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aus Heft 39/2010 Gesellschaft/Leben

Bitte alle mal herschauen!

Marc Baumann, Christoph Cadenbach, Max Fellmann  Fotos: Florian Büttner

Spionage! Datenschutz! Privatsphäre! – die Debatte um Google Street View wurde hysterisch geführt. Doch wir wollten wissen, wie die Straße reagiert. Also haben wir das "Google Street View Car" nachgebaut und sind damit durch Deutschland gefahren.

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Berlin-Neukölln


Noch bevor wir die Kamera aufs Autodach montiert haben, hören wir das erste »Fickt euch«. Eine junge Frau starrt uns böse an, stapft dann weiter. Der erste Test ist geglückt: Unsere Kamera-Attrappe scheint täuschend echt. Wir ziehen die letzten Muttern der Stützstreben fest und wuchten das Ding, 1,50 Meter hoch, 30 Kilo schwer, auf die Dachgepäckträger unseres schwarzen Opel Astra.  Mit genau solchen Autos ist auch Google durch Deutschland gefahren. Noch die Magnetschilder mit dem Google-Firmenlogo auf die Vordertüren – und los.

Der Versuch: Wir wollen herausfinden, wie die Menschen reagieren, wenn plötzlich das Google-Auto vor ihnen steht, von dem sie in den vergangenen Wochen ständig in den Zeitungen lasen. Der Tenor reichte von »Datenkrake Google« bis »Alles nicht so schlimm (auf Facebook geben wir nämlich deutlich mehr von uns preis)«. Zwei Tage sind wir mit unserem nachgebauten Google-Street-View-Auto durch Berlin und München gefahren.

Die Stationen: Prenzlauer Berg in Berlin und Gärtnerplatzviertel in München, dort wohnen jeweils aufmerksame Eltern und Linke mit Geld; Reichstag und Marienplatz, beides Touristenzonen; Berlin-Kreuzberg, wo die Menschen gegen Vorratsdatenspeicherung und Kapitalismus demonstrieren; München-Grünwald, wo die wirklich Reichen zu Hause sind; Berlin-Neukölln (viele Migranten); München-Straßlach (ländliches Vorortidyll).

Aus Angst, die Kamera-Attrappe könnte uns auf die Motorhaube krachen, fahren wir die ersten Meter in Neukölln lieber Schritttempo zehn. Hinter uns staut sich der Verkehr, doch niemand hupt. Auf den Gehwegen bleiben die Menschen stehen, ungläubige Blicke. Manche zeigen uns den Mittelfinger, andere winken über uns hinweg in die Kamera-Attrappe. Als uns drei Jugendliche mit Bushido-Frisur und Karottenjeans erblicken, stellen sie sich schnell in Gangster-Pose auf und gucken cool Richtung Autodach. »Das ist das Youtube«, sagt der eine, die anderen nicken.
 
An der nächsten Ampel erkennt uns ein Rentner, der vom Fensterbrett aus die Straße beobachtet. Er streckt seinen Arm, formt seine Hand zu einer Pistole und zielt auf uns, mit todernstem Blick. Bam. Bam. Dann verschwindet er hinter der Gardine.

Straßlach bei München

Ein Traktor brummt, eine Kirchenglocke läutet, wir stehen auf einem Parkplatz zwischen Maibaum und Gasthof. Jenseits der Straße: Felder, Wald. Außer einem alten Mann mit weißen Haaren und roten Backen ist niemand zu sehen. Er kommt auf uns zu, lacht und fragt: »Tuts ihr mich fotografieren?« Wir: Ja, stört Sie das? Er: »Ach geh, das ist mir wurscht, die ganze Diskussion ist doch bloß Hysterie.« Dann tippt er sich an den Hut und geht weiter.
 
Berlin, Prenzlauer Berg

Am Kollwitzplatz: Vormittagssonne, die Cafés sind voll. Wir halten direkt neben einem beliebten Kinderspielplatz. In Neukölln hatte eine Mutter ihrem Kind eine
Jacke über den Kopf gelegt, als sie uns sah. Doch hier scheinen sich weder die Eltern noch die Kaffeetrinker für uns zu interessieren. Ein paar misstrauische Blicke, aber niemand sagt etwas.

