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aus Heft 05/2011 Kino/Film/Theater Noch keine Kommentare

»Ich könnte mir vorstellen, dass es etwas für meinen Freund Clint ist«

sagte Steven Spielberg einst zu Peter Morgan, als er eins seiner Drehbücher las. Ein Gespräch mit dem begehrtesten Autor Hollywoods.

Von Uwe Killing  Fotos: Peter Rigaud





Der Mann kennt sich mit dem englischen Königshaus aus. Er kann einen amerikanischen Präsidenten mit ein paar präzisen Sätzen zeichnen; er hat Idi Amin sympathische Züge abgerungen. Und jetzt? Niki Lauda.Der englische Drehbuchautor Peter Morgan arbeitet seit Kurzem in einem kleinen Turm, der durch ein paar Stufen von seiner großen, hellen Dachwohnung in der Wiener Zirkusgasse abgetrennt ist, nahe der Donau. Die Drehbücher für The Queen und Frost/Nixon haben ihm Oscar-Nominierungen und Golden Globes eingebracht, er hat das Innenleben des Buckingham Palace mit Scharfsinn seziert und aus dem historischen TV-Interview zwischen Richard Nixon und David Frost ein fesselndes Duell gemacht. Gerade hat Clint Eastwood sein Skript Hereafter – Das Leben danach verfilmt, mit Matt Damon in der Hauptrolle, der letzte Woche bei uns in die Kinos kam.

Warum Wien? Morgan, 47, ist Kind deutsch-polnischer Emigranten. Als seine Mutter vor wenigen Wochen starb, entschloss er sich, mit seiner österreichischen Frau Lila Schwarzenberg nach Wien zu ziehen – zurück zu den Wurzeln, zur deutschen Sprache und zur mitteleuropäischen Kultur. In Morgans Arbeitszimmer, auf seinem gläsernen Schreibtisch, auf der Ledercoach, liegen Bücher und DVDs, darunter eine Niki-Lauda-Biografie und Fotobände über die Formel 1.

Herr Morgan, schreiben Sie jetzt ein Drehbuch über Lauda?
Ja, über ihn und James Hunt. Der Niki fällt mir leicht. Er hat diese sehr direkte, typische Sprache. James Hunt dagegen habe ich noch nicht gefunden, obwohl er Engländer ist. Vor einer Stunde musste ich alles wieder verwerfen. Ich muss ihm noch mehr zuhören, zuhören, zuhören …Und hoffen, dass er sich in meinem Kopf festsetzt.

Festsetzt?

Da sehen Sie mal, wie sehr meine Persönlichkeit gespalten ist! (Bis hierher hat er Englisch gesprochen, jetzt wechselt er ins Deutsche mit leichtem Wiener Akzent, im Lauf des Gesprächs wird er noch oft zwischen beiden Sprachen wechseln.) Und was für ein Kuddelmuddel in meinem Kopf herrscht. Aber Sie werden nur schwerlich jemanden finden, der besser geeignet ist, ein Film-Skript über einen österreichischen und einen englischen Rennfahrer zu schreiben. Ich kann mich in beide Mentalitäten hineinversetzen.

Sie leben seit einigen Monaten in Wien. Können Sie hier besser arbeiten als in London?
Ich genieße es, meine Familie um mich zu haben. Hier in der Wohnung recherchiere ich vor allem. Zum konzentrierten Schreiben ziehe ich mich dann immer in unser Haus in Südtirol zurück.

Zu den stärksten Szenen in The Queen gehört dieser Moment der absoluten Einsamkeit: Die Königin sitzt nach einer Autopanne auf einem Stein und blickt einem Hirschen tief in die Augen. Stephen Frears hat sich in einem Interview darüber amüsiert, dass die Engländer nicht gemerkt hätten, wie unrealistisch die Szene sei: Im schottischen Hochland gebe es allenfalls Rebhühner.

Okay, die Idee stammte von einer Hirschjagd, die ich in der Steiermark erlebt habe. Aber noch bemerkenswerter ist eine Szene, die in einer Hängekammer spielt. Die Kammer befindet sich in unserem alten Bauernhaus in Turrach, wo alle meine letzten Drehbücher entstanden sind.



