen bin ich mir nun im Klaren: Ich will nur noch einen, der keine Angst vor Frauen hat. Weder vor ihren Gefühlen noch vor ihrer Durchgedrehtheit noch vor ihrer Selbstständigkeit. Einen, der (gut) damit leben kann, dass seine Freundin unter Umständen auch schlauer, mutiger oder – besonders heikel – erfolgreicher ist. Und der sich dennoch Manns genug fühlt.

Unsere Jungs, die aus dem Osten, haben bei dieser Suche besser abgeschnitten. Sie sind mit Müttern groß geworden, die arbeiten gingen, die Chefs waren, oft auch zu Hause. Um ihre Emanzipation mussten sie nicht kämpfen, höchstens um ein paar Apfelsinen in der Kaufhalle. Abhängigkeit kannten sie nicht, lediglich emotionale. Ein Grund auch, warum ihre Töchter heute weniger einen Versorger suchen oder einen, der gleich heiraten will. Wir Ostmädels können auch ohne Trauschein.

Dass Geschmäcker wie meiner allerdings der Grund dafür sein sollen, dass heute gerade einmal vier Prozent aller Ehen zwischen Ossis und Wessis geschlossen werden, halte ich für ein Gerücht. Denn auch Nord- und Süddeutsche kommen nicht öfter zusammen, sagen die Statistiker. Es liegt wohl eher an der Entfernung. Deshalb gibt es auch mehr deutsch-türkische Liebesallianzen als ost-westliche in unserem Land, gerade in den Großstädten. Und wer kann schon sagen, wie viele Ossis und Wessis in wilder Ehe miteinander leben?

Ich jedenfalls kenne einige: Mein Bruder John, Anfang 30, ist das aktuellste Beispiel. Nicht mal Gesinnungsunterschiede beim reiferen Semester verhindern die Ost-West-Allianz heutzutage, das belegen Iris Berben und Sarah Wagenknecht. Während die eine, die sich sehr politisch gibt, einen ehemaligen Stasi-Mann liebt, ist die andere, Linken-Politikerin und bekennende Kommunistin, mit einem westdeutschen Unternehmer verheiratet, sprich: mit einem Kapitalisten.

Eigentlich habt ihr Westjungs vor Jahren auch bei mir mal offene Türen eingerannt. Denn uns Ostfrauen, die wir zur Wendezeit 19, 20 Jahre alt waren, gerieten die eigenen Männer lange Zeit aus dem Blick. Wir gierten nach Kerlen, die uns was erzählen konnten von der Welt, die gern auch ein bisschen arrogant und großmäulig sein durften. Mit solchen waren wir eindeutig unterversorgt, aber sie ritten seinerzeit mehr als genug in die Zone ein, oder wir Ostmädels trafen sie im Westen, wohin viele von uns ihrerseits sehnsüchtig aufgebrochen waren. Diesen neuen Typ Mann wollten wir unbedingt – bis sich seine Coolness als Kaltschnäuzigkeit und seine Lockerheit als Rückgratlosigkeit entpuppten.

Dann entdeckten wir die Ostmänner wieder, die sich bis dahin (jedenfalls viele von ihnen) ordentlich gemacht und an Weltgewandtheit zugelegt hatten. Inzwischen hingen auch bei ihnen Helmut-Lang-Hemden im Schrank, sie hielten Aktionäre nicht mehr für Friedensbewegte und machten den Mund auf, wenn im Restaurant das Steak »well done« statt »medium« kam.
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Nun gefielen plötzlich auch Frauen aus dem Westen unsere Jungs. Früher hatten sie diese nur als Loser wahrgenommen, mit schlechtem Geschmack und ohne Kohle. Aber nun, zermürbt von einem nervigen Liebesmarkt, dem die Verbindlichkeit abhandengekommen war, legten wir West- und Ostfrauen um die Dreißig uns alle dasselbe Beuteschema zu: Nicht die Verpackung, sondern der Inhalt zählte.

