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aus Heft 01/2011 Gesundheit 10 Kommentare

Wohlsein!

Was kann schon so schwer daran sein, endlich mal so zu leben, wie es Ärzte und Ratgeberliteratur empfehlen? Unsere Autorin führte sieben Wochen lang das perfekte Leben. Hat's genützt?

Von Meike Winnemuth  Fotografie und Gestaltung: Sanna Schiffler und Judith Will




Ich wurde 50 und dachte: jetzt mal langsam Schluss mit diesem pubertären Leben. Schluss mit zu wenig Schlaf, zu wenig Sport, zu viel Alkohol. Schluss mit Rumschlampen, Durchlavieren, Wirdschongutgehen. Bin ich nicht langsam alt genug, das Leben endlich ernst zu nehmen? Ein bisschen erwachsener an die Sache ranzugehen? Irgendwie … professioneller?

Hier also der Plan: Sieben Wochen lang würde ich alles richtig machen. Tun, was die Experten immer und immer wieder predigen – und was trotzdem keiner tut: täglich fünf Portionen Obst und Gemüse essen, an die frische Luft gehen, meditieren, Zahnzwischenraumbürsten benutzen, gute Bücher lesen, viel Wasser trinken, nett zu allen Menschen sein, die Treppe statt den Aufzug nehmen, vor Mitternacht im Bett sein. Das gute Leben. Das richtige Leben. Was kann daran so schwer sein?

Tag X minus 3

Unterstützung kommt in Form von Dottore Thomas Platzer aus der Gemeinschaftspraxis Prof. Heufelder, einem führenden Münchner Anti-Aging-Experten. »Nicht Anti-Aging, Vital-Aging«, korrigiert der Dottore (Mitglied der italienischen Ärztekammer, deshalb) sanft. Meinetwegen. Er vermisst mich. 1,83 Meter, aktuell 71 Kilo (fünf mehr, als mir lieb sind), tadelloser BMI von 21,2. Doch dann: Die Bioimpedanz-Analyse ergibt, dass ich im Verhältnis zum Gewicht viel zu wenig Muskelmasse habe. Ich bin, um es auf den Punkt zu bringen, ein Skelett mit drumrumgewickeltem Fett.

Und nun? Insulin-Trennkost, sagt er, um die nächtliche Fettverbrennung anzuheizen. Er empfiehlt das Buch Schlank im Schlaf von Detlef Pape, »das funktioniert wirklich«. Täglich drei Mahlzeiten im Abstand von fünf Stunden. Morgens soll ich wahnsinnig viel frühstücken, aber nur Kohlenhydrate, in meinem Fall mindestens 100 Gramm, das entspricht vier Brezen oder 14 Scheiben Knäckebrot. Frühstücken! Ich habe zuletzt vor 30 Jahren gefrühstückt, und dann gleich vier Brezen? »Gern auch sechs. Mit Butter!«, sagt er. »Günstig für den Plasmainsulinspiegel.« Gute Güte. Mittags: Eiweiß und Kohlenhydrate, bis ich satt bin. »Fatal, dass viele Menschen glauben, sie müssten wenig essen.« Der Körper schaltet sonst auf Sparflamme und legt sich Vorräte an. Abends nur Eiweiß. Fisch, Huhn, mageres Fleisch, Omelette, Quark. Dazu Salat oder Gemüse. Jetzt kein Brot mehr, keine Nudeln, kein Reis, keine Kartoffeln und Karotten. Und idealerweise vor 18, 19 Uhr. Das ist alles.
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Wieso das funktioniert, obwohl man so viel isst? Nachts liegt der Anteil der Fettverbrennung am Energiestoffwechsel bei 75 Prozent. Um diese nächtliche Lipolyse zu unterstützen, muss der Insulinspiegel heruntergefahren werden, deshalb das abendliche Nudelverbot. Alkohol: lieber nicht, weil die Leber sich dann erst mal um die Entgiftung kümmern muss und den Fettabbau zurückstellt. Viermal die Woche ein Glas Rotwein gehe aber in Ordnung, sagt Platzer. Aber keine Nachtschichten, bitte. Um abzunehmen, ab spätestens 20 Uhr das Laptop zuklappen. Am besten das Licht dämpfen, das hilft der Zirbeldrüse und der Ausschüttung des Wachstumshormons.
Irgendwelche Wundermittel? Er winkt ab. Bisschen Chrom und Zink wäre gut, unbedingt Vitamin D3, vielleicht noch Selen, einen Löffel Leinöl pro Tag für die Omega-3-Fettsäuren. Dann viermal die Woche Ausdauertraining und zweimal eine halbe Stunde Muskelaufbau. Das beste Fitnessgerät ist der eigene Körper, sagt er. »Wir müssen uns selbst managen können. Ziel ist, dass man sich am Dach hochziehen kann, wenn es brennt.« Das leuchtet mir ein. Und was machen wir mit meiner Weingummi-Sucht? Nur zu, aber nicht zwischendrin, sondern zum Frühstück oder zu Mittag. Es klingt alles angenehm machbar.

