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aus Heft 47/2010 Gesellschaft/Leben

Verbaute Zukunft

Wolfgang Luef  Fotos: Armin Smailovic

Eine Familie wird aus Deutschland zurück in den Kosovo geschickt – obwohl die Witwe mit ihren behinderten Söhnen dort keine Chance hat. Die Geschichte einer schrecklich korrekten Entscheidung.

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Granit, 22 Jahre


Es gibt einen großen Traum im Leben von Granit Gjelaj: Er legt darin Stücke von frisch geschlachteten Hühnern in Plastikboxen. Mit Haarnetz, weißem Mantel und Gummihandschuhen steht er an einem Fließband, täglich von 14 bis 23 Uhr, Spätschicht in der Abteilung »Zerlegung 1«. Der Raum wäre kühl, nach ein paar Stunden würden ihm die Füße vom langen Stehen ein bisschen wehtun, im Hintergrund würde ein lokaler Radiosender laufen. Der 22-Jährige kann stundenlang davon erzählen: wie zuverlässig er arbeiten würde, dass er nie zu spät kommen würde und dass er sich seine knapp 1000 Euro Lohn gut einteilen würde. Auch wenn das Geld nie reichen könnte, um die Familie zu ernähren. Es hat auch damals nicht gereicht, als Granit noch jeden Tag dort am Fließband stand. Zwei Jahre ist das her. Je mehr Granit davon erzählt, desto weniger kann er sagen, was eigentlich so toll ist am Einpacken von Hühnerteilen. Er sagt nur immer wieder: »Ich würde alles dafür geben. Das auf jeden Fall.«

Nun sitzt er im Garten vor einem Rohbau in Peja, der drittgrößten Stadt des Kosovo. Die Außenwände des Hauses sind unverputzt, die Fenster undicht, der erste Stock wurde nie fertig gebaut. Granit weiß, dass er nie wieder in die Nähe seines Traums kommen wird. Vor anderthalb Jahren musste er Deutschland verlassen. Seitdem steht
er jeden Tag spät auf und geht früh ins Bett. Und an schlechten Tagen denkt er dazwischen an nichts anderes als an früher, an seine 18 Jahre in Deutschland und die alte Wohnung im niedersächsischen Haselünne. Und immer wieder an die »Zerlegung 1«. Über den Kosovo spricht er fast nur in Wenn-Sätzen.

Wenn sein Vater noch leben würde. Wenn er wenigstens seine Ausbildung in Deutschland geschafft hätte. Wenn er hier Kontakte hätte. Oder: »Wenn ich gesund wäre, könnte ich Arbeit finden.« Granit hat von Geburt an nur eine Niere und eine Fehlstellung des Rückgrats. Er wirkt geduckt und hält den Kopf etwas nach links geneigt, als würde er ständig etwas zwischen Kinn und Schulter einklemmen. Um eine Hilfsarbeit auf einer Baustelle will er sich deshalb nicht bewerben. Er versucht es in Restaurants, Cafés und Läden, hat in der Brauerei und im Zementwerk nach Arbeit gefragt. »Sie sagen alle: Wir rufen Sie an.« Aber niemand meldet sich. Je nach Schätzung sind 40 bis 60 Prozent der Kosovaren ohne Arbeit.

Trim, 21 Jahre

Trim Gjelaj hat zwei Möglichkeiten. Er kann vor dem Computerbildschirm sitzen in dem kleinen, dunklen Zimmer, in dem er und sein Bruder Granit schlafen. Wenn er dort auf dem klapprigen Bürostuhl Platz nimmt, ist er »Albozz89«, der deutsch-albanische Rapper. Auf den Internetportalen MySpace und YouTube hat er seine Tracks hochgeladen. Verfremdete Fotos zeigen ihn in Gangsterpose, eine Kapuze über dem Kopf, im Hintergrund der Schriftzug »Albozz« in roten Lettern. Ein cooler, ein gesunder Junge. »Ich werde mir irgendwann noch einen Namen als Rapper machen«, sagt er und grinst. Wenn er lacht, sieht er ein bisschen spitzbübisch aus – und deutlich jünger als 21.

