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aus Heft 42/2010 Aus dem Magazin

Süßes? Saures? Wie wär's mit: gar nichts?

Meike Winnemuth  Fotos: Martin Klimas, Getty

Bald ist Halloween, und alle tun so, als sei das wichtig. Aber der Unsinn mit den Kürbissen ist ja nur der Anfang – warum schauen wir uns eigentlich jedes dämliche Fest aus Amerika ab?



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Es wäre gemein, einem einzigen Mann die Schuld an dem Grauen zu geben, aber seien wir jetzt einfach mal gemein: Dieter Tschorn war’s. Gibt er sogar selber zu. Dieter Tschorn hat Halloween zu einem deutschen Fest gemacht – »ich kann Ihnen auch genau sagen, wann das war: am 4. September 1994«. Die Sache war nämlich die: Durch den Irakkrieg 1991 waren Karneval und Fasching ins Wasser gefallen, und die ganze Feier- und Vergnügungsbranche ächzte unter den Umsatzeinbrüchen. Also tagten all die Indianerkostüm-, Pappnasen- und Furzkissenhersteller, die sich zur »Fachgruppe Karneval im Deutschen Verband der Spielwarenindustrie (DVSI)« zusammengefunden hatten, und beschlossen: Ein neues Fest muss her, aber flott, und zwar möglichst eins, das, anders als Karneval, nicht so ärgerlich abhängig vom Kirchenkalender ist – Halloween, der ursprünglich irische, längst aber vornehmlich amerikanische Mummenschanz in der Nacht vor Allerheiligen.

Auf diese Weise ließe sich die Karnevalssaison krisensicher nach vorn verlängern. Und so jagte Dieter Tschorn, der Sprecher der »Fachgruppe Karneval«, Artikel um Artikel an Zeitungsredaktionen raus: wie toll Halloween sei, wie man es fachgerecht feiert, was man dazu anzieht und was man dabei isst. »Es hat vier Jahre gedauert, dann war es Kult.« Der ihm selbst inzwischen ein bisschen unheimlich geworden ist, so scheint es. »Hallowahn«, sagt er und lacht müde.

Von Jahr zu Jahr wird es wahnsinniger. Am 31. Oktober ziehen jetzt nicht nur irrlichternde Kinderbanden in Horrorkostümen von Tür zu Tür, das ganze Land ist schon Wochen zuvor von allen guten Geistern verlassen: Bäckereien voller Spinnwebkekse, Schaufensterpuppen im Vampirlook und monströse Kürbisse mit Fratzengesichtern, wohin man blickt. Tschorn schätzt, dass in Deutschland inzwischen an die 200 Millionen Euro mit Halloween umgesetzt werden. »Für uns ist Halloween nach Weihnachten und Ostern zum drittwichtigsten Ereignis im Jahr geworden«, sagt Torben Erbrath vom Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie. Auch die deutsche Landwirtschaft müsste Tschorn ein Denkmal bauen, schließlich hat er nicht nur Halloween, sondern auch den Kürbis erfunden: vor einer Generation noch hauptsächlich als Schweinefutter geschätzt, heute ein Modegemüse mit exponentiellen Absatzraten. Und das, obwohl die Dinger in Gewicht, Verarbeitung und Geschmack eine einzige Zumutung sind. Wer je eine Axt an einen ledrigen Kürbis gelegt hat und dann die nächsten Wochen Kürbissuppe essen musste, weiß, dass es kein besseres Wappengemüse für das Horrorfestival Halloween geben konnte.
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Ginge es nur um die Frage, warum sich ein amerikanisches Fest wie Halloween so schnell im deutschen Feierkalender breitmachen konnte, wäre das mit der unheiligen Allianz von Dieter Tschorn, Harry Potter und diversen minderjährigen, aber gut gebauten Twilight-Vampiren schnell erklärt. Doch im Schlepptau von Halloween haben sich auch andere angloameri-kanische Sitten eingebürgert: Junggesellinnenabschiede, Babyshowers, aufwendige Geburtstagsfeiern (mit Zauberer!) für Einjährige, Abiturbälle, die mit langen Abendkleidern und Hochsteckfrisuren wie Highschool Proms inszeniert werden, selbst geschriebene Ehegelübde bei Hochzeiten, die neuerdings besonders gern im Freien unter einem Blütenbogen geschlossen werden, am besten gleich von zwei Geistlichen gesegnet – wir können es nicht länger ignorieren: Deutschland ist längst ein Einwanderungsland für amerikanisches Brauchtum.

All das könnte man gelassen hinnehmen, schließlich sind es ja nur harmlose Vergnügungen, was soll daran schon schlimm sein? Macht doch Spaß! Doch ebenso wie sich eingeschleppte Tierarten (der Waschbär, das Grauhörnchen, die Wollhandkrabbe) in fremder Umgebung meist aggressiv ausbreiten und ganze Ökosysteme zusammenbrechen lassen, so scheinen auch die neuen Brauchtümer fatale Konsequenzen zu haben und die dunkelsten Seiten aus den Menschen herauszuholen: Zu Halloween mutieren Kinder, über Jahre angelernt in der hohen Schule des Bettelns und der Erpressung (»Süßes oder Saures!«) zunehmend zu kleinen Monstern, es häufen sich die Anzeigen bei der Polizei. Klingelstreiche? Zahnpasta auf der Türklinke? Das war einmal. Stattdessen Eier- und Ketchup-Attacken, Farbbomben, Brandstiftung, in die Luft gesprengte Briefkästen; im Vorgarten ausgeleerte Mülltonnen sind noch das Harmloseste.

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Meike Winnemuth

50, findet besonders unzumutbar, dass Halloween jetzt auch noch Einzug in ihre Haribo-Colorado-Tüte gehalten hat. Neuerdings sind Weingummi-Lakritz-Vampire Teil der Mischung.

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