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aus Heft 37/2010 Familie Noch keine Kommentare

Mein Vater fragt sich jeden Tag, ob er in den Westen gehen soll

Auf langen Autofahrten durch die DDR und Polen lernte Jochen Schmidt schon als Kind, dass er sein Leben lang Beifahrer bleiben wird.

Von Jochen Schmidt  Bild: Klaus Fürmaier




Im Auto erzählt mir mein Vater, dass er dieses Jahr endlich in einem polnischen Waldstück das Feriengrundstück seiner Eltern suchen will. Bei Google Earth liege die Stelle leider unter Wolken. Vor dem Einschlafen stellt er sich immer vor, er wäre fünf Jahre alt und wieder dort, in der Stille eines endlosen Sommernachmittags. Ich soll mitkommen, weil einer am Auto warten muss, das er in Polen nicht unbewacht stehen lassen will. Wir sind unterwegs ins Oderbruch, wo wir wie jedes Jahr zusammen Ferien machen. Die Städte an der Strecke haben jetzt Umgehungsstraßen, man fragt sich, wo sie denn bleiben, da ist man schon vorbei. Natürlich werden wir das Grundstück in Polen auch diesmal nicht suchen, es reicht ja, davon zu träumen. Diesen Charakterzug habe ich vermutlich geerbt. Jeden Tag freue ich mich aufs Einschlafen, denn dann sehe ich uns im Auto unterwegs ins Oderbruch, über uns das Grün der Chausseebäume und vor uns der Sommer:

Um das Auto ist mein Vater immer besorgt, er sagt dann: »Ich muss heute noch tanken.« Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich später einmal alleine tanken soll, es gibt so viele Benzinsorten, und man muss Datum, Kilometerstand, Benzinpreis pro Liter, Gesamtsumme und die seit dem letzten Tanken gefahrene Strecke in einem zerfledderten Fahrtenbuch notieren. Ich atme im Auto nur durch den Mund, weil mir vom Benzingeruch schlecht wird. Als ich einmal im Bus zum Tierpark brechen muss, hält mein Vater schnell die Hände auf.

Im Auto hat jeder seinen Platz. Mein Bruder will auf die Seite vom Lenkrad, ich will ans Fenster, und meine Schwester kommt in die Mitte, weil es ihr nicht so wichtig ist. Wenn meine Oma mitfährt, muss sie sich zwischen uns auf die Rückbank quetschen. Beim Einparken müssen sich alle so tief wie möglich ducken. An Kreuzungen beugt sich der Beifahrer vor, schaut nach rechts und sagt: »Rechts ist frei«, oder: »Rechts kommt was.« Dann sagt mein Vater: »Danke, ich seh schon.« In der Schule sage ich stolz: »Mein Vater hatte schon mal ein Loch im Kopf«, denn mein Vater hat sich einmal mit dem Auto überschlagen. An der Stelle fahren wir jedes Mal langsamer und gucken raus, man sieht aber nichts mehr.

Mit Taschen zwischen den Beinen und einer Schaumgummimatratze auf dem Schoß sitzen wir im Auto, während unser Vater versucht, das Gepäck so zu verstauen, dass ein Spalt der Rückscheibe frei bleibt. Wir müssen ganz still sein, damit er uns nicht an einen Baum fährt. Vor dem Urlaub ist er immer gereizt. Den neuen Batteriedeckel, der so schwer zu besorgen gewesen war, zerschmeißt er vor Wut auf dem Boden.

Dass meine Eltern sich schon kannten, bevor wir geboren waren, kann ich gar nicht begreifen. Damals haben sie in der Schulpause Tango geübt und gesungen: »Wenn bei Capri die rote Flotte im Meer versinkt…« Später kamen die Kinder, und seitdem klebten die Türklinken von unseren Fingern. Bei Waldspaziergängen konnte mein Vater jetzt keine Tiere mehr beobachten, weil wir sie mit unserem Geschrei verscheuchten.

»Hat wer Hunger?«, fragt meine Mutter und reicht aus dem Essenskorb zwischen ihren Beinen einen Apfel nach hinten. Mein Vater bekommt einen Keks in den Mund geschoben, damit er das Lenkrad nicht loslassen muss. Wenn wir nichts mehr zu trinken haben, gibt es ausnahmsweise einen Schluck Wasser aus der kleinen Flasche, die meine Mutter für ihre Migräne-Tabletten hat. Die nächsten drei Kilometer sollen wir nach Rehen Ausschau halten. So lange fühlen wir uns in Lebensgefahr.

Vor Seelow bewundern wir immer »unser Traumhaus«. Ein moderner Flachbau, mit großen Fenstern zum Garten. Wer da wohl wohnt? Mein Vater hätte gern ein einsames Haus mit Garten, aber wir haben keine Beziehungen, und meine Mutter hält es für Spinnerei. Außerdem haben wir doch gar nicht das Geld. »Ich brauche nur Brot, Butter und Salz!«, sagt mein Vater dann. Abends kocht er Mehlsuppe, wie es sie nach dem Krieg gab. Das Fett von den Plastemilchtüten, die immer auf dem Weg von der Kaufhalle nach Hause aufplatzen, kratzt er mit dem Löffel aus.