Trims zweite Möglichkeit ist der Platz auf der Couch im Wohnzimmer. Dort sitzt er oft den ganzen Tag und sieht deutsches Privatfernsehen. Zwischen Sofa und Computertisch gibt es für ihn nichts. Nur die Gefahr hinzufallen. Er braucht für die paar Meter durch den Gang mehrere Minuten und ist danach völlig außer Atem. Zitternd stellt er einen Fuß vor den anderen, während er sich mit beiden Händen an den Türrahmen und Wänden festhält. Dabei schwankt er ständig hin und her. Trim leidet an der Friedreich-Ataxie, ein seltener Gendefekt, der Gehirn und Rückenmark angreift. Bis 15 merkte er fast nichts davon. Dann ließ sein Gleichgewichtssinn nach, die Schritte wurden unsicher, er traf auf dem Fußballplatz den Ball nicht mehr. Seither verändert sich sein Körper, er wird bucklig, die Fußsohlen wölben sich, die großen Zehen neigen sich zur Seite. Mit 17 konnte er noch ein paar hundert Meter gehen, mit 18 sich noch ganz gut an einer Wand entlangtasten. In ein paar Jahren wird er nur noch liegen können – der Gleichgewichtssinn und die versteiften Gelenke werden das Sitzen nicht mehr erlauben. »Darauf hab ich so keinen Bock«, sagt er. Nach draußen geht er heute schon selten. Granit hilft ihm manchmal in den Rollstuhl, damit Trim im Garten in der Sonne sitzen kann. Auf die Straße? »Da schauen mich alle an, als wär ich ein Supertalent. Die überraschten Blicke der Passanten mag ich nicht.«

Die Krankheit ist nicht heilbar. Operationen an den Gelenken könnten die Verformungen etwas ausgleichen, Schuheinlagen könnten ein wenig beim Gehen helfen, regelmäßige Ergotherapie den Muskelschwund verlangsamen. All das ist im Kosovo teuer oder gar nicht zu bekommen. Vor ein paar Monaten haben italienische KFOR-Soldaten Trim in ein Krankenhaus in die Hauptstadt Pristina gebracht. Aus Mitleid. »Normal bringen die nur kleine Kinder zum Arzt«, sagt Trim. Die Ärzte wollten mittels Computertomografie sehen, wie weit sich sein Kleinhirn bereits zurückgebildet hat. Das hätte 200 Euro gekostet. Nicht zu machen. Mit dem Gehirn verändert sich auch die Sprache – sie wird dysarthrisch, wie die Ärzte sagen; viele halten Friedreich-Ataxie-Patienten wegen ihres schweren Zungenschlags für Betrunkene. Bei Trim klingt es ein bisschen, als hätte er den Mund beim Sprechen voll. Albozz89 fällt das Rappen immer schwerer.

Alban, 18 Jahre


Wenn Alban es zu bunt treibt, sagt sein Bruder Trim nur ein Wort: »Taxi«. Dann erstarren die Gesichtszüge des jüngsten Bruders, er schiebt seine Unterlippe beleidigt nach vorn. Und gibt Ruhe. Trim sagt es, wenn Alban sich selbst so lange an den Ohren zieht, bis sie rot zu glühen scheinen, wenn er wieder einmal minutenlang auf die Mädchen im Nachbarsgarten starrt oder wenn er am schweren Zaun steht und Passanten angrunzt. »Taxi« wirkt fast immer. Ein Taxi hat Alban in Deutschland in seine Betreuungseinrichtung gebracht, die Clemens-August-Heimstatt. Alle zwei Wochen kam er am Freitagabend für zwei Nächte nach Hause. Am Sonntag hat Trim dann das Taxi gerufen. »Der weiß ja nichts«, sagt der Bruder heute. »Der glaubt ja, er kommt vielleicht wieder weg.«

Worin genau die Ursachen für Albans »komplexe Mehrfachbehinderung mit schwerer geistiger Behinderung« liegen, konnten die Ärzte nicht feststellen. Er hat nie sprechen gelernt. Der kräftige Junge kann zischen, stöhnen und mit der Zunge schnalzen. Ein bestimmter Zischlaut bedeutet, dass er gern mit dem Zug fahren möchte, ein anderer, dass er Musik hören will. Er hat Gesten für »Bitte rasieren« und »Will haben«. Früher, wenn seine Mutter ihn lange im Arm gehalten und gestreichelt hat, machte er manchmal leise »babababa«. Im Kosovo hat er seine Stimme noch nie benutzt. Nun reißt er sich immer öfter selbst die Wimpern aus. Er zeigt dann seine geröteten Augenlider jedem in der Familie. Sein Blick sagt: Mir ist langweilig. Und seine Mutter sagt nur ratlos: »Alban.«