Tag 1

»7.30 Uhr: 8 EL Nussmüsli mit 0,2 l Bio-Johannisbeersaft, 2 Aprikosen, 1 Nektarine. Grüner Tee. 13 Uhr: Bagel mit Cream Cheese, Rohkost mit Kräuterquark-Dip, Obstsalat. 19 Uhr: Rührei aus drei Eiern, 100 g Gravad Lachs. 20 Kilometer Radfahren. Zahntaschenreinigung. Abends Krankenhausbesuch bei einer Freundin (Sozialkontakte pflegen!). Dann 20 Minuten Dr. Kawashimas Hirnjogging, gefolgt von 10 Minuten Atemübungen bei gedämpftem Licht. Um 23 ins Bett. Schlaflos. Mist.«

Was ich hier tue, ist natürlich von vornherein dem Untergang geweiht, das wissen alle Verhaltensforscher. Wer sämtliche Bereiche seines Lebens gleichzeitig umkrempelt und jede einzelne Gewohnheit ändern will, muss versagen. Muss? Muss. 80 Prozent scheitern ja schon an einem einzigen guten Vorsatz, ergab eine Studie von 2007, 23 Prozent bereits in der ersten Woche. Und trotzdem hält sich jeder für einen Angehörigen jener erleuchteten Minderheit, die es schafft.

Verhaltensänderungen folgen einer knallharten Kosten-Nutzen-Kalkulation. Sie funktionieren nur, »wenn sie eine wesentlich stärkere Belohnung versprechen, als es das Festhalten am Gewohnten liefert«, sagt der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth – und zwar eine Belohnung für das limbische System, wo unsere geheimsten Motive verbuddelt sind. Einsicht und Vernunft, zu Hause im Großhirn, mögen zwar Beratungsfunktionen bei Entscheidungen haben, spielen aber in Wirklichkeit keine Rolle. Wenn die Vernunft rät, das richtige Leben zu führen, entscheidet das Vorbewusstsein, ob es dazu verdammt noch mal Lust hat. Nur: Wie findet man das heraus?

Tag 17


Bis heute problemlos durchgehalten, sogar das Sportprogramm. Rad gefahren, dreimal die Woche im Englischen Garten laufen gewesen, zweimal wöchentlich Krafttraining. Ich mag keine Studios und habe deshalb lange nach einer Methode gesucht, die ohne Geräte funktioniert. Ergebnis: MaxxF, entstanden in einem zehnjährigen Forschungsprojekt der Uni Bayreuth über die effektivsten Kraftübungen. Die sehen puppenleicht aus, haben es aber in sich. Beispiel: mit geradem Rücken und ausgestreckten Beinen auf dem Boden sitzen, jedes Bein durchgestreckt etwa eine Minute lang heben und senken. Minimale Bewegung, maximaler Muskelkater.

Inzwischen ist mein zotteliges Leben gescheitelt und gekämmt. Das Abendessen wird am Esstisch eingenommen, nicht neben dem Computer. Im Schein einer Kerze, dazu eine Prise Mozart. Noch ist es ein lustiges Spiel: für jeden Lebensbereich das Nützliche, Richtige, Bedeutende, Anständige, Effektive, Gesunde zu finden und das dann auch noch zu tun. Weil es ein Spiel ist, beginne ich, es auf die Spitze zu treiben: Während der abendlichen Zahnreinigungs-Oper (natürlich mit einer Warentestsieger-Elektrobürste, Zahnseide ungewachst, Interdentalbürsten in zwei Stärken) mache ich Kniebeugen auf einem Bein (schult die Balance, kräftigt den Hintern), die Bürste halte ich dabei in der linken Hand (»Neurobics«, verlegt angeblich neue Nervenbahnen).

