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aus Heft 44/2010 Literatur

Zwei Nasen tanken Tolstoi

Andreas Bernard und Lars Reichardt  Fotos: Povsun Nikolai Nikolaevich, Bernd Auers; Illustration: Kaja Paradiek

Rechtzeitig zum hundertsten Todestag des Dichters ist »Krieg und Frieden« als Hörbuch erschienen: 54 CDs, 67 Stunden Laufzeit. Wie soll das zu schaffen sein? Unsere Kollegen haben sich einfach ins Auto gesetzt, den CD-Player angemacht und sind losgefahren, immer Richtung Russland.


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Vor dem Verlagsgebäude: Andreas Bernard (links) und Lars Reichardt, ausgeruht und frisch rasiert, der Audi frisch gewaschen.


CD 1, km 0

Der Michelin-Routenplaner gibt für die Strecke München, Hultschiner Straße – Jasnaja Poljana, Tolstois Grabstätte südlich von Moskau, eine Fahrtzeit von 33 Stunden und 18 Minuten an. Wartezeiten an den Grenzen nicht eingerechnet. 2544 Kilometer, durch Österreich, die Slowakei, Tschechien, Polen und die Ukraine, davon nur 648 Kilometer Autobahn, wie es auf dem Routenplaner heißt, den wir uns in der Redaktion noch ausgedruckt haben. Es ist Sonntag, 9 Uhr morgens. Im Foyer des Verlagshauses begegnen wir dem Sportchef. »Was macht ihr denn am Wochenende hier?«, fragt er. »Mit dem Auto nach Russland fahren, Krieg und Frieden hören, Tolstois 100. Todestag.« Er schüttelt den Kopf und prophezeit: »Das Auto klauen sie euch.«

Die Hörbuch-Edition des Romans umfasst 54 CDs, Laufzeit 67 Stunden. Unser Proviant: Wurstbrote, hart gekochte Eier und lange haltbares Reisfleisch von Lars’ Frau. Die Wartezeit an der ukrainischen Grenze, warnt das Internetforum »Mit dem Auto nach Moskau«, kann bizarre Ausmaße annehmen, zwölf Stunden, 24 Stunden, wenn es schlecht läuft.

Die erste CD wollen wir am Anfang der Salzburger Autobahn einlegen. Das verzögert sich allerdings, denn wir müssen erst die Elektronik in unserem hochmodernen Audi A8 allroad quattro bedienen lernen. Zwei Auffahrten später heißt es endlich: »Sie hören: Krieg und Frieden von Lew Nikolaiewitsch Tolstoi, gelesen von Ulrich Noethen. Erstes Buch. Erster Teil. Erstes Kapitel.« Durchatmen. Los geht’s!

CD 2, km 188
Am Attersee im Salzkammergut. Auf den ersten beiden CDs, die in Anna Pawlownas Salon in Petersburg spielen, tauchen bereits alle Hauptfiguren des Romans auf: die Mitglieder der drei Adelsfamilien Bolkonski, Kuragin und Rostow, dazu Pierre, ein »plumpgebauter, dicker junger Mann« mit Brille und kurz geschorenen Haaren, unehelicher Sohn des reichen Grafen Besuchow und gerade aus Paris zurückgekehrt.

Ulrich Noethen, das wird schon nach den ersten Sätzen klar, ist ein extrem angenehmer Reisebegleiter. Er liest so markant, dass man dauerhaft konzentriert zuhören kann, und so beiläufig, dass er nicht prätentiös oder aufgesetzt wirkt. Dreißig Arbeitstage hat er gebraucht, um die 67 Stunden Text einzulesen, erzählte er am Telefon. Der Audi gibt einen surrenden Ton von sich, wenn man die Spur wechselt, ohne zu blinken. Bleibt das jetzt so bis Russland?

Beim Kauf der österreichischen Autobahn-Vignette fällt uns das Kennzeichen unseres grüngrauen Audis auf: IN-TL 578. Wie passend, diese Initialen: »In Tolstoi Leo«, das werden wir in den kommenden Tagen auf jeden Fall sein.