Im Garten läuft der Junge stundenlang im Kreis und wirkt dabei, als würde er angestrengt über etwas nachdenken. Seit der Vermieter den hohen Zaun aufgezogen hat, kann er wenigstens nicht mehr ausbüxen. Er steht nun oft am Zaun und läuft dort hin und her. Wie in einer Szene aus einem schlechten Comic tritt er auf die nach oben stehenden Zähne einer Gartenharke, die am Maschendrahtzaun lehnt. Der emporschnellende Stiel macht ein dumpfes Geräusch in Albans Gesicht. Er taumelt kurz und läuft dann zur Haustür, wo er die Schuhe seiner Brüder und seiner Mutter penibel genau parallel zueinander ausrichtet, bevor er ins Haus geht.
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Die Prozesse

Im Archiv des Anwalts Michael Kolostori in Osnabrück nehmen die Akten zum Fall Gjelaj mehr als einen Meter Regalplatz ein. Im Landratsamt Emsland in Meppen lagern vier dicke Aktenordner. Ebenso viel liegt in den Kellern verschiedener Gerichte und Ämter. Es sind Bescheide, Gutachten, Urteile und Stellungnahmen, die sich vor allem um eine Frage drehen: Kann die Familie Gjelaj in Deutschland bleiben? Am Ende, nach 18 Jahren, zehn Asylanträgen und drei angesetzten und nie durchgeführten Abschiebungen steht ein rechtskräftiges Nein. Ein einziges Dokument hat den Aufenthalt der Gjelajs in Niedersachsen begründet: der Bescheid des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge vom 15. August 1994, Aktenzeichen 1319034-138. Der zweijährige Alban bekam in Deutschland Asyl. Das war nichts anderes als Glück. Die Entscheidung fiel in einer kurzen Phase im Jahr 1994, als die Gerichte des Landes Niedersachsen Kosovo-Albaner pauschal als Verfolgte einstuften. Nur wenige Wochen später setzte das Bundesverfassungsgericht dieser Praxis ein Ende. Alban aber hatte seinen Bescheid. Und mit ihm durften die Brüder und die Mutter in Deutschland bleiben. Der Vater war damals bereits tot.

Danach sollte eigentlich das folgen, was Gesetzgeber und Behörden eine gelungene wirtschaftliche Integration nennen, das ist jener Faktor, der dafür ausschlaggebend ist, ob eine Familie, die nach vielen Jahren ihren Asylstatus verliert, trotzdem bleiben darf: Es geht um regelmäßigen Schulbesuch, abgeschlossene Ausbildungen, sichere Arbeitsstellen. Bei den Gjelajs klappte nichts davon. Als das Bundesamt im Jahr 2004 den zehn Jahre alten Asylbescheid aufhebt, ist Trim bereits erkrankt. Alban verstopft zu Hause immer wieder die Toilette und zerreißt seine Kleidung. Der Mutter ist die Situation längst über den Kopf gewachsen. In all den Jahren hat sie nur zwölf Monate in einem Altenheim als Aushilfe gejobbt, ansonsten Sozialhilfe bezogen.

Trim wird in der Schule gehänselt, weil er wegen seiner Friedreich-Ataxie bereits wankt wie ein Betrunkener. Er sammelt in einem Schuljahr 32 Fehltage. Vor Gericht kann die Mutter seine Zeugnisse nicht lückenlos vorlegen. Auch werde er es »voraussichtlich niemals schaffen, den Lebensunterhalt aus eigener Erwerbstätigkeit sicherstellen zu können«, teilt ihm der Landkreis in einem Brief mit. Integration sehe eben anders aus. Und dem Ältesten, Granit Gjelaj, nützt sein Job in der Geflügelfabrik nichts. Man findet einige Gramm Cannabis bei ihm, ein Gericht verurteilt ihn zu 200 Euro Geldstrafe. Wer kifft, hat sich nicht integriert.

Es gibt Richter, die die Abschiebung Behinderter und Kranker in den Kosovo aus humanitären Gründen verbieten, wenn sich deren Zustand dort erheblich verschlechtern würde. Bei Alban konnten die Richter in Osnabrück das nicht erkennen. Selbst wenn er ohne Betreuung und Therapie verkümmern sollte, würde er dort an derselben Behinderung leiden wie in Deutschland. Keine wesentliche Verschlechterung also. Für Trims Krankheit wurde dasselbe erkannt: Er wird an der Friedreich-Ataxie sterben, im Kosovo genau wie in Deutschland. Dass es mit ihm ohne seine Therapien schneller bergab gehen wird, bestreitet niemand. Ein Abschiebehindernis ist das aber nicht.
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Wolfgang Luef

, 27, stieß bei seiner Recherche auf das erst kürzlich eingerichtete Online-Portal kosovotwopointzero.com. Dort berichten Jugendliche selbstbewusst über ihr Heimatland.

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