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aus Heft 45/2010 Politik

Die gefährlichste Webseite der Welt

Till Krause, Karin Prummer, Dominik Stawski und Alexandros Stefanidis  Fotos: Reuters, AFP

Ob Militärdaten oder Geheimdienstunterlagen: Wikileaks.org veröffentlicht alles, was die Mächtigen der Welt in Erklärungszwang bringen kann. Ihr Mastermind Julian Assange ist ständig auf der Flucht. Die größte Agentengeschichte des Internets in sechs Kapiteln.

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1. Der gefährlichste Mann der Welt

Julian Assange, geboren 1971, ist australischer Staatsbürger und Chef von Wikileaks. Im Alter von 16 Jahren beginnt er, sich in Computernetzwerke einzuhacken. Im Jahr 1999 hat er die Idee zu Wikileaks, 2006 geht die Seite online. 2009 wird Assange für die Aufdeckung von Menschenrechtsverletzungen in Kenia mit einem Medienpreis von Amnesty International ausgezeichnet.

Daniel Ellsberg, der 1971 einen geheimen Bericht des Pentagons über den Vietnamkrieg an die Presse weitergegeben hat: »Früher bin ich als gefährlichster Mann Amerikas bezeichnet worden. Jetzt ist Assange der gefährlichste Mann der Welt. Für mich ist er ein Held, aber ich bin mir sicher, dass die US-Regierung viel daransetzt, ihn unschädlich zu machen, möglicherweise auch mit Gewalt.«

Michael D. Horvath, Sicherheitsexperte der US-Armee, in einem internen Bericht vom 18. März 2008: »Julian Assange ist bekannt für sein linkes Gedankengut und seine antiamerikanische Einstellung.«

Ingi Ragnar Ingason, isländischer Filmemacher und Wikileaks-Mitarbeiter: »Manchmal ist es schon frustrierend. Wir präsentieren das größte Archiv an Militärgeheimnissen aller Zeiten, und die erste Frage, die mir Leute stellen ist: Warum hat sich Julian die Haare gefärbt?«

Daniel Domscheit-Berg, ehemaliger Sprecher von Wikileaks: »Julian Assange ist ein Mann mit einer Vision, der bereit ist, dafür zu kämpfen. Aber er bezieht andere nicht mit ein. Obwohl ich sein Sprecher war, wusste ich oft selbst nicht, was Sache ist.«

Assange wird gefeiert wie ein Popstar, als er am 23. Oktober 2010 in London 391 832 geheime Armeeprotokolle über den Irakkrieg präsentiert: Seine Anhänger jubeln, minutenlang blitzen die Kameras. Am Ende der Pressekonferenz steht Assange auf und will erklären: Was die Abkürzungen in den Dokumenten bedeuten, wie man die Texte durchsuchen kann. Doch man versteht ihn nicht, denn sofort ist der schmächtige Mann von Fotografen umringt.

Julian Assange: »Wir haben die Dokumente anfangs ohne Nennung unserer Namen auf unserer Internetseite veröffentlicht, denn es ging uns nur um die Sache. Aber unsere Zurückhaltung bewirkte das Gegenteil: Alle wollten wissen, wer hinter Wikileaks steckt. Darum habe ich Wikileaks ein Gesicht gegeben. Als Aushängeschild und Sündenbock. Ich bin der alleinige Gründer von Wikileaks. Ich habe in den letzten vier Jahren nichts anderes gemacht, als mich um Wikileaks zu kümmern. Wenn ich verhaftet werde oder verschwinden sollte, gibt es einen Notfallplan. Wikileaks wäre auch ohne mich handlungsfähig, aber weniger effektiv.«

2. Die Organisation

Jay Rosen, Professor für Journalismus an der New York University: »Wikileaks ist die weltweit erste staatenlose Nachrichtenfirma. Somit entgeht Wikileaks den Greifarmen einer jeden Regierung. Nehmen wir an, Sie sind ein Informant, der heikle Daten preisgeben will. Wem würden Sie sie geben? Einer Zeitung mit einer offiziellen Postadresse, die ebenso wie Sie die nationalen Gesetze achten muss – oder einer Organisation wie Wikileaks, die staatliche Vorladungen nicht einmal beantwortet, aber Dokumente vollständig veröffentlicht, wenn sie verifiziert sind? Ich sage: Die Zeitung würde den Wettstreit verlieren.«

Daniel Domscheit-Berg, ehemaliger Sprecher von Wikileaks: »Wikileaks wurde so konzipiert, dass es unzensierbar ist. Und das ist es auch.«

Julian Assange: »Wenn Unrecht nicht länger vor der Öffentlichkeit versteckt werden kann, müssen sich Generäle, Politiker oder Unternehmensführer zweimal überlegen, ob sie bestimmte Aktionen nicht gleich bleiben lassen. Die Vertuschung solcher Pläne muss zu einem extrem teuren und unkalkulierbaren Risiko für sie werden.«

Steven Aftergood, amerikanischer Experte für Geheimdienste: »Es gibt gute Enthüllungen und schlechte Enthüllungen. Gute Enthüllungen erweitern die Verantwortlichkeit von Regierungen und fördern bürgerliches Engagement. Schlechte Enthüllungen bringen Menschen in Gefahr, beflecken ihre Reputation oder dringen unerlaubt in ihre Privatsphäre ein. Wikileaks hat sowohl gute als auch schlechte Enthüllungen veröffentlicht. Und über sich selbst verrät die Organisation so gut wie nichts.«
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Julian Assange: »Unsere Mitarbeiter, die für den Schutz unserer Quellen zuständig sind, müssen ungestört im Hintergrund arbeiten können. Wir können nicht jeden unserer Schritte publik machen, das würde unsere Arbeit gefährden. Uns liegen 22 Angebote für einen Dokumentarfilm und Anfragen aus Hollywood vor. Wir dokumentieren unsere Arbeit aber lieber selbst und haben Kameraleute engagiert, die uns filmen. Irgendwann werden wir einen Film über uns veröffentlichen.«

In Schweden wird wegen sexueller Belästigung gegen Julian Assange ermittelt. Sein Antrag auf Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis wird am 18. Oktober 2010 abgelehnt.

Julian Assange: »Nach meinen Recherchen üben die USA einen enormen Druck auf westliche Regierungen aus, uns nicht zu unterstützen. Wohin könnten wir also gehen – nach Kuba? So tief ist unsere Gesellschaft zum Glück noch nicht gesunken. Alles, was wir wollen, ist Rechtssicherheit, damit investigative Journalisten wie ich nicht länger rund 70 Prozent ihrer Zeit damit verschwenden müssen, sich gegen staatliche Überwachung und Angriffe zu wehren.«
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T. Krause, K. Prummer, D. Stawski. A. Stefanidis

hoffen, dass irgendwann ein Film über die Wikileaks-Story gedreht wird. Einen Publikumsliebling hätte der Film auch schon: Joseph, ein Assistend von Julian Assange aus London, der sich kleidet wie ein echter Agent – mit Lackschuhen und dünner Krawatte.

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