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aus Heft 44/2010 Aus dem Magazin

Die Könige des Bosporus

Kai Strittmatter 

Istanbul, die Hunde, die Katzen – es ist ein merkwürdiges Verhältnis. Zu Millionen leben die Tiere auf den Straßen, halb gejagt, halb geliebt, manche von ihnen fast schon Prominente. Und so viel ist sicher: Ohne sie wäre die Geschichte der Stadt eine ganz andere.

Zwei Hunde vor der Galatabrücke, die übers Goldene Horn führt. Sind ja nur zwei Hunde, denkt man...
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Die Liebe zu Istanbul fängt man sich ein. Wie die zu einem seiner Straßenköter. Ein Blick genügt. Die Leute sagen, in Istanbul lebten 15, 16, 17 Millionen Menschen. Istanbul sei die größte Stadt Europas, das größte Dorf Europas. Die Leute schauen nicht genau hin. Es gibt noch ein Istanbul. Eine große, freie Vagabundenrepublik. Ein Reich derer ohne Namen, ohne Heim und ohne Gesetz. Derer ohne Halsband. Der Italiener Edmondo de Amicis wusste das. »Istanbul ist ein riesiger Zwinger«, schrieb er vor 150 Jahren. Ein großer Zoo. Der Mensch teilt sich diese Stadt mit unzähligen Kreaturen nicht weniger wunderlich als er selbst. Vor Kurzem versperrte mir unterhalb des Galataturms eine kämpferisch die Flügel spreizende Ente den Weg, bevor sie sich wieder ihrem Fressnapf zuwandte. Im Scherbenviertel Tarlabasi, nur ein paar Hundert Meter von der schicken Fußgängerzone entfernt, sieht man auch schon mal Schafe auf dem Asphalt grasen: Immigranten aus den Dörfern des türkischen Südostens.

Die Hunde, erzählen sie hier, seien im Gefolge von Sultan Mehmet, dem Eroberer, in Konstantinopel eingezogen. Die Katzen waren schon immer da. Die eine, die sie rund um den Galataturm »Sari« nennen, »die Blonde«, sowieso. Lange bevor die Künstler, die Boutiquen, die Spekulanten in dieses Viertel einfielen. Neun Leben soll eine Katze haben? »Die Blonde hat 99«, sagt Arif Asci, der Fotograf. »Mindestens.« Arif Asci sah die Blonde zum ersten Mal auf dem Heimweg, im Schaufenster eines Modegeschäftes. Sie saß dort wie eine ägyptische Statue. Die Istanbuler Katzen sitzen gern in Schaufenstern, sie wärmen sich am Licht der Scheinwerfer. Die Blonde ist eine Schönheit, ihr Fell mehr Bernstein als blond, der Schwanz buschig. »Nein«, sagte die Verkäuferin, »die Katze gehört nicht uns, die gehört der Straße.« Vielleicht gehört die Straße aber auch ihr.Er war schon vielen Heimat, dieser Ort, unterwarf sich schon vielen Herren. Die Griechen, die Römer, die Türken: Sie prahlten mit der Gründung, mit der Eroberung, mit dem Besitz dieser Stadt.

Derweil die Istanbuler Katzen: Sie lassen sich nichts anmerken, hüten aber ein Geheimnis. Istanbul ist ihre Stadt und der Mensch ihnen untertan. Tag für Tag wiederholt sich in Gassen, Parks und Hinterhöfen morgens und abends das gleiche Ritual, kommen beflissene Istanbuler aus ihren Wohnungen gelaufen, in der Hand den Napf mit Milch, mit Trockenfutter, mit Leber, Fisch und Fleisch, und rufen mit wispernden Tönen ihre Herrchen und Frauchen herbei. Einer dieser Katzenadjutanten wohnt bei uns im Haus, ein freundlicher älterer Herr, der einmal die türkische Marine befehligte, nun springen er und die für ihn im Ruhestand abgestellten Leibwächter für die Katzen in unserer Straße: Er füttert und er streichelt sie, er bringt sie regelmäßig zum Tierarzt, er bezahlt für ihre Sterilisierung. Nein, die Katzen leben nicht mit ihm in der Wohnung, sie leben auf der Straße. Wie fast alle Istanbuler Katzen.