An Müllkippen halten wir an und streifen über das Gelände. Mein Vater sucht nach Flaschen mit Porzellanverschluss. Eine verrostete Waage kommt mit, so eine hatten sie im Haus seiner Mutter, das damals so überhastet verkauft worden war. Was da auf dem Müll gelandet ist! Der Steinbaukasten! Auf Flohmärkten kauft er es sich wieder zusammen. Zu Besuch bei anderen guckt mein Vater immer unter die Teller, woher das Porzellan kommt. »Ich möchte von schönen Dingen umgeben sein.« Er sammelt Spazierstöcke, Kohle-Bügeleisen, Poesiealbumsprüche, Weihnachtspyramiden, von Klaus Ensikat illustrierte Bücher, alte Küchengeräte, Briefmarken, schöne Knöpfe, und außerdem pflegt er seine Kakteen, einer stammt noch von seinem Großvater.

Jeden Abend bringt er Bücher nach Hause, manche kauft er nur, weil das Papier gut ist, was in der DDR selten vorkommt. Holzvorräte aus dem Wald lagern auf dem Balkon, falls er einmal etwas schnitzen will. Aus Fahnenstangen bastelt er uns Stelzen, aus einem Jahrgang vom ND Pappmascheeköpfe, ein Vorschlaghammerstiel wird zum Stullenbrettchenhalter.

Meine Exponate für die jährliche »Galerie der Freundschaft« in der Schule stammen in Wirklichkeit von meinem Vater. Mit einem Fesselballon aus Zeitungen, Kronkorken und einem Wischlappen gewinne ich den »Preis des Direktors«. Einen Nagel hat er dafür in der Gasflamme rot glühend erhitzt, und damit Löcher in ein Plasteschälchen gebohrt. Meine Mutter hätte lieber, dass er endlich unsere Spielkiste streicht, wie zu meiner Geburt versprochen.
Wochenlang beobachten wir den Tachometerstand und fiebern dem Moment entgegen, wenn sich die vier letzten Ziffern gleichzeitig drehen werden. »Jetzt sind wir einmal um die Erde«, sagt mein Vater, als die 40 000 erscheint. Er fährt etwas langsamer, damit wir die Zahl möglichst lange bewundern können. Würden wir das Auto am Straßenrand abstellen, um diesen vollkommenen Anblick nicht zu zerstören, ich würde ohne zu murren zu Fuß weitergehen.

»Der Fahrer des weißen Trabants mit dem Kennzeichen IX 62-27 …« Die Ansage kam aus einem Polizeiauto, beim dritten Mal merkt mein Vater, dass er gemeint ist. Wir halten auf einem Feldweg. Ein Polizist beugt sich herab. Unser Nummernschild sei verdreckt. Mein Vater muss seine Fahrerlaubnis vorzeigen. Wird er einen Stempel bekommen? Einen hat er schon, weil am Bahnhof Friedrichstraße eine widersprüchliche Parksituation bestanden hatte. Er schreibt an die Polizei, und ein Verkehrsschild wird aufgestellt, es ist »unser« Verkehrsschild. Zur Wendezeit schreibt er an die Regierung, dass die Sohlen seiner neuen Halbschuhe sich im Regen ablösen. Der Minister schreibt zurück. Er ist aber nicht mehr lange genug im Amt, um in der Sache etwas zu bewirken.

Mein Vater zeigt uns, wie sie es machen, dass ein Kinnhaken im Film echt wirkt. Er malt uns ein Mäander-Muster auf. Wir lernen, dass sich die Säulen am Alten Museum nach oben verjüngen, und er übersetzt uns den lateinischen Spruch im Giebel. Die Lebensdaten von Goethe und Schiller müsse man kennen. Aus Protest weiß er sogar Stalins Geburtstag. Er versucht, uns den Ekel abzugewöhnen, wir sollen die Flasche vor dem Trinken nicht abwischen, sonst würden sich später die anderen bei der Armee über uns lustig machen.

Ob ich wie alle in die FDJ eintrete, soll ich selbst entscheiden. Aber den schrecklichen Gang zum Hausmeister muss ich tun, wenn ich in der Schule meine Mütze verloren habe. Man müsse lernen, sich zu trauen. Sein Vater hatte meinem Vater gesagt, er müsse sich selbst beim Direktor abmelden, wenn er nicht zur Kinderlandverschickung wolle. Kurz vor Kriegsende traf ihn in der Nähe seines Hauses eine deutsche Granate und meine Oma stand mit fünf Kindern alleine da. Die Stärkefabrik, für die er gearbeitet hatte, wollte einen Pudding ohne Pelle entwickeln. Der Krieg hatte es verhindert. Wo ich doch Pelle hasste!