CD 3, km 347
Regen. Lars: fährt. Andreas: notiert. Lars’ Sitzheizung: 17,5 Grad. Andreas’ Sitzheizung: 21,5 Grad. Lars: Kaffee und hart gekochte Eier. Andreas: Mineralwasser und Hanuta von der Tankstelle. Pierre und seine Offiziersfreunde trinken Rum. Das Gelage endet damit, dass die jungen Soldaten einen Polizisten Rücken an Rücken mit einem Bären zusammenbinden und in den Fluss werfen, der Bär unten, der Reviervorsteher oben. Südlich an Wien vorbei, Richtung Slowakei: die ersten Plattenbauten.

CD 4, km 516
Pause in der Altstadt von Bratislava. Von nun an zeichnen die Speisekarten alle Zutaten in Gramm aus. Andreas: 7 g Espresso, Lars: 14 g. Bratislava, das muss gesagt werden, ist wesentlich hässlicher als erwartet.

Der alte Graf Besuchow erleidet seinen siebten Schlaganfall und stirbt. Pierre wird als legitimer Sohn anerkannt und erbt das Vermögen, ist plötzlich einer der reichsten Männer Russlands und begehrter Junggeselle.

Vladimir Nabokov hielt Tolstoi für den größten Erzähler Russlands, vor Gogol, vor Tschechow, vor Turgenjew. Für Dostojewski aber hatte Nabokov kein gutes Wort übrig. Tolstoi sei der wahre Erfinder des inneren Monologs, ein halbes Jahrhundert vor James Joyce’ Ulysses. Tolstoi, sagt Nabokov, haucht seinen Figuren so viel Leben ein, dass er ihnen anschließend nur mehr beim Handeln zusehen muss.

CD 5, km 626
Die Autobahn durch die Slowakei führt ein paar Kilometer südlich der tschechischen Grenze entlang. Plötzlich taucht die Ausfahrt »Brünn« auf. Ganz in der Nähe liegt Austerlitz, heute »Slavkov u Brna«. Die Schlacht bei Austerlitz wird erst ein paar CDs später beginnen. Schlechtes Timing. Kilometer 739, Autobahnende im Osten der Slowakei: Es ist neblig und regnet immer noch, auf den Häusern rauchen die Kamine. Das Reisfleisch ist schon fast weg.

CD 6, km 770
In der Dämmerung beginnt der zweite Teil des Romans, mit dem Kampf um die Brücke über die Enns. Ein paar russische Offiziere blicken von einer Anhöhe herab auf das Geschehen. »Alle waren aufgestanden und beobachteten gespannt die Bewegungen unserer Truppen da unten, die wie auf einem Präsentierteller zu sehen waren, sowie gegenüber die Bewegungen des heranrückenden Feindes.« Anfang des 19. Jahrhunderts gibt es noch den erhabenen Standpunkt »auf einer Anhöhe«, der die Kampfhandlungen in ihrer Ganzheit erfahrbar macht. Spätestens seit dem Ersten Weltkrieg ist diese Perspektive unmöglich geworden, der Kampf durch Bombardierungen aus der Luft oder Giftgaseinsatz abstrakt und fragmentiert. Das hat natürlich Konsequenzen für die Literatur. So wie Kutusow oder Napoleon in Krieg und Frieden immer wieder auf einer »Anhöhe« stehen, tut das auch der Autor Tolstoi. Wenn es heißt, dass seit dem frühen 20. Jahrhundert nicht mehr erzählt werden könne, ist die veränderte Erfahrung des Krieges vielleicht die anschaulichste Bestätigung dieser Hypothese. Nikolai Rostows innerer Monolog nach seiner Verwundung entfacht große Begeisterung im Tolstoi-Auto.

