aus Heft 01/2011 Gesundheit 10 Kommentare
Wohlsein!
Seite 2: Tag 33 bis Tag 49
Von Meike Winnemuth Fotografie und Gestaltung: Sanna Schiffler und Judith WillTag 33
Es läuft gut. Körperlich: sensationell. Sieben Pfund leichter, fit und ausgeschlafen, den neuen Essgewohnheiten folge ich anstrengungslos. Schminke mich neuerdings sogar abends immer ab, geradezu übermenschlich. Ich liebe diesen Kontrollrausch: dass ich über mein Leben bestimme und es nicht über mich. Wenn’s eine Illusion ist, so zumindest eine angenehme. Wird das Leben also besser, wenn man besser lebt? Es ist vermutlich noch zu früh, das zu beantworten.
Gleichzeitig wird immer klarer, dass jedes Richtige auch was Falsches hat. Die Treppe statt den Aufzug zu nehmen (die SZ-Magazin-Redaktion liegt im 9. Stock) ist tolles Training, gleichzeitig schießt es mich nach dem gemeinsamen Kantinengang ins soziale Aus. Was also tun? Und ist es besser, acht Stunden zu schlafen oder sich auf sechs zu beschränken, um dann zwei Stunden lang Seneca lesen oder Chinesisch lernen zu können? Was ist wichtiger, was ist richtiger?
Das richtige Leben ist nicht zuletzt ein logistisches Problem, stelle ich fest. Zu einer Sitzung des Stadtteilbeirats zu gehen – politisches Engagement, staatsbürgerliche Pflicht – kollidiert mit dem Yoga-Kurs, der Yoga-Kurs kollidiert mit … ach, mit praktisch allem, vor allem mit meinem Selbstbild.
Tag 36
Zusammenbruch. Abends eine Tüte Kartoffelchips, zwei Gläser Weißwein (nicht mal roten, den mit den schönen Polyphenolen!) und einen Familienbecher Ben & Jerry’s New York Super Fudge Chunk. Es musste einfach sein. Sofort. Zu jedem Preis, in diesem Fall zum Preis einer erniedrigenden Nachtfahrt zum Hauptbahnhof.
Die ökonomische Theorie nennt so ein Verhalten »zeitinkonsistent«. Gestern noch haben wir eine Lebensveränderung als langfristig gewinnmaximierend empfunden, heute aber wiegt die aktuelle Anstrengung oder Entbehrung schwerer als der erhoffte künftige Nutzen. Paradoxerweise sind Menschen auf lange Sicht bereit, die Kompensation zurückzustellen (nur so funktioniert überhaupt unser Rentensystem), kurzfristig aber werden sie wahnsinnig ungeduldig: Augenblicklich muss die Befriedigung her.
Der Reinfall war also zu erwarten, und immerhin hat es sechs Wochen gedauert, bis mein limbisches System die Schnauze voll hatte von dem selbst auferlegten Spiel. Es möchte jetzt bitte mal wieder was anderes spielen. Wieso ist es so schwer, alte Gewohnheiten zu brechen? Weil sie so erfolgreich sind: lebensnotwendig zur Alltagsbewältigung und wie Falten in unsere Psyche gegraben. »Jede Entscheidung brennt sich ein und bedingt die nächste Entscheidung«, so Gerhard Roth.
Gewohnheiten sind Entscheidungen, die nicht mehr bewusst getroffen werden müssen – sehr angenehm, sogar unverzichtbar für das Gehirn. Das belohnt deshalb Gewohnheiten, auch schlechte, mit positiven Emotionen: mit Gefühlen von Geborgenheit und Kompetenz. »Nur sehr schwer, nur in begrenztem Maße und nur in kleinen Schritten« könne man sich deshalb neue Gewohnheiten zulegen, sagt Roth. Schlimmer noch: Ob ein Mensch sich überhaupt ändern kann, sei Veranlagungssache. Die Verhaltensforscher sagen: Bei einem Drittel der Menschheit geht das gar nicht, bei einem weiteren Drittel nur mittelprächtig. »Keiner kann anders, als er ist«, schreibt der Frankfurter Neurophysiologe Wolf Singer. Das Fleisch ist schwach. Und der Geist ist auch nicht so wahnsinnig hart im Nehmen.