Obwohl ich nur durch den Mund geatmet habe, ist mir wieder schlecht geworden. In Westautos ist es am schlimmsten, wegen der ungewohnt sanften Federung. »Jochen ist ganz grün«, sagt meine Schwester und studiert neugierig mein Gesicht. Ich halte meine rote Kotzschüssel fest. Am nächsten Rastplatz gehe ich ein paar Schritte in den Kiefernwald, meine Schüssel wird mit lauwarmem Wasser aus dem Kanister ausgewaschen.

Meine Eltern haben dieselbe Arbeitsstelle, das kommt mir ganz natürlich vor. »Diplom-Philologe« klingt immer schön geheimnisvoll, wenn ich in der Schule nach ihrem Beruf gefragt werde. Nach der Wende zeigt unser Vater uns im Mikrofiche-Katalog der Westberliner Staatsbibliothek seine Doktorarbeit. Sein Name hier, das war noch besser als ein Loch im Kopf.

Ein einziges Mal sehen wir das rote Lämpchen unterm Tachometer aufleuchten. Mein Vater hat rechtzeitig einen neuen Keilriemen besorgt, aber man muss den Motor ausbauen, und die Schrauben sitzen fest. Wir verhalten uns still, weil wir meinen Vater nicht stören wollen, der unsere einzige Hoffnung ist, von hier wegzukommen. Mehr als im Dunkeln die Taschenlampe zu halten, wenn er angespannt in das unheimliche Ambiente unter der Motorhaube starrt, können wir nicht tun.

Ich möchte auch eine Winkehand in der Rückscheibe, aber mein Vater sagt, das würde den Fahrer hinter uns irritieren. Wir haben kein Radio, obwohl man die Stelle sehen kann, die in der Armatur dafür vorgesehen ist. Wir haben keinen auf der Straße schleifenden Blitzableiterstreifen, an den wir nicht glauben. In einem Westauto haben wir schon mal Rollgurte gesehen, die sich an den Körper schmiegen und bei ruckartigen Bewegungen wie durch ein Wunder Widerstand bieten.

Der Westen ist ein Reich der Bequemlichkeit, deshalb wirken die Menschen von dort immer so entspannt, wenn sie aus ihren Autos steigen, obwohl sie viel weiter gefahren sind. Mein Vater fragt sich jeden Tag, ob er in den Westen gehen soll. »Das kannst du unserer Mutter nicht antun«, hatte sein Bruder nach dem Mauerbau gesagt. Es konnten doch nicht alle rübergehen. Im Theater, wenn der Applaus der Zuschauer sich unweigerlich in ein rhythmisches Klatschen verwandelt, klatschen wir immer dagegen an, weil wir das »Parteitagsklatschen« ablehnen. Ich soll auch nicht »Fakt ist« sagen, das sei Ulbricht-Sprache.

Wir halten immer vor derselben Bahnschranke, die mein Vater »die Schikane« nennt. Die Schranke ist immer unten, und der Zug kommt nach einer halben Stunde, wir zählen die Waggons. Dann warten wir noch einmal zwanzig Minuten, bis aus der Gegenrichtung ein Zug kommt, wieder zählen wir die Waggons. Einmal klopft ein russischer Soldat an unsere Scheibe und will uns eine goldene Uhr verkaufen. Als er weg ist, ist mein Vater erleichtert. Seine Mutter hatte wegen der Russen einen Schlagring im Nachtschränkchen. »Guckt mal, ein Storch!«

Wenn der Motor endlich verstummt, bedankt sich meine Mutter immer in unserem Namen bei meinem Vater: »Hat uns Papa doch wieder schön gefahren!« Man spürt, wie erleichtert sie ist, weil wir noch einmal Glück gehabt haben und nicht an einen Baum gefahren sind.

Inzwischen ist unser Trabant längst verschrottet, und ich habe seit zwanzig Jahren kein eigenes Auto, obwohl ich einmal dachte, zehn Jahre seien eine lange Wartezeit. Irgendwann muss es doch so viele Autos geben, dass auch eins für mich übrig ist, denke ich immer. Manchmal borge ich mir eines und fahre los. Ich bin jetzt selbst der Papa und sitze vorne. Meine Tochter sitzt hinter mir, sie hat sogar schon mal gekotzt.

Jeder Laden, an dem wir halten, ist ein Intershop. Ich habe ein Radio und einen Rollgurt, der sich an mich anschmiegt, wenn ich mich nach vorn beuge. In der Armatur gibt es viel mehr als ein rotes Lämpchen, ich weiß aber nicht, was sie mir sagen wollen. Meistens flackern sie nur kurz, und ich versuche sie nicht zu beachten. Ich bin der Papa, und Papa fährt. Eines Tages wird meine Tochter vorne sitzen, und ich wieder hinten, bei den Enkelkindern. Es kann immer nur einer fahren. Unsere Zukunft können wir nicht kennen, aber wohin es auch geht, es wird immer jemand hinter dem Lenkrad sitzen.

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