Während der Joggingrunden lasse ich mir vom iPod Jane Austen im Original vorlesen. Es ist manisch. Aber ich mag Manisches, das ist ja mein Problem. Ich vermute, eines der geheimen Motive meines limbischen Systems ist der Spaß am Absurden. Und die Vorstellung, jederzeit die völlige Entscheidungsfreiheit über mein Leben zu haben. »Eine Illusion«, korrigiert der Hirnforscher Gerhard Roth. Er verweist auf Schopenhauer: »Der Mensch kann zwar tun, was er will. Er kann aber nicht wollen, was er will.« Ach, pah. Und übrigens: zwei Kilo weniger. Obwohl ich eine zusätzliche Mahlzeit zu mir nehme: Frühstück.

Kommentare

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  • Fritz Rüßler (2) Sehr geehrte Frau Winnemuth,

    darf ich noch mit einer Antwort auf meine Frage rechnen?

    Mit freundlichen Grüßen
    F. Rüßler
  • Markus Hederer (1) Sehr sehr gut, Frau Winnemuth!
  • Christian Breitkreutz (0) Großartiger Artikel!
  • Meike Winnemuth (1) @Claudia Richarz: Ich betreue als eine von vielen den Raum der Stille, eine Einrichtung der Hamburger Stadtmission. http://www.silentplaces.de/
  • Claudia Richarz (0) Hallo Frau Winnemuth, welche ehrenamtliche Tätigkeit haben Sie aufgenommen?
  • Gerhard Mühlhausen (1) Man soll ja mit Ratschlägen, beim alten Goethe ist es nachzulesen, sehr, sehr vorsichtig sein. Nur wenn man sicher ist, daß sie nicht befolgt werden, sollte man sich (eventuell) mit einem solchen hervortrauen.
    Also:
    www.dvara.dhamma.org/index.php?L=1
    Zehn Tage totales Schweigen! Ohne wenn und aber! Meditation!

    Wo kommt sie eigentlich her, Frau Winnemuth, diese Angst vor dem richtigen (völlig ohne ironisierende Anführungszeichen) Leben???
  • Uwe Dippel (0) OMG, möchte man sagen, Frau Winnemuth!

    Das 'perfekte Leben' zu führen, indem man all den nicht-kostenfreien Ratgebern folgt, dem Italienischen professore, dem Japanischen Hirntrainer, all den anderen, guten kleinen Ratgebern?
    Doch wohl nicht. Eher im Gegenteil.
    Als ob 100 Gramm Gravad Lachs (keine Ahnung was das wohl wäre?) a priori besser wäre als ganz normales Essen. Was ist ganz normal? Sicher nicht McDoof. Aber die eine oder andere Scheibe normales Brot mit etwas Butter, 'normalem' Käse, oder auch Wurst (richtige Wurst; nicht Wasser und Phosphate), das wäre schon gut. Zwangsläufig Schlag 23:00 ins Bett? Stelle ich mir nicht gesund vor.

    'Perfekt Leben', ein Widerspruch in sich, eigentlich. Aber wir wissen, was Sie meinen. Wie wäre es, auf die innere Stimme zu hören? Das braucht keine externen Ratgeber, keine 'Krücken'. "Schluss mit zu wenig Schlaf, zu wenig Sport, zu viel Alkohol." Lassen wir mal weg, ob Sport wirklich gesund ist. Sie wussten ja, was 'falsch' war. Vielleicht auch der Job.
    Also war Ihnen doch der Problembereich klar. 'Perfektes' Leben sind doch nicht Kraftübungen. Vielleicht eher, dem sozialen Druck zu entgehen, nicht bei Veranstaltungen zu lange zu viel zu trinken, sondern vielleicht frühzeitig zu Fuss nach Hause zu gehen. Oder den Computer Computer sein zu lassen, trotz der vielen 'Verpflichtungen' von Facebook und Twitter. Das Kerzenlicht und der gedämpfte Mozart im Hintergrund machen das Computern doch nicht besser.