Eine Querstraße weiter dann: »Was soll das? Hört auf!« Eine junge Mutter schimpft, sie hat einen Säugling umgebunden, wir sprechen mit ihr. »Ich habe vor einer Minute noch gestillt, da will ich nicht fotografiert werden«, sagt sie. Von hinten stürmt ein Mann heran: »Vor drei Monaten hab ich euch eine E-Mail geschrieben, dass ich bitte schön gelöscht werden will«, poltert es aus ihm heraus, »und jetzt seid ihr hier und fotografiert. Verschwindet!« Wir sagen ihm, dass wir Journalisten sind. »Ich finde es falsch«, erklärt er dann, »dass ein Unternehmen sich am öffentlichen Raum bedient, ohne der Öffentlichkeit etwas zurückzuzahlen. Google will mit Street View ja nicht der Menschheit helfen, sondern Geld verdienen.« Und die Mutter mit dem Säugling ergänzt: »Ich komme aus der DDR, die haben auch ungefragt Daten von einem gesammelt. Das geht doch nicht.«

München, Gärtnerplatz

Vor einem Café in der Nähe des Gärtnerplatzes sitzen Leute mit großen Sonnenbrillen beim Sektfrühstück. Als wir an ihnen vorbeifahren, halten sich einige die Hände vors Gesicht. Wir parken und fragen den Wirt: »Ihre Gäste scheinen sich von uns gestört zu fühlen, was sagen Sie dazu?« Wirt: »Tja, nichts, mir egal.« – »Aber stört es Sie nicht, wenn vor Ihrem Café so ein Überwachungsauto . . ?« Der Wirt winkt ab: »Wenn’s den Leuten nicht passt, gehen sie schon.« Ein junger Mann kommt an uns vorbei, er sieht die Dachkonstruktion und richtet sich sorgfältig die Haare.

Berlin-Mitte

Auf der Rosenthalerstraße bessern zwei Bauarbeiter den Asphalt aus. Als der eine uns sieht, klopft er seinem Kollegen auf die Schulter. Erst winken die beiden, dann jubeln sie, dann fangen sie an, wie auf einem Ska-Konzert zu tanzen. Bauarbeiter und Müllmänner, das haben wir schon gelernt, reagieren unterm Strich am freundlichsten auf uns. Frauen zwischen 30 und 40 halten sich oft Speisekarten oder Einkaufstüten vors Gesicht. Andere Autofahrer filmen uns mit der Handykamera, eine Hand am Lenkrad, eine aus dem offenen Fenster hinaus. Fahrradkuriere zeigen uns immer den Mittelfinger.
 
Zwei Männer, die vor einer Pasta-Bar Nudeln essen, küssen sich demonstrativ, als wir an ihnen vorbeifahren. Gays for Google? Wir fragen nach. »We love Google Street View«, sagt der Bärtige. Er ist Schriftsteller aus England, sein indischer Freund stimmt zu: »In Großbritannien regt sich niemand über Google Street View auf. Bei uns hängen eh überall Überwachungskameras.« Ob sie es nicht störe, dass Google mit öffentlichem Raum Geld verdient, ohne etwas zurückzuzahlen? »Wir haben in England Street View benutzt, als wir ein Häuschen auf dem Land gesucht haben – kostenlos«, sagt der Bärtige. »Mich als Autor stört nur, dass Google versucht, alle Bücher zu digitalisieren, das habe ich per Brief untersagt.«

Plötzlich macht sich ein Mann in Jeansjacke an unserem Auto zu schaffen. Es steht in zweiter Reihe geparkt, wir sitzen vor dem Restaurant. Wir: Hey, was soll das? Er: »Polizei Berlin.« Er zeigt uns seinen Dienstausweis, und während wir kurz überlegen, ob wir uns besser als Journalisten zu erkennen geben, sagt er: »Ich weiß ja, Sie müssen hier nur Ihren Job machen und haben es bestimmt nicht leicht. Ich kenn’ das. Hier leben freiheitsliebende Menschen. Auf die 15 Euro wegen Falschparkens verzichten wir jetzt mal.«
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Marc Baumann, Christoph Cadenbach, Max Fellmann

, waren überrascht, dass niemand erkannte, dass die Street-View-Kamera eine Attrappe war. Das ist das größte Kompliment, das man dem Berliner Designer Jan Tiemann machen kann, der die Konstruktion für uns baute.

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