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aus Heft 38/2010 Politik

Griechisch für Fortgeschrittene

Alexandros Stefanidis 

Noch vor ein paar Wochen blickte die ganze Welt auf Griechenland  - besonders die deutschen Medien urteilten hart gegen die vermeintlichen "Betrüger der Eurofamilie". Unser griechischer Kollege - soeben aus dem Heimaturlaub zurück - findet: Es ist höchste Zeit, einiges gerade zu rücken.

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Wir saßen auf der Terrasse, auf dem Tisch standen eine Schüssel mit Bauernsalat, gebackener Feta, Zaziki, gegrillte Lammkoteletts, mit Reis gefüllte Paprika und zwei Flaschen Retsina. Meine Mutter hatte eine alte Platte mit griechischen Volksliedern aufgelegt. Theodorakis. Es war Mitte August in Thessaloniki. Und es war nicht das erste Mal, dass ich in dieser Runde von elf, zwölf Griechen über Deutschland erzählte.

Viele meiner Verwandten kennen Deutschland. Allerdings das Deutschland der Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahre, die alte Bundesrepublik. Das neue Deutschland kennen sie nur aus den Nachrichten. »Die Deutschen sind unsere Freunde«, sagte ich und erntete Kopfschütteln. In Deutschland mag das Thema »Griechenlandhilfen« etwas in den Hintergrund gerückt sein, man streitet sich nicht mehr wie noch vor wenigen Wochen über die Griechen und ihre Finanzen, sondern über die Integration von Türken und Arabern.

In Griechenland aber hat die Empörung darüber, wie die deutschen Medien über den »Fall Griechenland« berichtet haben, nicht nachgelassen. Viele Menschen fühlen sich falsch verstanden – und für mich war es das erste Mal, dass ich in dieser Runde Deutschland verteidigen musste.

»Wenn sie unsere Freunde sind, warum beschimpfen sie uns als Betrüger, Schmarotzer und Taugenichtse, warum schreibt die Bild-Zeitung solche Lügen über uns?«, fragte meine 74-jährige Tante Eleonora, die 24 Jahre in den Lagerhallen von Bosch in Stuttgart Böden geschrubbt hat und die Deutschen damals für ihre Ehrlichkeit, ihren Anstand lieb gewonnen hatte.

»Nicht nur die Bild«, fügte mein Onkel Platonas hinzu, der in München studiert hat und täglich die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Internet liest, »auch die FAZ, der Stern, und hast du Aphrodite mit dem ausgestreckten Mittelfinger im Focus vergessen?« – »Woher kommt auf einmal diese himmelschreiende Arroganz?«, fragte mein junger Cousin Sokrates, der im Oktober seinen Job als Bauzeichner verloren hat und bei den Demonstrationen in Athen auf einen Bild-Reporter stieß, der einen »Bettel-Test« machte: Der Mann saß in Hemd, Sakko und Fliege frohgelaunt vor dem griechischen Parlament und trug ein Schild, auf dem stand: »Deutscher braucht dringend Hilfe«. Vor ihm stand ein Pappbecher.

Der Reporter fragte, ob ihm mein arbeitsloser Cousin ein paar Euro zustecken würde, jetzt, da sich Deutschland bereit erklärt hatte, Griechenland Geld zu leihen. Sokrates, der zu den Demonstrationen getrampt war, weil er sich kein Busticket leisten konnte, stülpte seine Hosentaschen nach außen, der Reporter lächelte wissend. Er fand das witzig. »Wenn sich Freunde in einer deiner schwärzesten Stunden über dich lustig machen, weil du keine Arbeit und kein Geld hast, dich öffentlich demütigen, möchte ich nicht wissen, was die Deutschen mit ihren Feinden machen«, sagte Sokrates. Es klang nicht böse. Es klang verletzt. Nach einer kurzen Pause sagte er: »Aber wir wissen ja, was sie mit ihren Feinden machen.«

Er blickte auf das gerahmte Schwarz-Weiß-Foto unseres Großvaters, das über der Eingangstür hängt. Für Sekunden sprach niemand ein Wort.

Mein Großvater starb durch einen Schuss in den Kopf. Eine Kugel bohrte sich in seine Schulter, ungefährlich, eine andere in sein linkes Auge, tödlich. Sommer 1941. Sein Körper sackte zusammen, der Mann, den ich nie kennenlernte, fiel auf die Knie und dann zur Seite. Er hatte die Wasserleitung zu einer Militärbaracke sabotiert. Das Erschießungskommando fand vor dem Haus meiner Großeltern statt. Das ganze Dorf sollte dabei zusehen.

Mein Vater hatte damals gerade laufen gelernt. Er tappte in die sich ausbreitende Blutlache und weinte. Bevor der Offizier der Waffen-SS den Schießbefehl gab, erlaubte er meinem Großvater noch ein letztes Wort: »Es lebe das freie Griechenland!«

Die monatelange Medienkampagne gegen die Griechen hat das Verhältnis meiner Familie zu Deutschland angeknackst, in Frage gestellt. »Weißt du«, sagte meine Tante Eleonora, die 1941 sechs Jahre alt war, »es dauert Jahre, vielleicht Jahrzehnte, um aus Todfeinden wieder Freunde zu machen. Aber manchmal genügen nur ein paar Sekunden, und es ist, als hätte es diese Freundschaft nie gegeben.« Sommer 2010. Ich griff nach einem der Koteletts. Theodorakis hatte aufgehört zu spielen.
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Alexandros Stefanidis

, 35, traf in Griechenland Gewerkschaftsmitglieder, Parlamentsabgeordnete, Kioskbesitzer und Firmenchefs. Kaum einer sparte mit Kritik an der Regierung. Trotzdem ist die Mehrheit der Griechen für harte Sparmaßnahmen. Bei Lohnkürzungen bis zu 25 Prozent.

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