Wir wollten keinen mehr, der uns schon beim ersten Mal mit seinem Porsche, seinem Loft oder seinen Aufstiegschancen vollschwatzte, wir wollten einen, mit dem man reden konnte, der zuverlässig war und sich nicht in Luft auflöste, wenn wir uns als zutraulich erwiesen. Ein »Müsli« oder »Softie« oder einer, der zum Jagen getragen werden will, musste er freilich dennoch nicht sein.
Heute glaube ich zwar nicht, dass es einen von der großen Liebe abhält, wenn der eine »Mama« und der andere »Mutti« sagt oder »an« oder »zu« Weihnachten gefeiert wird. Aber für mich fühlt es sich einfach gut an, dass der Liebste einen ähnlichen Erfahrungsschatz teilt.

Dass er mit den gleichen Trickfilmen, der gleichen schlechten Schokolade und den gleichen obligatorischen Ostsee-Sommerferien hinterm selbst genähten Windschutz groß geworden ist. Dass wir lachen müssen, wenn wir uns erinnern, wie sehr wir uns nach einer Wrangler verzehrten und wie öde dieser ganze FDJ-, DSF- und GST-Mist war: Vereine, Organisationen, in die wir reinmussten und qua Eingeschüchtertheit auch hineingegangen sind. Und es fühlt sich gut an, dass einer nicht zusammenzuckt, wenn man sich an das eine oder andere im Unrechtsstaat gern erinnert. An die Arglosigkeit beispielsweise, die uns allen eigen war.

Vielleicht – aber das ist nun wirklich meine These, und sie gilt auch nur für die, die zur Wende schon fertige Menschen waren – findet man am Ende nur erfolgreich am Tisch zusammen, wenn man die gleichen Macken, Marotten und Minderwertigkeitsgefühle hat, gespeist aus Erziehung, Schule und Sozialisation. Egal ob die Kindheitshelden »Asterix und Obelix« oder »Pittiplatsch und Schnatterinchen« hießen. Von daher also, relaxt, Westmänner! Ansonsten zählt das ganz banale Mann-Frau-Ding. Und das hat Millionen Facetten. Für meine Großmutter, eine kluge und schöngeistige Frau, hatte es nur diese eine: Klappt es im Bett nicht, klappt es auch sonst nicht.


Kommentare

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Kommentar:

  • Bip Bob (0) bis jetzt alle bekannten die aus dem "Ex Osten" kommen waren alle komisch und seltsam, der eine wollte mich anklagen (an die behörden petzen) weil ich mein PSP gecrackt habe und es ja elegal ist und die anderre hat mich aus Ihrem geburtstag ausgeladen nur weil ich mit gästen über themen gesprochen habe die sie als uninteressant bezeichnet hat.
    gestört oder ?

    also 2 mal hintereinander ein reinfall da muss schon was dranne sein

    gestörte ossis halt...
  • Lieb Chen (0) ?(...) und wenn man euch auf der Straße anlächelt, einfach so, dann grimmt ihr einen an, als hätte man euch in den Schritt gefasst. Jedenfalls in meinem Kiez in Berlin-Mitte. "

    DESHALB bin ich AUSGEWANDERT!!! Ich (Wessi aber als Mischling mit Fernweh normal im Kopf) habe ein Leben lang gedacht, mit mir stimmt was nicht. Ein Leben lang hab ich ANGST gehabt vor dieser Abweisung, bis mir so langsam klar wurde, dass dieses Land so dermaßen degeneriert ist was das Spiel zwischen Mann und Frau betrifft, bis ich begriffen habe, dass es mit mir gar nichts zu tun hat, im Gegenteil. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich getraut habe, in Amsterdam hoch zu schauen und in die Augen zu schauen und ich fall jedesmal fast vom Rad, wenn Mann mich anlächelt, oder "Hey lekker ding" ruft, "Hey schatje" oder einfach nur nicht weg guckt.

