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aus Heft 09/2011 Wirtschaft/Finanzen

Jede Menge schmutziges Geld

Lars Jensen (Interview)  Foto: Phililip Toledano

Auf den Kopf des amerikanischen Ermittlers Robert Mazur war einst eine Prämie von einer halben Million Dollar ausgesetzt: Kein Mann hat die Finanzströme internationaler Drogenkartelle gründlicher aufgedeckt als er. Ein Gespräch über den Kampf gegen das organisierte Verbrechen.

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SZ-Magazin: Herr Mazur, bald kommt ein Film in die Kinos, in dem Sie von George Clooney gespielt werden.
Robert Mazur:
Hoffentlich! Seine Produktionsfirma hat die Filmrechte an meinem Buch The Infiltrator gekauft und arbeitet an einem Drehbuch. Ob Clooney auch die Hauptrolle übernehmen wird, ist leider noch unklar.

Ihr Buch wird als Meisterwerk gefeiert, auch weil Sie so lakonisch schreiben wie Raymond Chandler: Sie erzählen darin von Ihrer Arbeit als verdeckter Ermittler, der die Geldströme von Drogenkartellen untersucht. Sie lassen sich nicht fotografieren: Fürchten Sie sich vor Mördern?
In meinem Beruf ist es ratsam, sein Gesicht nicht zu zeigen. Anfang der Neunzigerjahre war bei Drogenkartellen sogar eine Prämie von 500 000 Dollar auf meinen Kopf ausgesetzt. Meine Kollegen und ich haben ein weltweites Netz von Geldwäschern zerstört, das für Drogenkartelle oder politische Machthaber gearbeitet hat: für den kolumbianischen Drogenboss Pablo Escobar etwa oder den ehemaligen Regierungschef Panamas, General Noriega. Aufgrund unserer Ermittlungen musste die internationale Großbank Bank of Credit and Commerce International schließen – seinerzeit siebtgrößte Privatbank der Welt mit 20 000 Angestellten und Filialen in über siebzig Ländern. Ein paar Leute sind also nicht so gut auf mich zu sprechen.

Wieso haben Sie ein Buch geschrieben, wenn Sie so gefährlich leben?
Ich hatte die Produzenten des Films Miami Vice beraten, und da sagte der Regisseur Michael Mann zu mir, dass er mein Leben verfilmen will: Aber ich müsste dafür alles aufschreiben.

Und jetzt ist Ihr Buch Pflichtlektüre für alle, die das organisierte Verbrechen bekämpfen. Ein gutes Gefühl?
Bis heute sind mein Team und ich die einzigen Ermittler, denen es gelungen ist, die Manager einer großen Bank jahrelang bei ihren kriminellen Handlungen zu beobachten. Ich glaube, deshalb ist dieses Buch so wichtig für alle, die kriminelle Kartelle untersuchen. Wir können den Terroristen, Drogen- oder Waffendealern,
Steuerhinterziehern und Menschenhändlern nur das Handwerk legen, wenn wir ihre Finanzströme unterbrechen. Wir müssen die Chefetagen krimineller Banken mit gut ausgebildeten Agenten unterwandern. Nur so bekommen wir Beweise.
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War Undercover-Agent immer Ihr Traumjob?
Nein, das wurde ich per Zufall. Ich habe Wirtschaft und Buchhaltung in New York studiert und ein Praktikum bei der Steuerbehörde gemacht, in der Abteilung für Ermittlungen. Ich dachte, das sei ein langweiliger Erbsenzählerjob. Plötzlich habe ich mich in einer Elite-Abteilung wiedergefunden, die eng mit den Geheimdiensten und der Drogenbehörde zusammengearbeitet hat. Ich blieb dort elf Jahre. Dann bin ich zum Zoll nach Florida, wo ich mich meinem Lieblingsthema widmen konnte: Geldwäsche im Drogenhandel.

