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aus Heft 17/2011 Gesellschaft/Leben

Ein Job zum Davonlaufen

Seite 2: Polizisten sind eigentlich ständig überfordert

Christoph Cadenbach und Max Fellmann  Fotos: Gerrit Hahn, Christoph Binder, Julian Röder, dpa, ddp

Die Berliner Bereitschaftspolizisten Sven Kaiser und Olaf Heinze wollten nur mit Helm fotografiert werden. Auch ihre Namen sind geändert. Sie sagen: »Viele sehen in uns den Staat und nicht den Menschen und lassen dann ihre Wut an uns aus.«

Polizisten sind eigentlich ständig überfordert. In der Ausbildung lernen sie, wie man zum Beispiel einen Armhebel richtig ansetzt. Wenn der Druck zu stark wird, sagt der Kollege stopp. Aber bei Fußballspielen oder auf der Reeperbahn nachts um halb eins werden sie mit einer völlig anderen Wirklichkeit konfrontiert. Da sind die meisten, die Ärger machen, so betrunken und hochgeputscht vom Adrenalin, dass sie nicht mehr spüren, wenn ihr Arm schon halb gebrochen ist. »Der junge Polizist erlebt dann zum ersten Mal, dass das, was er gelernt hat, leider nicht immer was bringt«, sagt Behr, »und das macht den Beruf riskant.«

Überfordert war die Stuttgarter Polizei auch am 30. September. Was damals passiert ist, wird den Revierleiter Feß bis an sein Lebensende verfolgen: Tausende von Demonstranten gegen Tausende von Polizisten, die Situation geriet außer Kontrolle, dann zielte ein Beamter mit dem Wasserwerfer zu hoch und verletzte einen älteren Demonstranten schwer an den Augen. So etwas darf nicht passieren. Aber im Eifer des Gefechts – wer würde an der Stelle des Einsatzleiters die nötigen Entscheidungen treffen wollen? Andreas Feß sagt: »Als ich von den Verletzungen gehört habe, hat mich das sehr getroffen. Andererseits fragt man sich: Was hättest du denn sonst machen sollen? Hinterher sind immer alle schlauer …«

Das Bild des blutenden Demonstranten ging durch Deutschland – keiner aus dem Schwarzen Block, kein Kämpfer, sondern ein pensionierter Ingenieur. Seitdem hat Feß keine ruhige Minute mehr. »Das geht bis hin zu persönlichen Angriffen im Internet, bei Twitter«, erzählt er. Die S21-Gegner kennen ihn. Seit beinah jeder eine Kamera in seinem Handy hat, werden Polizisten ständig gefilmt, auch Feß.

Aber auch Polizisten, die Straftaten begehen. Nach dem letzten 1. Mai in Berlin-Kreuzberg wurde zum Beispiel ein Video ins Internet gestellt, in dem ein junger Mann zu sehen ist, der auf dem Boden kniet. Im nächsten Moment rennt ein Polizist an ihm vorbei und tritt mit voller Wucht gegen seinen Kopf.

Marco Wüllner * hat diesen Film gesehen. Er ist Hundertschaftsführer bei der Bereitschaftspolizei Berlin und damit verantwortlich für die Gesundheit, aber auch die Verfehlungen seiner Truppe. In seinem Büro im Berliner Norden hängen Plakate vom G-8-Gipfel in Heiligendamm und den »Revolutionären 1. Mai Demos« an der Wand. Wüllner ist seit 1978 bei der BePo, der Bereitschaftspolizei. Wenn er heute nach einem Einsatz auf YouTube geht und die Videos anschaut, fühlt er sich als Polizist oft ungerecht behandelt: »In den Videos ist immer nur der Moment der Festnahme zu sehen, wenn der Kollege zulangt, aber nicht, was davor passiert ist«, sagt er. »Vielleicht müsste man da mit der Zeit gehen und selbst entsprechende Bilder einstellen.«
Für den Stuttgarter Revierleiter Andreas Feß war 2010 »das schlimmste Jahr meines Berufslebens«. Er musste dafür sorgen, dass die Bauarbeiten am Bahnhof weitergehen können.

