Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 10°
Anzeige
Anzeige

Neue Fotografie 04. April 2011

Die wütenden Deutschen

Dennis Yücel (Interview)  Fotos: Malte Wandel

Wir stellen Ihnen jede Woche junge, talentierte Fotografen vor. Diesmal: Malte Wandel, der sich in Mosambik auf die Spuren von alten DDR-Vertragsarbeitern begeben hat.

Bitte warten, die Bildergalerie wird geladen...


Anzeige
Name:
Malte Wandel
Geboren: 1982 in München
Ausbildung: Fotografie-Studium in Dortmund und Zürich
Homepage: www.maltewandel.de

Wer sind die Madgermanes?

Als „Madgermanes“ werden die ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter in Mosambik bezeichnet. Es waren damals rund 16 000 Mosambikaner in der DDR tätig, sie waren für die dortige Wirtschaft von enormer Bedeutung. Zum großen Teil waren sie in industriellen Betrieben untergebracht. Ich habe unter anderem Glaser, Optiker, Gleisbauarbeiter, Arbeiter aus Textilfabriken und Bergwerken kennen gelernt. Nach der Wende sind fast alle in ihre Heimat zurückgekehrt. Da viele der volkseigenen Betriebe der DDR aufgelöst wurden, haben die meisten ihre Arbeit verloren und konnten somit keine Aufenthaltserlaubnis für die Bundesrepublik bekommen. Heute findet man im ganzen Land ehemalige Vertragsarbeiter, die gut Deutsch sprechen und gerne Geschichten aus Dresden oder Karl-Marx-Stadt erzählen. Der Zusammenhalt ist stark und sie sind gut organisiert. In jeder Provinz gibt es eingetragene Vereine. An der "Base Central Madgermany“, dem Treffpunkt der Madgermanes in der Hauptstadt Maputo, kommen sie sogar täglich zusammen.

Wieso eigentlich „Mad-“?

Die wütenden, wahnsinnigen Deutschen. Diesen Namen haben ihnen Freunde und Verwandte nach ihrer Rückkehr aus der DDR gegeben. Er bezieht sich auf den Kampf, den die Rückkehrer mit der mosambikanischen Regierung führen.

Worum geht es da?
Die Menschen kämpfen für die Ausbezahlung von Teilen ihres Lohns, die sie niemals erhalten haben. Während ihrer Arbeit in der DDR gingen 20 bis manchmal sogar 80% ihres Lohns nicht an sie, sondern an die mosambikanische Regierung. Es gab das Versprechen, das Geld nach der Rückkehr in die Heimat auszuzahlen. Die Madgermanes sahen die Chance, sich mit ihren Erfahrungen aus der DDR und dem gesparten Geld eine sichere Existenz in Mosambik schaffen zu können und den nach Bürgerkrieg und Sozialismus zugrunde gerichteten Staat mit aufzubauen. Leider kam es ganz anders. Bei ihrer Ankunft wurden ihnen alle Dokumente abgenommen. Ihr Geld haben sie bis heute nicht erhalten. Insgesamt geht es um rund 100 Millionen US-Dollar, die nicht ausgezahlt wurden. Darunter auch Gelder der BRD, die nie ihr Ziel erreicht haben und irgendwo in der mosambikanischen Regierung versickert sind. Leider ist es sehr schwierig die Zahlungen genau nachzuvollziehen, da entsprechende Dokumente verloren gegangen sind oder mutwillig zerstört wurden. Es ist auch nicht klar welchem Arbeiter wie viel Geld zusteht.

Was tun die Menschen in der „Base Central Madgermany“?

Von dort aus werden wöchentliche Demonstrationen und der Widerstand gegen die mosambikanische Regierung organisiert. Der harte Kern der Madgermanes trifft sich dort jeden Tag. Es wird diskutiert, geschimpft und mobilisiert. Manchmal gibt es spontane Feste. Die Ohnmacht gegen die staatliche Willkür wird nicht selten im Alkohol ertränkt. Das Gesamtbild zeigt eine im Stich gelassene Selbsthilfegruppe in einem aussichtslosen Kampf gegen die Ungerechtigkeit, die ihnen als Spielball der Weltgeschichte widerfahren ist.


Unter welchen Bedingungen leben sie in Mosambik?

In Mosambik sind heute fast alle ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter arbeitslos und leben von der Hand in den Mund, am Rande des Existenzminimums. Um einen einfachen, schlecht bezahlten Job zu bekommen verheimlichen sie ihren Aufenthalt in der DDR. Die „Madgermanes“ gelten als regierungsfeindliche Gruppierung und als Oppositioneller ist es nicht einfach, in einem Land wie Mosambik Arbeit zu finden.
Anzeige