Über all das dröhnen die Glücksrezeptaussteller und Selbstoptimierungseinpeitscher in den Bestsellerlisten hinweg, die jedes Scheitern dem Scheiternden selbst anlasten. Und der sich selbst erst recht. »Wir haben verlernt, uns selbst gegenüber gnädig zu sein«, sagt der Hamburger Psychotherapeut Michael Mary, der schon seit Jahren erfolglos gegen die Machbarkeitslüge anstänkert. Um sich auch nur minimal verändern zu können, sind Menschen in der Regel auf eine Krise angewiesen, auf einen lebenserschütternden Moment der Erkenntnis, dass es so wie bisher nicht weitergeht. 50 zu werden, wie in meinem Fall, taugt das als Krise? Für einige vielleicht, für mich anscheinend nicht.
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Tag 49
Ich hab’s trotzdem durchgezogen, wenn auch nicht mehr so manisch. Abends mal ein Bier, Popcorn im Kino, Frühstück auch nur dann, wenn mir danach war. Klassik-Radio blieb aus. Und wenn ich schlechte Laune hatte, habe ich die nicht wegmeditiert, sondern rausgelassen. Hilft auch. Am Ende der Aktion: vier Kilo ärmer, ein paar Erkenntnisse reicher. Eine davon: Es gibt vielleicht kein richtiges Leben im falschen, aber ein richtigeres, das kriegt man schon hin.
Epilog
Drei weitere Monate später: Abschlussuntersuchung beim Dottore. Er hebt die Braue, als ich beichte. Sport: ruht. Ich komme einfach nicht dazu, und dann das Wetter … Ich arbeite zu viel, oft bis in die frühen Morgenstunden. Schlaff statt Schlaf. Meditation? Zu gestresst (Jaja, ich weiß: Mit Meditation wäre ich ja nicht so gestresst). Ernährung: abends gern auch mal wieder eine Pizza. Und eine halbe Flasche Wein. Gefolgt von einer Tüte Haribo nachts gegen zwei. Gewicht: wieder zwei Kilo mehr, aber die Messung ergibt: Speicherfettmasse trotz meines Rückfalls um zwei Kilo reduziert! Bitte sehr.
Unsere guten Vorsätze haben mächtige Gegner, auch außerhalb des limbischen Systems, tröstet der Dottore. »Wir leben unter widrigen Umständen. Die ständige Verfügbarkeit von leicht einspeicherbarer Nahrung« – er redet wirklich so – spielt gegen uns. Das Leben im Sitzen. Der Computer. Man muss es halt immer wieder von vorn probieren, unverdrossen. »Repetitio est mater studii«, sagt er und schickt mich des Weges.
Bleibt denn gar nichts übrig von dem Experiment? Doch. Ich weiß jetzt, dass es geht. Ich weiß nur nicht, wie es für immer geht. Mir bleiben die Interdentalbürstchen, die Hörbücher und die ehrenamtliche Tätigkeit, die ich innerhalb meiner sieben Wochen aufgenommen habe – alles anscheinend befriedigend für mein Stammhirn. Und das Wichtige: Mir bleibt die Lust, irgendwann wieder ein neues Spiel zu beginnen.
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22 Uhr 28
darf ich noch mit einer Antwort auf meine Frage rechnen?
Mit freundlichen Grüßen
F. Rüßler
13 Uhr 45
20 Uhr 59
10 Uhr 04
09 Uhr 26
18 Uhr 12
Also:
www.dvara.dhamma.org/index.php?L=1
Zehn Tage totales Schweigen! Ohne wenn und aber! Meditation!
Wo kommt sie eigentlich her, Frau Winnemuth, diese Angst vor dem richtigen (völlig ohne ironisierende Anführungszeichen) Leben???
10 Uhr 38
Das 'perfekte Leben' zu führen, indem man all den nicht-kostenfreien Ratgebern folgt, dem Italienischen professore, dem Japanischen Hirntrainer, all den anderen, guten kleinen Ratgebern?
Doch wohl nicht. Eher im Gegenteil.