    Schade, dass mein Opa tot ist, ich würd so gerne wissen, ob das vor 1930 auch schon so war.
  • PETRA STERR (0) Leider sehr eindimensional.
    Schade dass der hier sich der "Osten" immer noch "ein"geschränkt präsentiert.
    Petra
  • Pascal ♥ (0) Liebe Frau Strittmatter,
    vielleicht sollten Sie nicht immer bloß in Mitte suchen.
    Das weiß doch jede, dass da nur die Knallköppe herumlaufen, und da spielst keine Rolle, ob die Noddis, YSüddis, Ossis oder Wessis sind.
    Aber die Idee zum Thema hatten Sie sicher nicht selbst, oder?
  • Wolfgang Wetzer (0) Bevor man das ganze zum ganz großen Drama aufspielt würde ich aber auch gerne wissen wie viele Ehen eigentlich zwischen Nord- und Süddeutschen geschlossen werden. Sollten das auch nur 4% sein, sollten wir sofort ein Südi vs. Nordi debatte anstoßen...
  • Christoph Urban (0)
    Markus Wagner (0) sagte:
    Meine eigenen Freundin bezeichnet mich mittlerweile auch nicht mehr als "Klassenfeind" oder "bösen Kapitalisten der ihren schönen Sozialismus zerstören will"! Es gibt also noch Hoffnung!


    Ich werde den Verdacht nicht los, dass manche Wessis einfach ein Problem haben: http://www.wessi-komplex.de Viel Vergnügen!
  • wo weil (0) Sehr geehrte Frau Strittmatter,

    Ihr Artikel ist sehr spannend und auch interessant. Zumal ich als "Wessi" -übrigens Westfale- seit 1996 mit einer "Ossi" zusammenlebe. Seit 2000 sind wir auch sogar (?) verheiratet. Zwischen uns gab es einfach keine Ost-West Konflikte. Jeder von uns wußte, daß jeder unterschiedliche Lebenserfahrungen hatte. Diese Tatsache als Problem anzusehen, wäre für uns ein Problem. Und mit diesem Bewußtsein werden zwischen uns beiden wahrscheinlich auch noch heute die Erfahrungen ausgetauscht. Im Prinzip kann man einfach sagen: "Wir leben einfach". In diesem Zusammenhang gibt es keine Grundsatzdiskussionen oder vorgefertigte pseudo-verständnisvolle Analysen (so etwa wie "typisch Deine Lebenserfahrung" etc). Es kann durchaus mal passieren, daß der eine ohne Absicht den anderen überzeugt. Und das ist auch in Ordnung so.
  • Bettina Baltschev (0) Auch in Beziehungen zwischen Männern und Frauen gilt das Prinzip der Nähe, das von Judka Strittmatter hier so nett beschrieben wird. Der Bayer sucht sich die Bayerin, weil sie schon als Kinder zusammen auf die Alm gestiegen sind und der Sachse findet die Sächsin, weil sie sich an die selben Geschichten von früher erinnern.
    Ein bisschen ist die ganze Ost-West-Chose auch konstruiert. Denn der "Ossi" oder der "Wessi" ist nur so lange einer, wie man ganz pauschal über den redet, den man nicht kennt. Wenn man ihm dann aber persönlich begegnet und sich, huch, auch noch verliebt, ist es doch ganz egal, woher einer kommt.
  • Markus Wagner (0) Möglicherweise greifen hier auch Evolutions-Mechanismen: Wenn verschiedene Populationen einer Art über mehrere Generationen voneinander getrennt sind, verläuft die Entwicklung des Balzverhaltens doch in ganz unterschiedliche Richtungen. Daher finde ich vier Prozent eigentlich gar nicht so schlecht. Aber "was zusammen gehört wächst sicher auch irgendwann zusammen" (Gott das klingt zweideutiger als ich eigentlich wollte!), und vielleicht kann man die versprochenen "blühende Landschaften" ja irgendwie auch so interpretieren, dass das ganze sich auf Blümchen und Bienchen und so bezog. Meine eigenen Freundin bezeichnet mich mittlerweile auch nicht mehr als "Klassenfeind" oder "bösen Kapitalisten der ihren schönen Sozialismus zerstören will"! Es gibt also noch Hoffnung!