18.24 Uhr: Tschechien
18.56 Uhr: Polen.

CD 7, km 846
Wieder Autobahn, Richtung Krakau. Wir passieren die Ausfahrt »Oswiecim«: Auschwitz.
Seit dreißig Kilometern nichts als Baustellen. Die Vorboten der Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine. Erste Wahrnehmungsstörungen treten auf; die Scheibenwischer, seit Stunden auf der schnellsten Stufe eingestellt, produzieren Technobeats im Hirn. Die Aufmerksamkeit lässt nach.
Lars: Woher kennt Fürst Andrei jetzt noch mal diesen Bilibin?
Andreas: Welchen Bilibin?

Abendessen in Krakau. Lars: in Butter gedünsteter Knoblauch, dann Hühnchen mit Spinat in Knoblauch. Andreas: überbackene Pilze, danach gefüllte Piroggen. Jeder zwei Bier. »Kennen Sie Tolstoi?«, fragen wir die junge Kellnerin. »Nie gehört.«
Der Euro, sagt die Rezeptionistin im Hotel, wird in Polen erst mit Beginn der Europameisterschaft angenommen.

Der polnische Reiseschriftsteller Ryszard Kapuscinski meinte, man könne nie in der Fremde ankommen, wenn man mit zu Hause telefoniere. Wir melden uns jeden Abend.

CD 8, km 971
Die Landstraße hinter Krakau, wir stehen seit einer halben Stunde. Kurzer Schock: Ist das schon der Grenzstau? 250 Kilometer vor der Ukraine? Gerade als wir diesen Gedanken ernsthaft in Erwägung ziehen, setzen sich die Autos vor uns wieder in Bewegung. An der Tankstelle hält auch ein Wagen mit deutschem Kennzeichen. Ein Ehepaar auf dem Weg zu den Eltern der Frau in der Nähe von Kiew. Sie kennen die Route. Ihre Tipps für das Verhalten auf ukrainischen Straßen: Nachts unter keinen Umständen anhalten, so verzweifelt auch am Straßenrand um Hilfe gewinkt wird. Außerdem: Sklavisch an die Geschwindigkeitsbeschränkungen halten, an jeder Ecke stehen Polizisten. Von Bestechungsversuchen an der Grenze rät der Mann ab. Bis vor Kurzem sei das reibungslos gegangen, aber jetzt habe er schon häufiger gesehen, dass vorbeifahrende Autos wieder ans Ende der Schlange geschickt werden. Gut zu wissen, danke, schöne Fahrt noch.
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CD 9, km 1025
Kriegsvokabular, das wir erlernen: »Suite«, das Gefolge des Kaisers oder Feldherrn; »Arrieregarde«, die Nachhut am Ende der Truppen; »Eskadron«, die kleinste Kavallerie-Einheit; »Ulanen«, mit Lanzen bewaffnete Kämpfer der Kavallerie.

CD 10, km 1105
Siebzig Kilometer vor der Grenze. Der Roman spielt wieder in Moskau. Fürst Wasili Kuragin fädelt die Heirat seiner intriganten Tochter Helene mit dem gutmütigen, nichtsahnenden Pierre ein. Auf einmal passiert etwas mit der Landschaft: In der Slowakei, in Tschechien, durch ganz Polen hindurch hat es keine großen Veränderungen gegeben in der spröden Vegetation oder im Aussehen der Städte. Bekanntes Osteuropa. Jetzt aber weitet sich plötzlich alles; es ist, als hätte jemand den Maßstab der Landschaft aufgezogen: der Himmel höher, der Horizont weiter. Keine Zäune mehr zwischen den Grundstücken. Die langsame Annäherung an eine fremde Welt, die man sonst allenfalls nach einem abrupten Schnitt erreicht, beim Aussteigen aus dem Flugzeug.
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Andreas Bernard und Lars Reichardt,

Zimmerkollegen in der Redaktion des SZ-Magazins, können die Erfahrung einer gemeinsamen Autofahrt über 5500 Kilometer empfehlen. Die Autoren freuen sich schon auf die Hörbuch-Version von Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

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