Marco Wüllner formuliert diesen Vorschlag vorsichtig, er kann das ohnehin nicht entscheiden, er ist ein Mann für draußen, kein Schreibtischtyp. Auch zum Gespräch hat er die petrolfarbene Schutzhose der BePo an. Nur: Festnahmen sind das eine – aber gezielte Tritte? »Die dürfen nicht passieren, sind aber Realität«, beginnt Marco Wüllner und klopft dabei mit den Fingern auf den Tisch. »Aber wenn Sie schon mal im Steinhagel stehen, dann bekommen Sie so ein merkwürdiges Gefühl. Ich vergleiche das manchmal mit der Bundesliga: Wenn ein Spieler dauernd gefoult wird, foult er irgendwann zurück.«
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Zurückfoulen, Aggression als Reaktion, der Zwang zu handeln. Da argumentieren der Berliner Wüllner und der Stuttgarter Feß ganz ähnlich. Aber was beiden Polizisten nur schwer über die Lippen kommt: So ein Tritt ist eine Straftat. Punkt. Entschuldigungen gibt es nicht. Und auch Polizisten schlagen grundlos zu, jemand wie Michael Dandl ist sich da sicher. Dandl gehört zum Bundesvorstand der Roten Hilfe, einer linken Organisation, die Opfer von Polizeigewalt betreut und ihnen Anwälte besorgt. Er sagt, es gebe extrem viel Gewaltbereitschaft bei der Polizei. »Wir beobachten immer wieder, wie sich Polizisten am Rande von Demos gegenseitig abklatschen und untereinander angeben, was sie gerade für einen Treffer gelandet haben. Wie Sportler.«

In einem Bericht von Amnesty International aus dem vergangenen Jahr werden zahlreiche Fälle beschrieben, in denen Polizisten auf Demos friedliche Demonstranten verletzten. Eine junge Frau erlitt beispielsweise einen Rippenbruch, als ein Beamter mit dem Schlagstock auf sie einprügelte. Später, vor Gericht, wollten seine zwölf Kollegen nichts davon gesehen haben. »Klima der Straflosigkeit« nennen das die Autoren der Studie. Sie beklagen vor allem, dass es kaum statistisches Material zur Gewalt gibt, die von Polizisten ausgeht – im Unterschied zur Gewalt gegen Polizisten, die zum Beispiel in der Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen dokumentiert wird.

Amnesty International fordert auch, dass Bereitschaftspolizisten individuell gekennzeichnet werden. Bisher tragen sie auf ihrer Uniform nur eine vierstellige Nummer, die sie als Mitglied einer sogenannten Gruppe kenntlich macht. Doch Gruppen können bis zu zwölf Mann stark sein. Wie sollen ein Opfer oder ein Zeuge da einen möglichen Gewalttäter finden? In Berlin wurde die individuelle Kennzeichnung, eine fünfstellige Nummer, im Januar eingeführt, in den anderen Bundesländern noch nicht. Die Polizisten wehren sich dagegen. »Für viele Beamte ist das eine Bankrotterklärung«, sagt der Polizeiexperte Rafael Behr, »sie glauben, sie gehören zu den Guten. Aber gekennzeichnet zu werden, das bedeutet ja: kontrolliert zu werden.« Auf einmal sind sie die Bösen.

Marco Wüllner, der Hundertschaftsführer aus Berlin, sieht das anders. Er hat Angst um seine Kollegen. Als vor Kurzem einer seiner Männer einen Rocker der Hells Angels verhaften wollte, blaffte der ihn an: »Packst du mir in die Eier, schlag ich dich tot.« Der Rocker hatte auf seiner Kutte den gestickten Schriftzug »Filthy Few«, das heißt, er hat schon einmal einen Menschen getötet. »Ich kann verstehen, wenn ein Familienvater Angst bekommt, dass so einer rausfindet, wer er ist«, sagt Wüllner.