Können Sie Ihre Schreibtechnik erklären?
Erst mal trage ich Ideen lange mit mir herum. Gerade hat mich jemand gefragt, ob ich ein Drehbuch über Julian Assange verfassen könnte. Ich musste absagen, weil ich fürchte, in fünf Jahren ist es nicht mehr so aktuell. Man müsste da journalistisch rangehen, aber ich arbeite anders. Die Idee entwickelt sich im Kopf, dann betreibe ich Recherchen, und irgendwann setze ich mich zum Schreiben hin. Das geht dann sehr schnell, maximal sechs Wochen.

Viele Ihrer Drehbücher setzen sich mit britischer Geschichte auseinander. Gewinnt man oben in den österreichischen Bergen eine geschärfte, eine andere Perspektive darauf?

Die Drehbücher zu The Queen oder Die Schwester der Königin könnte ein rein britischer Autor sicherlich genauso schreiben. Ich empfinde eher eine generelle Unabhängigkeit, die ich bei manchen meiner Freunde vermisse. Die gehen zu sehr in einer bestimmten Kultur auf oder lassen sich zu sehr aufs Establishment ein.

Sehen Sie sich als Außenseiter?
Ja. Es ist menschlich manchmal eine ungemütliche Position. Freiheit und Gefängnis zugleich. Man führt ständig einen inneren Kampf, lebt immer mit einer Idee, die einen von anderen Menschen isoliert. Aber gleichzeitig ist es ein großer künstlerischer Gewinn.

Wie entstand die Idee zu Hereafter?

Weihnachten 2004 sah ich die Bilder der Tsunami-Katastrophe im Fernsehen. Daraufhin habe ich mich mit dem Thema Todeserfahrung intensiver auseinandergesetzt. Das Skript verschwand dann eine Zeit lang in der Schublade. Ich habe es dann wieder hervorgeholt, als ich von der Beerdigung eines sehr engen Freundes nach Hause kam. Er war beim Skifahren verunglückt. Da habe ich mich gefragt: Und nun? Wo ist er? Was passiert jetzt?

Haben Sie eine Antwort gefunden?
Es war mir wichtiger, erst mal nur die Fragen zu stellen. Erstaunlicherweise fiel mir das Schreiben sehr leicht, obwohl das Skript so grundsätzlich anders war als alles, was ich vorher gemacht habe. Normalerweise habe ich eine ganz klare Vorstellung, ordne Fakten, setze mir einen Rahmen. Hier war alles offen, vor allem das Ende des Films.
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Wie gelangte das Skript in die Hände von Clint Eastwood?
Das war eine ziemlich merkwürdige Geschichte. Mein Agent hatte es der Produzentin Kathleen Kennedy gegeben. Die wusste nicht so recht etwas damit anzufangen, sah aber eine Verwandtschaft zu The Sixth Sense und schickte es dem Regisseur des Films, M. Night Shyamalan. Und dann gab es irgendwann ein Telefonat zwischen den beiden, das zufällig von Steven Spielberg mitgehört wurde. Das war im Studio während der Vertonung von Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels. Und Spielberg wiederum sagte: »Das klingt interessant, worüber ihr da gerade redet.« Er las das Drehbuch und kontaktierte mich. Ich machte auf seinen Wunsch ein paar Änderungen, die ihn aber letztlich nicht zufriedenstellten. Schließlich sagte er eher beiläufig: »Ich könnte mir aber vorstellen, dass es etwas für meinen Freund Clint ist.«

So funktioniert Hollywood?
Ein unglaublicher Zufall, ja. Ich hatte mir vorgestellt, dass es eher der Stoff für einen europäischen Regisseur ist, mit viel kleinerem Budget und weniger aufwendigen Action-Szenen.

Sie haben die erfolgreiche Premiere des Films in New York auf dem roten Teppich erlebt. Denken Sie jetzt noch immer so?
Ich habe zwiespältige Gefühle, ich finde, der Film bleibt unter seinen Möglichkeiten. Aber ich weiß nicht, ob es Clints Fehler ist oder meiner.

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