Straßenkatzen. Das Wort ruft Bilder abgemagerter, schorfiger, scheuer Tiere hervor, die sich mit Kanalratten duellieren und in Müllhalden Essensreste und Krankheiten holen. Die Bilder treffen hier nicht ganz: weil viele Istanbuler zwar keine Tiere in die Wohnung lassen, aber dennoch verrückt sind nach ihnen. Und so hat jedes Haus, jede Gasse, aber auch jeder Palast und jede Moschee die eigenen Katzen, um die man sich mit Hingabe kümmert. Am Fischmarkt neben der Galatabrücke sonnen sie sich auf der Markise über den Ständen, und wenn sie Hunger haben, dann beugen sie sich vor und tippen dem Verkäufer mit der Pfote sanft auf den Kopf, woraufhin dieser gehorsamst eine Makrele hochreicht. Der Mufti von Üsküdar hielt kürzlich eine Predigt, in der er all jene pries, die ihr Leben den Katzen von Istanbul widmeten.

Arif Asci suchte eigentlich keine Katze, bevor er die Blonde sah. Er erfuhr, dass sie manche Nacht bei seiner Nachbarin Özlem im Stockwerk unten verbrachte und andere Nächte beim Nachbarn Engin über ihm. Eines Tages kratzte es an Arif Ascis Tür. Asci war gerade beim Kochen, Fisch und Raki für eine Runde Freunde. Die Blonde stand vor der Tür. Sie spazierte herein und sah ihm beim Kochen zu, aß ein wenig vom Seebarsch, und eine Weile später ging sie wieder. Aber nun kam sie öfter. Und einmal blieb sie über Nacht. »Nicht ich habe mir die Blonde ausgesucht«, sagt Arif Asci: »Die Blonde hatte sich mich ausgesucht.« Nie würde er sagen, die Blonde sei seine Katze: »Sie gehört Galata. Ich weiß von mindestens sechs Nachbarn, die sie besucht.
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«Präsident Barack Obama machte den Istanbuler Katzen seine Aufwartung, als er auf seiner Istanbul-Reise die Hagia Sophia besuchte. Dort wurde er nicht nur vom türkischen Regierungschef empfangen, sondern vor allem – und zwar vor laufender Kamera – von der dreijährigen Gli, schon seit ihrer Geburt eine der sieben Hauskatzen der Hagia Sophia, die, zusammengerollt, vom Sockel einer Säule aus den Präsidenten beobachtete und dann ungerührt seine Huldigung entgegennahm. Auf dem Gelände des Topkapi-Palastes, erfuhr man bei dieser Gelegenheit, logieren dreißig Katzen. Für die Besucher vieler Etablissements im Ausgehviertel Beyoglu sind sie ohnehin alte Bekannte. Die Katzen von »Simurg«, dem linken Buchladen, zum Beispiel. Cimcime, die vor ein paar Jahren bei einem Unfall ihre linke Hinterpfote verlor, hat hier den Bildschirmschoner neu erfunden. Sie hatte nämlich die Angewohnheit, es sich oben auf dem Computerbildschirm an der Kasse bequem zu machen und dabei alle viere so hängen zu lassen, dass man schon zweimal hinsehen musste, um zu erkennen, dass da kein Katzenfell drapiert ist. Es war ein alter Röhrenbildschirm, schön warm.

»Als wir einen neuen Monitor brauchten, stellten wir erschrocken fest, dass man die alten gar nicht mehr kaufen kann«, erzählt der Besitzer. Sie haben jetzt einen LCD-Bildschirm, flach und kalt. Und Cimcime macht es sich seither auf dem Schoß von Kunden bequem, die im »Simurg« in den Ecken sitzen und lesen; gerade räkelt sie sich auf dem Schoß eines Geschichtsprofessors, der Gelehrte hält umständlich sein dickes Buch hoch über die Katze und schaut dabei recht hilflos drein. Die frühere Rektorin der Bosporus-Universität, Ayse Soysal, berichtet von den Katzen an ihrer Universität, die auch auf Tische klettern und am Unterricht teilnehmen. »Wenn die Studenten sie ärgerten, dann haben unsere Professoren sie daran erinnert, dass ein Student seinen Abschluss macht und weiterzieht, die Katzen aber immer an diesem Ort bleiben werden.«
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Kai Strittmatter

45, ist Türkei-Korrespondent der SZ und Autor der Gebrauchsanweisung für Istanbul (Piper-Verlag). Die jüngsten Einwanderer in den dortigen Zoos: Kolonien grüner Papageien, die vor ein paar Jahren in der Stadt auftauchten.