Es gibt Gründe, über die deutsche Polizei zu schimpfen: über Polizisten, die sich auf Demonstrationen aufführen wie schlechte Kopien aus Actionfilmen, die zuschlagen und Kollegen decken. Aber wenn es um Mord und Totschlag geht, um organisierte Kriminalität, um Hells Angels oder Russenmafia, dann ruft niemand mehr: »Haut ab!«. Dann ist der Bürger froh, dass es die Polizei gibt. Der CDU-Wähler genauso wie der Linke, der Arzt genauso wie der Punk. Es ist eine schizophrene Situation. Auch für die Beamten selbst.

Olaf Heinzes Frau ist froh, dass ihr Mann seit dem Bölleranschlag im Innendienst arbeitet. Und er? Na ja. Der Kollege, mit dem er jetzt das Zimmer teilt, hat sich einen Plüsch-Polizisten an die Schreibtischlampe gehängt – auf Heinzes Computer läuft als Bildschirmschoner eine Diashow aus seiner Vergangenheit: Pressefotos von brennenden Mülltonnen, glatzköpfigen Hooligans, dann ein Polizist, der einen Autonomen im Schwitzkasten hält. Auf einem Bild hat sich Heinze mit seiner Gruppe wie eine Fußballmannschaft aufgestellt. Es ist vom 1. Mai 2010, ein Kollege hat es gemacht. Die Polizisten lachen auf dem Foto. Eine schöne Erinnerung, ein Gemeinschaftserlebnis. Der Polizeiexperte Rafael Behr meint, für viele Beamte seien solche Einsätze wie ein Räuber-und-Gendarm-Spiel, ein Kräftemessen. Die Polizisten brauchen die Autonomen genauso wie die Autonomen die Polizisten: zur Selbstvergewisserung.

Olaf Heinze sagt, er werde dieses Jahr zum ersten Mal nicht in Kreuzberg dabei sein. Nächstes Jahr vielleicht wieder. »Und wie ich mich kenne, bin ich so verrückt und stehe in der ersten Reihe wie früher.«

Sein Kollege Sven Kaiser zeigt zum Ende des Gesprächs ein paar bedruckte DIN-A4-Seiten, er hat sie aus dem Internet, sie gehören zum sogenannten Polizeibericht Berlin, den autonome Gruppen zusammengestellt haben. Darauf sind Bilder von umgestürzten Polizeiautos zu sehen. Daneben steht: »Ein Mannschaftswagen ist dank der Möglichkeit des Aufschaukelns (...) nicht wesentlich schwerer umzukippen als ein leichterer Pkw.« An anderer Stelle wird beschrieben, welche Körperteile eines Polizeibeamten trotz Brustpanzer und Schienbeinschoner nicht geschützt sind. »Das gibt es doch gar nicht«, sagt Kaiser, »die bereiten sich darauf vor, wie sie uns am besten verletzen können!« In dem Bericht wird von der Organisationsstruktur der Polizei bis zur Reichweite des neuen Wasserwerfers WaWe 10 (65 Meter) kein Detail ausgelassen, auf 109 Seiten. Olaf Heinze kann es nicht fassen: »Dieser Bericht ist besser als das Material, das unsere Dienstanfänger bekommen!«

Nein, man möchte kein Polizist sein. Selbst jemand wie Michael Dandl von der Roten Hilfe, ein Mann, der die Polizei nicht mal ruft, wenn bei ihm eingebrochen wird, findet am Ende Worte, die so etwas wie Mitgefühl ausdrücken: »Polizisten sind oft überfordert, sie sind frustriert, sie werden nicht sonderlich gut bezahlt. Sie müssen an Tagen, an denen alle anderen ihre Freizeit genießen, Schicht schieben, sie sind oft kaserniert, sie unterliegen einem komischen Korpsgeist, es gibt krasse Hierarchisierung, es werden Befehle erteilt. Das ist ein ganz erheblicher Psychodruck.«

In zwei Tagen ist der 1. Mai.

* Name von der Redaktion geändert



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Christoph Cadenbach und Max Fellmann

lasen neulich im »Berliner Tagesspiegel«, dass am Rande einer Kundgebung der NPD ein Bereitschaftspolizist einen Kollegen in Zivil mit Pfefferspray attackierte, weil er ihn für einen Autonomen hielt. Demonstranten sind also nicht immer schuld, wenn sich Polizisten auf Demonstrationen verletzen.

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