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aus Heft 15/2011 Wissen

Auf den Spuren unseres Denkens (II)

Philipp Mattheis und Klaus Podak (Interview)  Foto: Katrin Schacke; Portrait: Joerg Sarbach

Kann ich immer tun, was ich will? Woher weiß ich denn, was ich will? Und wer ist überhaupt dieser »Ich«? Ein Gespräch mit dem Verhaltensforscher Gerhard Roth über die große Illusion vom freien Willen.


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SZ-Magazin: Herr Roth, hier auf dem Tisch steht ein Glas Wasser, ich würde gern daraus trinken.

Gerhard Roth: Bitte sehr. Ich halte Sie nicht davon ab.

Aber Sie sagen doch, es gibt keinen freien Willen.
Menschliches Handeln beruht immer auf Motiven. Sie können nicht aus diesem Glas trinken, ohne dazu motiviert zu sein. Das bestimmt dann Ihren Willen.

Was passiert in meinem Gehirn, wenn ich den Entschluss fasse, etwas Wasser zu trinken?
Zunächst stellt Ihr Hypothalamus einen Flüssigkeitsmangel fest. Er meldet dies an die Großhirnrinde, und es entsteht das Gefühl: Ich bin durstig. Jetzt gibt das Stirnhirn Kommandos, nach diesem Glas zu greifen. Besonders wichtig bei dieser bewussten Entscheidung ist der Kortex. Dort befinden sich die Regionen des Gehirns, deren Aktivität von Bewusstsein begleitet ist: Schmerz, Hunger, Durst.

Und wenn ich dem Durst widerstehe, etwa weil ich denke, das Wasser könnte giftig sein?
Dann kommt es zum Kampf der Motive: Eine Region des Gehirns, die Amygdala, sendet Warnsignale, Sie verspüren Furcht. Eine andere Region im limbischen System des Gehirns erzeugt Vorfreude auf das Gefühl, das durch das Durstlöschen entsteht. Wenn Sie sagen, das Gehirn kämpft – wo bleibe dann ich? Ist das »Ich« eine Täuschung? Das eine »Ich« gibt es nicht, sondern es gibt viele »Ichs«; es kann zum Beispiel als Gefühl auftreten, wonach ich der Verursacher meiner Handlungen bin.

Entsteht dieses Ich-Gefühl immer dann, wenn der Kortex, also der Sitz des Bewusstseins, an einer Entscheidung beteiligt ist?
Ja, wenn wir unsere Handlungen planen. Allerdings fühlen wir uns erst dann als Verursacher einer Handlung, wenn wir sie schon ausführen und eine Art »Vollzugsreiz« ans Gehirn zurückgeleitet wird. Man kann im Labor diese Rückmeldung unterdrücken, indem man den zuständigen Nerv stark unterkühlt. Die Versuchspersonen sagen dann: Es war jemand anderes, der mich dazu brachte, nach dem Glas zu greifen. Reizt man dieselben Versuchspersonen an einer bestimmten Stelle in der Stirnrinde, greifen sie zum Glas und sagen: Das wollte ich. Es hängt also davon ab, welche Gehirnregion aktiv ist, ob wir uns als Verursacher unserer Handlungen fühlen oder nicht.

Gedanken sind nichts anderes als elektrische Impulse?
Sind sind zumindest untrennbar mit solchen Impulsen verbunden. Das gilt nicht nur für Gedanken, sondern für jede Aktivität im Gehirn.

Ich kann also nichts denken oder fühlen, ohne dass im Gehirn Neuronen aktiv sind. Können umgekehrt Neuronen aktiv sein, ohne dass ich denke oder fühle?

Dann handelt es sich um unbewusste Prozesse. Wir Neurobiologen können natürlich Gedanken und Gefühle nicht sehen. Wir wissen aber, dass jeder Gedanke und jedes Gefühl eine neuronale Basis hat. Wenn ich eine bestimmte neuronale Aktivität beobachte, dann lässt sich daraus schließen, dass dieser Mensch gerade an ein Glas Wasser denkt.

