bedeckt München 25°
Anzeige
Anzeige

Neue Fotografie 13. Januar 2011

Alles voller Musiker

Hakan Tanriverdi (Interview) 

Betrachtet man die Anzahl der Bands und Konzerte, sind London und Paris verschlafene Nester im Vergleich zu Reykjavík – kaum eine Stadt hat eine so lebendige Musikszene wie die isländische Hauptstadt. Kai Müller und Marcel Krüger haben mit dem bemerkenswerten Fan-Projekt "Sonic Iceland" den Sound der kleinen Insel dokumentiert.

Bitte warten, die Bildergalerie wird geladen...


Anzeige
Wie seid ihr auf die Idee gekommen, euch mit Islands Musikszene zu befassen?

Kai: Ich habe mich gefragt, wie es sein kann, dass so viele Bands von einer so kleinen Insel kommen. Ursprünglich wollte ich nur die Bands fotografieren, aber dann forscht man nach und merkt, das allein reicht nicht aus, da hängt alles mit allem zusammen. Und ab da war offensichtlich, dass ich so ein Projekt nicht alleine stemmen kann.

Also hast Du Marcel mit ins Boot geholt.
Kai:
Genau. Marcel spricht einfach besser Englisch als ich. (lacht)
Marcel: Es war dann auch direkt klar, wie wir die Arbeit unter uns aufteilen. Kai macht die Fotos, ich schreibe die Texte. Beides kann man auch auf unserem Blog sehen. Es wird aber auch als Buch veröffentlicht.

Was ist das Besondere an der isländischen Kulturszene?
Marcel:
Vieles geht ineinander über. Die Isländer haben zum Beispiel eine lange literarische Tradition, Sigur Rós haben mit einem Volkssänger zusammen gearbeitet, der alte Wikinger-Gedichte singt. Das Mittsommer-Musikfestival wurde von Leuten organisiert, die im Jahr davor das Filmfestival organisiert haben. Viele Konzerte sind mehr als bloße Live-Auftritte, da werden teilweise Lesungen veranstaltet. Es gab auch eine Galerie, bei der ständig Konzerte im Hof gespielt wurden. Wir haben uns den Kontext näher angeschaut. Aber eingeschossen haben wir uns primär auf den musikalischen Output, darum auch der Name.

Gibt es diese Einheit auch in der Musik?
Marcel:
Ja. In Island gibt es keine Szenen, wie man das zum Beispiel aus Deutschland kennt. Es gibt zwar Bands, die spielen Metal und andere Bands spielen Electro, aber zu den Konzerten kommen dann alle. Die spielen auch gemeinsam auf dem gleichen Konzert, direkt nacheinander. Es gibt also keine Berührungsängste, weder zwischen den Musikern, noch im Publikum.
Kai: Als wir die Musiker darauf angesprochen haben, waren sie sich darüber gar nicht bewusst. Die haben gesagt: "Wir spielen mit denen, weil es unsere Kumpels sind", die Musikrichtung war völlig egal.
Marcel: Was in Deutschland so nicht funktionieren würde.

Musik: Seabear - Cold Summer

 
Anzeige

Wie viele Bands gibt es in Island, Pi mal Daumen?
Marcel:
Reykjavík hat 120.000 Einwohner, ungefähr soviel wie Solingen, meine Heimatstadt. In Solingen gibt es 20 Bands und das ist schon relativ viel. In Reykjavík gibt es, grob geschätzt, mehr als 400.
Kai: Es müssten sogar mehr sein, aber es ist schwierig, das auf eine Zahl zu bringen, weil jeder Musiker in mehreren Formationen mitspielt. Das ist aber unfassbar viel. Ein Drittel aller Isländer lebt in Reykjavík, die anderen Orte auf der Insel sind nur dünn besiedelt. Also sind auch fast alle Bands in der Hauptstadt.
Marcel: Und durch die hohe Konzentration hast Du ein ganz anderes Nachtleben. Die machen Sachen, da leckt sich manche Metropole die Finger danach.

Zum Beispiel?
Marcel:
Weil die Szene so eng ist, müssen die sich so gut wie gar nicht um die Infrastruktur kümmern. Es gibt unheimlich viele Konzerte in Plattenläden, improvisierte Bühnen auf der Wiese. Alle Leute, die sie brauchen, haben sie im erweiterten Freundeskreis, vom Tontechniker bis zum Gitarristen. Diese Infrastruktur, die man sich hier über Jahre erarbeiten muss, haben die dort quasi von Anfang an.
Kai: Den Künstlern fehlt auch die Eitelkeit, die man sonst von Bands gewohnt ist, wo der Schlagzeuger dann ganz unbedingt zwei Bassdrums braucht. In Island trommelt man zur Not auf einer Holzbox. Und während die Gitarristen hier den Verstärker einer bestimmten Marke brauchen, holt man in Island einfach Leute auf die Bühne, von denen man weiß, dass sie Gitarre spielen können. Dadurch ist man dort viel flexibler. Außerdem lieben die Isländer das Off-Location-Ding.

