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aus Heft 51/2010 Märchen

Erstauntes Blöken eselseits

Helge Timmerberg  Malerei: James Trimmer

Der Teufel begegnet uns in vielen Verkleidungen, aber wer sich auskennt, kann ihn überlisten. Es ist gar nicht mal so schwer, dafür aber - Warnung!  nicht ganz jugendfrei.

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Also, da ist einer wie Omar, der fängt ein neues Leben an. Vorher war er der Wollust ergeben, und noch dazu war er faul. So faul, dass ihm die Suche nach einem Schreibgerät bereits wie Literatur vorkam. Omar war ein Dichter, aber er dichtete nur in sich selbst hinein. Er fand kein besseres Auditorium.

Als Omar dann in das Alter kam, in dem alle Männer ihr Leben ändern oder nicht, wandte er sich den Grundsätzen seiner Religion zu. Er brachte sein Leben auf die Reihe, mied die Frauen und wurde reich. Wohlhabend sollte man sagen, nicht wirklich reich. Dafür fehlte ihm was. Und genau da, dachte der Teufel, werde ich ihn kriegen. Ich bin lange genug um sein Haus geschlichen. Es ist Zeit, anzuklopfen und reinzugehen. Das tat der Teufel. Pochte mit seinem Stab an Omars Tür und bat in der Gestalt eines wohlhabenden Kaufmanns um Quartier. Er habe alle Hotels der Stadt abgeklappert, alle waren belegt, schließlich habe man ihm Omars Namen und Adresse genannt.

»Wer hat das getan?«, fragte Omar. »Ein Freund. Er sagte, du habest ein großes Haus und seiest ein Mensch, der Gesellschaft liebt.« »Das ist vorbei«, antwortete Omar. Und ließ den Gast herein.

Sie aßen, sie tranken, sie rauchten, und der Teufel redete nur über Geld. Ein Universum tat sich auf, in dem es nur Idioten gab und ihn, den Kaufmann, dem sie sich zum Fraß vorwarfen. Für Omar ein ermüdendes Gespräch. Als er wieder aufwachte, lag der Kaufmann bereits zu Bett. Er hatte einen Beutel am Tisch vergessen. Er war geöffnet, und wie übergeschüttetes Wasser lag das Gold umher. Omar lächelte, aber rührte es nicht an. Und natürlich sah der Teufel dieses Lächeln in seinem Bett. »Du willst also spielen, mein Freund«, dachte er. »Dann spielen wir.«

Am nächsten Tag vergaß Omar die Sache. Und hatte sieben Tage später eine Frau im Haus. Auf der Straße sprach sie ihn an. Weit sei sie gereist. Und sie sei müde. Ob er ihr einen Ring abkaufen wolle, damit sie ein Hotel aufsuchen könne. Omar hatte nie einen schöneren Ring gesehen. Aus Hindustan, sagte sie. Im Ganges hatte sie ihr Haar gewaschen. Später dann, als sie es kämmte, fand sie den Ring darin.

»So hat der Fluss ihn dir geschenkt«, sagte Omar. »Und ich schenk dir ein Nachtlager, okay?«

Er bekam ein Lächeln als Präsent. Später mehr. Ein Gespräch, das seinen Geist erfrischte. Und dass Omar gelacht hatte, von Herzen gelacht, war auch lange her. Sie erzählte wundervoll. Es schien, als habe sie die ganze Welt gesehen und aus jedem Land das Beste mitgebracht. Aus Indien die Farbe des Lotus, mondgeküsst, aus Siam den warmen Regen, und aus dem Libanon hatte sie etwas Haschisch dabei.
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Omar lehnte dankend ab. Die Frau verstand, sie achtete die Vernunft des Mannes, die den Träumen misstraut. Für ihren Teil aber schätze sie es sehr. Wie eine Katze pflege sie sich in die Träume zu schnurren, sagte sie. Und schlief ein. Mit seiner schönsten Decke bedeckte sie der Mann. Es war so etwa eine Stunde nach Mitternacht. Omar lag im tiefen Schlaf, da wurde ein Teil seines Körpers wach geküsst. Und als er die Augen öffnete, war Omar nicht wirklich überrascht. Sein Gast hatte den perfekten Arsch aus der Hölle mitgebracht.

Das zweite Erwachen am Morgen. Nun lag der Teufel in seiner wahren Gestalt neben Omar im Bett. Ein widerliches, bösartiges Biest mit verspeicheltem Grinsen. Was den Teufel jedoch erstaunte: Er bekam ein Lächeln zurück. Ein Lächeln, das ein Lachen wurde, pflügte sich durch seinen pech- und schwefelschwarzen Geist. »Du glaubst also tatsächlich, du hast mich gekriegt«, sagte Omar, während er lachend aus dem Bett aufstand. »Aber ich frage dich, der du weder Freund noch Bruder bist, wer hat denn hier wen gefickt?!« An diesem Morgen nahm sich der Teufel vor, nie wieder als Frau eine Seele zu verführen, und mit solcher Wut verließ er Omars Haus, dass er in einem Schwung von Marokko nach Brasilien sprang. Am Tor zu einer Schule kam der Teufel wieder zu Sinnen. Hörte Kinder spielen, lachen, singen. Und brauchte ein Erfolgserlebnis, auch wenn es nur halbindianische Seelen waren. In einen Esel werde ich mich verwandeln, dachte er. Die Kinder werden ihn reiten, aber werden sich bald wundern, wohin und wie schnell aus dem Esel ein Ziegenbock und dann ein Drache wird.

Anfangs verlief alles nach Plan. Die Kinder zeigten sich von dem Esel hochentzückt. Alle wollten ihn reiten. Aber siehe da (das hatte der Teufel nicht bedacht), sie waren noch zu klein. Sie kamen nicht an ihm hoch, sie rutschten ab und rissen ihm dabei Haare aus dem Fell. Büschelweise. Erstauntes Blöken eselseits. Das tat weh. Und einer hatte eine Idee. Der Kleinste war’s. »Wir stecken einen Besenstiel in das Loch, das unter seinem Schwänzchen ist«, sagte er. »Darüber klettern wir auf ihn drauf.«
So geschah es. Und so war der Teufel innerhalb von 24 Stunden zweimal der Gefickte. Für den Herrn der Finsternis war’s also alles in allem ein eher schlechter Tag.

Das Böse muss keine Hörner tragen und nach Schwefel stinken. Manchmal geht es einfach mit uns durch, so wie mit Dampfmann in Thomas Glavinics »Das Attentat«.
Helge Timmerberg,

58, Journalist und Autor mehrere Bücher, wohnt in Wien, Berlin und St. Gallen. Zuletzt erschien von ihm »Der Jusus vom Sexshop: Stories von unterwegs«.

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