Eine wichtige Industrie in Florida
.
Jeder Wolkenkratzer in Miami erinnert uns daran, wie erfolgreich diese Branche ist.

Und wie wurden Sie schließlich Undercover-Agent?
Bei der Steuerbehörde hatte ich ja schon viel mit Drogenfahndern zu tun, die als verdeckte Ermittler Kartelle unterwandert hatten. Etwa mit Tony Carpinella und Tommy Egan, die bei der Überführung eines der einflussreichsten Drogenhändler New Yorks mitarbeiteten: Frank Lucas, der in den Sechziger- und Siebzigerjahren besonders für die »Cadaver Connection« bekannt wurde, bei der er Heroin in Särgen mit toten Soldaten aus Vietnam in die USA geschmuggelt hat. Auf dieser Geschichte basiert der Film American Gangster. Von Joe Pistone habe ich viel gelernt, der sechs Jahre in einer der Mafia-Familien New Yorks eingeschleust war – sein Leben wurde unter dem Titel Donnie Brasco verfilmt. Aber wie man sich das Vertrauen von Gangstern erschleicht? Eine heikle Sache.

Ich nehme an, es hilft, gute Nerven zu haben.
Ja, man darf nicht ängstlich sein. Aber ich musste auch noch auf die Undercover-Schule in Washington, die alle verdeckten Ermittler besuchen müssen.

Es gibt eine Undercover-Schule? Bitte? Mit Klassenzimmern, in denen angehende Agenten voneinander abschreiben?

Stellen Sie sich das vor wie eine Schauspielschule. Zwei Dinge weiß ich noch aus dem Unterricht. Erstens: Du musst deine Identität selbst erfinden, du darfst dir vom Hauptquartier in Washington nicht helfen lassen. Nur so kennst du jedes Detail über
die Identität, die du annimmst. Außerdem schlampen die in Washington manchmal. Die zweite Regel: Deine falsche Identität darf sich nicht zu sehr von deinem wahren Charakter unterscheiden. Ich bin studierter Ökonom, verstehe also die wirtschaftliche Seite der Geldwäsche. Und ich sehe aus wie ein Buchhalter: wie jemand, der eher den Taschenrechner als die Pistole zückt. Also habe ich mir einen Partner gesucht, Emir Abreu, er hat die natürliche Aura eines Straßengangsters. Ohne ihn hätten uns die Ermittlungen nie so weit geführt: Er hat uns glaubwürdig gemacht.

Was muss man von Haus aus mitbringen für diesen Beruf und was kann man lernen?

Man kann den Beruf so wenig lernen wie den Beruf Künstler. Klar, das Handwerk können sie dir beibringen: Wie du mit Waffen umgehst, wie du in Notfällen reagierst. In der Realität kommt es aber auf Fingerspitzengefühl an.

Wie haben Sie sich getarnt?

Wir hatten bei einer Hausdurchsuchung halbfertige Papiere für 250 falsche Identitäten gefunden. In den Unterlagen habe ich einen »Robert Musella« entdeckt, der ein paar Jahre nach mir in New York geboren worden war – perfekt. Um glaubwürdig zu wirken, haben wir vom Zoll beschlagnahmte Yachten bekommen, Flugzeuge, Luxusapartments in Florida und New York, schnelle Autos und Dutzende Kreditkarten. Wir haben ein angeberisches Büro in Tampa gemietet und ein goldenes Schild angebracht: »Financial Consulting Inc«. Es hat ein Jahr gedauert, bis wir mit der Hilfe befreundeter Banker genug Scheinfirmen und Kontakte aufgebaut hatten, um Geldwäscher spielen zu können. Dann haben wir einen von Escobars Untergebenen eingeladen.
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Lars Jensen

, 38, war überrascht, als er zum ersten Mal mit Robert Mazur telefonierte: Mazur wusste, wo Jensen wohnt, für wen er schreibt, und dass er aus Hamburg kommt. Er hatte vorher recherchiert. Alte Geheimdienstschule eben.

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