Handelt es sich wirklich um eine freie Entscheidung, wenn einfach nur ein paar Millionen Neuronen interagieren?
Sie verwechseln Willens- mit Handlungsfreiheit. Wenn Sie jemand fragt, warum Sie hier sitzen, antworten Sie: Weil ich das so will. Das ist Handlungsfreiheit. Anders aber ist es, wenn Sie fragen: Wer oder was bestimmt den Willen?
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Wie lautet Ihre Antwort?
Die gab der Amerikaner Benjamin Libet schon Anfang der Achtzigerjahre. Libet war Katholik. Er untersuchte im Detail, was bei einer einfachen Handbewegung im Gehirn vor sich geht, und wollte dabei die Willensfreiheit des Menschen beweisen. Das ging nach hinten los. Sein Experiment zeigte nämlich, dass der Bewegungsimpuls 300 Millisekunden vor dem Moment auftrat, in dem seine Probanden den Entschluss dazu fassten. Libet folgerte: Eine Willensfreiheit gibt es nicht. Wenn wir glauben, eine Entscheidung zu treffen, ist sie im Gehirn längst gefallen. Das gilt allerdings nur für solch einfache Bewegungen.

Stimmt also das Zitat des Philosophen Arthur Schopenhauer: »Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will«?

Richtig.

Das klingt, als wären wir von unserem Gehirn ferngesteuert.

Nein – das Ich ist ja ein Teil des Gehirns. Was Libet gezeigt hat, erleben wir doch jeden Tag beim Autofahren. Außer Fahranfängern macht sich niemand groß Gedanken darüber, wann er in den zweiten Gang schaltet – wir tun es einfach. Trotzdem sagen wir: Ich war das. Nur bei komplexen Situationen oder Aufgaben müssen wir überlegen.

Wie läuft dieser Prozess im Gehirn ab?
Wenn ich Ihnen zum Beispiel sage, dass heute die Lokführer streiken, müssen Sie eine bewusste Entscheidung treffen: Wie komme ich zurück nach München? Nehme ich das Flugzeug, bleibe ich länger? In Ihrem Gehirn kommunizieren die Amygdala und die Basalganglien über die Handlungsmotive, im Kortex wird bilanziert und abgewogen. Dann treffen Sie eine Entscheidung, und das ist mit einem Ich-Gefühl verbunden.

Geht es auch einfacher?

Ja, wenn wir sehr emotional entscheiden. In diesem Fall sendet die Amygdala starke Signale aus, denen der Kortex folgt. Ähnlich ist es mit der Intuition, die nichts anderes ist als die gebündelte Information unseres Erfahrungsgedächtnisses.

Halten Sie es für ratsam, solche Eingebungen ernst zu nehmen?

Auf die Vernunft muss man nicht immer hören, auf die Intuition unbedingt!

Wer oder was legt fest, wie sich die Neuronen in meinem Kopf nun verhalten?
Unser Verhalten wird durch drei Faktoren bestimmt: die Gene; die prägenden Erfahrungen in früher Kindheit; unsere spätere Erfahrung und Erziehung. Was wir bisher am meisten unterschätzt haben, ist die frühkindliche Prägung. Traumatische Erfahrungen in dieser Lebensphase können das Gehirn eines Kindes nachhaltig verändern und sind später nur noch schwer zu reparieren. Grundsätzlich aber bewirkt jede psychische Veränderung auch eine neuronale Veränderung im Gehirn.

Findet der Prozess, den Sie vorhin am Beispiel des Trinkens beschrieben haben, eigentlich auch im Kopf eines Mörders statt, bevor er die Tat begeht?

Ja, natürlich. Da sind zum Beispiel die Gier nach Geld oder die Angst, erwischt zu werden, die beide aus dem limbischen System kommen, zum Beispiel aus der Amygdala.
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Philipp Mattheis und Klaus Podak

haben sich durch die zahlreichen Bücher von Gerhard Roth gearbeitet und fanden sie nicht immer leicht zugänglich. Sein neuestes Werk »Bildung braucht Persönlichkeit - Wie Lernen gelingt« können sie jedoch uneingeschränkt auch Laien empfehlen.

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