Als ob 100 Gramm Gravad Lachs (keine Ahnung was das wohl wäre?) a priori besser wäre als ganz normales Essen. Was ist ganz normal? Sicher nicht McDoof. Aber die eine oder andere Scheibe normales Brot mit etwas Butter, 'normalem' Käse, oder auch Wurst (richtige Wurst; nicht Wasser und Phosphate), das wäre schon gut. Zwangsläufig Schlag 23:00 ins Bett? Stelle ich mir nicht gesund vor.
'Perfekt Leben', ein Widerspruch in sich, eigentlich. Aber wir wissen, was Sie meinen. Wie wäre es, auf die innere Stimme zu hören? Das braucht keine externen Ratgeber, keine 'Krücken'. "Schluss mit zu wenig Schlaf, zu wenig Sport, zu viel Alkohol." Lassen wir mal weg, ob Sport wirklich gesund ist. Sie wussten ja, was 'falsch' war. Vielleicht auch der Job.
Also war Ihnen doch der Problembereich klar. 'Perfektes' Leben sind doch nicht Kraftübungen. Vielleicht eher, dem sozialen Druck zu entgehen, nicht bei Veranstaltungen zu lange zu viel zu trinken, sondern vielleicht frühzeitig zu Fuss nach Hause zu gehen. Oder den Computer Computer sein zu lassen, trotz der vielen 'Verpflichtungen' von Facebook und Twitter. Das Kerzenlicht und der gedämpfte Mozart im Hintergrund machen das Computern doch nicht besser.
Nicht, dass Ihr Bericht nicht interessant wäre, aber dennoch scheint wenigstens mir tatsächlich nichts erreicht. Auf meiner Seite der Welt habe ich den Bericht von jemandem gelesen, der sich aus dem einen vermeintlichen Zwang (was 'das normale Leben' einem aufbürdet), stattdessen einem anderen Zwang unterworfen hat; dem Zwang all das zu tun was all die modernen und halb-esoterischen Ratgeber (oder 'Ratgeber'?) als unabdingbar für ein perfektes Leben halten.
"Und die Vorstellung, jederzeit die völlige Entscheidungsfreiheit über mein Leben zu haben." Darf ich mir erlauben gerade und genau das zu bezweifeln?
Nikolai Schulz hat in seinen letzten Paragraphen mehr 'Weisheit' geschrieben, als Sie und Ihre Ratgeber zusammen in Ihren Artkel haben fliessen lassen.
Aber manchmal ist es ja auch gut, zu lesen, wie man es eben nicht machen sollte.
22 Uhr 37
mit viel Vergüngen habe ich Ihren Artikel gelesen, auch wenn mir schon nach drei Zeilen eine helle Ahnung über den Ausgang dieses Experiments kam. Stellen Sie sich mal vor, in welche dramaturgische Zwickmühle Sie geraten wären, hätte der Selbstversuch geklappt. Wie unsympatisch, wie unmenschlich und witzlos wäre dieser Text geworden, hätten Sie am Ende zugeben müssen, dass diese übetriebene Art gesund leben zu wollen doch tatsächlich auch von normalen Menschen durchführbar ist und dann auch noch zum gewünschten Erfolg führt.
Man muss sich fragen, ob nicht vielleicht sogar im Falle von weiterer Selbstdisziplin von Redaktionsseite Verführungen in Form von Wein und Pizza bereitgestellt worden wären, um den Erfolg dieses Artikels sicher zu stellen :)
14 Uhr 09
20 Uhr 48
Das Ehrenamt seit 2.5 Jahren wurde zum Hauptjob http://www.memoro.org/de-de/ aber nun gehen langsam die Finanzen zu Ende, falls sich nicht ein Sponsor und Partner für gemeinsame Projekte findet.
Wer sich wirklich verändern möchte, die innere Trägheit überwinden möchte, der oder die sollte, wenn möglich mal ein Sabbatical Year einlegen und vielleicht wie ich in dieser Zeit auf Reisen gehen. Ein Jahr durch Asien mit Rucksack und dieses Reduzieren der benötigten Artikel des Alltags ist eine wesentliche Erfahrung. Auch die Einstellung zum Heimatland ändert sich... Wie schreiben so manche spirituelle Lehrer: die inneren Fesseln sprengen, die Konditionierungen auflösen...bevor es zu spät ist...und der Mut einen verlässt und nur noch die Angst vor Veränderungen bleibt.