Musik: Mugison - Murr Murr

Was genau soll das sein?
Kai:
Die spielen halt gerne an allen möglichen Orten. Wenn die abends ein Konzert haben, dann kann es sein, dass sie bereits mittags den Drang haben, in irgendeinem Plattenladen einen kleinen Gig zu spielen und Leute aufzugreifen, die gerade vorbeigehen, auch gerne Touristen.

Lohnt sich das finanziell?
Kai:
Nein, ausschließlich von der Musik leben ohnehin nur sehr wenige. Stars wie Sigur Rós sind die Ausnahme, nicht die Regel.

Musik: Retro Stefson - Kimba


Hatte die Finanzkrise auch einen Einfluss auf das Leben der Musiker?

Kai: Vielleicht hatten die plötzlich mehr Zeit zum Musizieren, weil die plötzlich arbeitslos waren, was für Island eine untypische Situation ist. Je weniger Geld im Spiel ist, desto kreativer werden die Leute.
Marcel: Die einzige Auswirkung war, dass die Bands wohl noch weniger an die Zukunft gedacht haben. Das klingt zwar doof, aber wir hatten das Finanzielle extra angesprochen und die Band Reykjavík! gefragt, ob vor 2008 noch mehr Geld da war. Die haben das ganz klar verneint. Wer Geld will, studiert auch in Island Wirtschaftswissenschaften.

Musik: Reykjavík - Internet


Gibt es auch Fans, die keine Musiker sind?
Kai: Sehr unwahrscheinlich.
Marcel: Wenn sie keine Musiker sind, dann machen sie die Flyer oder sind Grafikdesigner und machen den Web-Auftritt der Band.
Kai: Es gibt eine Dokumentation über das Airwaves-Festival. Dort hört man, wie ein Bandmitglied von Agent Fresco zum Publikum sagt: "Wir hören jetzt auf. Ihr wollt ja schließlich auch noch Konzerte spielen".

Musik: Sudden Weather Change - Kilgore Trout III


Hat die isländische Musik einen gemeinsamen Nenner?
Marcel: Wenn, dann ist es die unglaublich hohe Qualität und nicht, dass alle eine Orgel benutzen.
Kai: Aber dadurch, dass es so wenige Menschen sind, sagt man in Island: "Okay, Hjálmar macht Reggae, dann brauchen wir keine weitere Reggaeband mehr." Dieses Nachmachertum haben die da gar nicht.

Musik: Hjálmar - Borgin 



Wie viele Konzerte habt ihr in den vier Wochen besucht?
Kai:
Puh, keine Ahnung. Ich hab manche Bands in vier Wochen drei- bis viermal live gesehen.
Marcel: Interviews geführt haben wir mit 20 Bands. Bier getrunken mit 50.

Pro Tag ein Konzert?
Marcel:
Fünf.
Kai: Oder noch mehr. Es ist wirklich ein kulturelles Ding. Bei uns planst Du ein Konzert drei Monate im Voraus, mindestens. Die Isländer entscheiden sich dazu, am nächsten Tag ein Konzert zu spielen, geben das über Facebook bekannt, sagen noch ihren Freunden Bescheid und dann funktioniert das. Wenn die ein Konzert spielen wollen, spielen die das, die gucken nicht, wie viel Geld die damit einspielen, weil die damit kein Geld machen. Das heißt, sie haben keine Gewinn-Verlust-Rechnung, wenn der Kumpel Zeit hat, dann kommt er vorbei, wenn nicht kommt jemand anderes vorbei, das ist lockerer.

Habt ihr die Marke von 100 Konzerten geknackt?
Marcel: Nein
Kai: Aber das wäre machbar gewesen. Wenn wir noch 17 gewesen wären.

Musik: Bloodgroup - My Arms 



Hier geht's zur Homepage von Sonic Iceland.
  • Neue Fotografie

    »Ich habe gemerkt, wie sehr ich mit dem Begriff ›deutsch sein‹ ringe«

    Manche Ideen waren schon früher nicht gut. Etwa die eines deutschen Ehepaars, das vor 130 Jahren das Dorf Nueva Germania in Paraguay gründete, um das deutsche Blut vor fremden Einflüssen zu schützen. Der Plan ging nicht auf, aber das Dorf gibt es noch. Die Fotografin Constanze Flamme zeigt, was daraus geworden ist.

    Interview: Florian Zinnecker
  • Anzeige
    Neue Fotografie

    Autofokus

    Oldtimer sind das Markenzeichen Kubas. Auch der Fotograf Florian Rainer fotografierte die historischen Autos - im Mittelpunkt seiner Bilder steht jedoch etwas ganz anderes.

    Interview: Klara Weidemann
  • Neue Fotografie

    Ein Freilichtmuseum des Kommunismus

    Transnistrien ist ein Land, das es eigentlich gar nicht gibt. Am Rande von Europa gelegen, befindet es sich seit über zwei Jahrzehnten im politischen Schwebezustand. Die Fotografin Julia Autz verbrachte zwei Monate in dem bettelarmen Land.

    Interview: Klara Weidemann