    Nicht, dass Ihr Bericht nicht interessant wäre, aber dennoch scheint wenigstens mir tatsächlich nichts erreicht. Auf meiner Seite der Welt habe ich den Bericht von jemandem gelesen, der sich aus dem einen vermeintlichen Zwang (was 'das normale Leben' einem aufbürdet), stattdessen einem anderen Zwang unterworfen hat; dem Zwang all das zu tun was all die modernen und halb-esoterischen Ratgeber (oder 'Ratgeber'?) als unabdingbar für ein perfektes Leben halten.

    "Und die Vorstellung, jederzeit die völlige Entscheidungsfreiheit über mein Leben zu haben." Darf ich mir erlauben gerade und genau das zu bezweifeln?
    Nikolai Schulz hat in seinen letzten Paragraphen mehr 'Weisheit' geschrieben, als Sie und Ihre Ratgeber zusammen in Ihren Artkel haben fliessen lassen.
    Aber manchmal ist es ja auch gut, zu lesen, wie man es eben nicht machen sollte.
  • Doris Lettmann (0) Liebe Frau Winnemuth,

    mit viel Vergüngen habe ich Ihren Artikel gelesen, auch wenn mir schon nach drei Zeilen eine helle Ahnung über den Ausgang dieses Experiments kam. Stellen Sie sich mal vor, in welche dramaturgische Zwickmühle Sie geraten wären, hätte der Selbstversuch geklappt. Wie unsympatisch, wie unmenschlich und witzlos wäre dieser Text geworden, hätten Sie am Ende zugeben müssen, dass diese übetriebene Art gesund leben zu wollen doch tatsächlich auch von normalen Menschen durchführbar ist und dann auch noch zum gewünschten Erfolg führt.

    Man muss sich fragen, ob nicht vielleicht sogar im Falle von weiterer Selbstdisziplin von Redaktionsseite Verführungen in Form von Wein und Pizza bereitgestellt worden wären, um den Erfolg dieses Artikels sicher zu stellen :)
  • Georg Gass (0) "repetitio est mater studii" ? Dem "Dottore" sollte man die Ohren lang ziehen - er hat offenbar in der Schule oder in seinem Studium nicht aufgepasst. Die Verwendung unrichtiger Zitate bewirkt oft das Gegenteil von dem, was man damit eigentlich erreichen möchte. "Repetitio est mater studiorum" (Cassiodor, Institutiones divinarum et saecularum litterarum pr. 7).
  • Nikolai Schulz (0) Herrlich, ich bin 51 und habe, zum Teil, ähnlich Erfahrungen. Meine Krise war der miterlebte Tod der eigenen Mutter, sehen wir es als Wakeup-Call. 20 kg abgespeckt, zusätlzlich mit den Zigaretten, seit vier Jahren aufgehört, mit dem Alkohol seit 2.5 Jahren, komplett radikal. Seit sieben Jahren Yoga, inzwischen den zweiten Meniskusschaden am anderen Knie, OP in ein paar Tagen, lag aber wohl am männlichen & typisch deutschen Ehrgeiz gleich zum Oberyogi zu werden, vielleicht war aber auch das Bladen zu intensiv. Auf jeden Fall führt das Yoga zu einem bewußteren Umgang mit dem Körper, der Ernährung, natürlich folgen auch mentale Änderungen, der Freundeskreis verändert sich, wird vielleicht auch kleiner, die Schwerpunkte verschieben sich.

    Das Ehrenamt seit 2.5 Jahren wurde zum Hauptjob http://www.memoro.org/de-de/ aber nun gehen langsam die Finanzen zu Ende, falls sich nicht ein Sponsor und Partner für gemeinsame Projekte findet.

    Wer sich wirklich verändern möchte, die innere Trägheit überwinden möchte, der oder die sollte, wenn möglich mal ein Sabbatical Year einlegen und vielleicht wie ich in dieser Zeit auf Reisen gehen. Ein Jahr durch Asien mit Rucksack und dieses Reduzieren der benötigten Artikel des Alltags ist eine wesentliche Erfahrung. Auch die Einstellung zum Heimatland ändert sich... Wie schreiben so manche spirituelle Lehrer: die inneren Fesseln sprengen, die Konditionierungen auflösen...bevor es zu spät ist...und der Mut einen verlässt und nur noch die Angst vor Veränderungen bleibt.