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aus Heft 18/2011 Arbeitsleben 2 Kommentare

Diagnose: Langeweile

Ihre Arbeit ödet Sie an? Sie fühlen sich unterfordert? Und das macht Sie krank? Dann könnten Sie unter dem Bore-out-Syndrom leiden.  

Von Cathrin Kahlweit  Illustration: David Shrigley; Foto: kallejipp/photocase

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Aurélie Boullet hatte sich hinter dem Pseudonym Zoé Shepard versteckt, ihren Bestseller zierte kein Autorenfoto, sie ist nur eine von 5,3 Millionen französischen Staatsangestellten und in keiner Weise außergewöhnlich. Dennoch flog sie auf.

Ihre empörten Kollegen hatten sich erkannt in Absolument debordée,  ihrem Buch, das unter dem Titel Wer sich zuerst bewegt, hat verloren im Herbst bei Pendo erscheint, Boullets Satire, die in Frankreich einen Skandal auslöste. »Diese wertlosen Parasiten – das sind wir«, soll ihr Chef ausgerufen haben, nachdem er, wie viele Beamte in Frankreich, das Buch verschlungen hatte.

Denn die junge Blonde mit den kugelrunden Augen und dem langen Pferdeschwanz hatte sich ihren Frust und ihre Verbitterung darüber von der Seele geschrieben, dass sie als Verwaltungsangestellte in der Region Aquitaine einen Job mache, der langweilig, sinnlos und überflüssig sei. »In dieser Abteilung besteht das Geheimnis von Ruhm und Erfolg darin, den Einruck größtmöglichen Arbeitseifers zu erwecken«, schreibt sie, »also leere ich umgehend meine Tasche aus und breite ihren Inhalt sorgfältig auf meinem Schreibtisch aus. Sobald jeder Quadratzentimeter bedeckt ist, bin ich offiziell bereit, mit meiner heutigen Scheinarbeit zu beginnen.«

Sie fühle sich überqualifiziert und unausgelastet, von Idioten umgeben, sie verprasse Steuergelder, schlage die Zeit tot. Boullet mochte nicht mehr aufstehen, sie wurde zunehmend zynisch und verzagt zugleich. »Das Leistungsniveau, das während des Studiums erwartet wird, verhält sich genau umgekehrt zu dem Leistungsniveau, das man später im Dienst erwartet. Beziehungsweise: nicht erwartet«, klagt sie. Und berichtet, dass sie auf eine geschätzte Wochenarbeitszeit von acht Stunden komme.
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Das klingt gut? Geld verdienen, ohne zu malochen? Urlaube planen, Kaffee trinken, Beschäftigung vorschützen? Grauenvoll klingt das, nach vielen toten Stunden und wachsender Verzweiflung – und führt wie bei Aurélie Boullet eines Tages zu gesundheitlichen Problemen. Denn wenn Psychologen und Mediziner recht haben, dann leidet Boullet alias Shepard unter einem Bore-out – so benannt nach boredom wie Langeweile, und nach Burn-out wie Ausgebranntsein. Langeweile und Unterforderung können, gepaart mit fehlender Anerkennung und mangelnder Abwechslung, die gleichen Symptome hervorrufen wie das legendäre Burn-out.

Die Deutsche Angestellten-Krankenkasse DAK hat in ihrem aktuellen Gesundheitsbericht 2011, bei dem junge Arbeitnehmer im Mittelpunkt stehen, bei diesen zunehmend psychische Erkrankungen festgestellt. Zehn Prozent der Befragten litten außerdem unter somatischen Störungen. Eine Erklärung: Unterforderung. Denn auch mangelnde Belastung, sagt die DAK, könne Stress bereiten, und Stress führt zu Herzschmerzen, Schlaflosigkeit, Depressionen. Der Grund: Sechzig Prozent der jungen Leute gaben in der Studie an, sie könnten weit mehr leisten, als man sie lasse. Gut ausgebildet, hochmotiviert, aber dann ausgebremst in der Generation Praktikum, gestrandet im Wettrennen um den Traumberuf – das nennen mittlerweile auch Ärzte »Bore-out« und machen damit ein Phänomen, das sich auf dem Arbeitsmarkt in vielfältiger Form breitmacht, zur medizinischen Diagnose.

Als die zwei Schweizer Autoren Philippe Rothlin und Peter Werder 2007 zum ersten Mal mit einem Buch zum Thema kamen (Diagnose Boreout), wurde ihre Analyse noch belächelt: In einer Gesellschaft, in der alle Welt über Stress, Überforderung und Selbstausbeutung klagt, soll es Hunderttausende geben, die arbeiten und doch an Langeweile leiden? Das gab es früher auch, schon klar. Aber früher inszenierte sich der globalisierte Management-Jetset im Zustand der Dauer-Erschöpfung auch noch nicht als Ideal der modernen Arbeitswelt. Nun sagen Arbeitssoziologen, das Leiden sei die logische, andere Seite der Leistungsgesellschaft – und, wenn Arbeit bewusst entzogen wird, eine effektive Mobbingmethode obendrein. Der Business Coach Christian Mühldorfer erklärt das so: »Ein Job, der nichts wert zu sein scheint, bedroht das Selbstwertgefühl. Wer nach einer tollen Ausbildung durchstarten will und erst mal im Callcenter oder im Taxi landet, dem fehlen Stolz auf sich selbst und Anerkennung von außen.«

Die Folge: Nicht nur das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten schrumpft, sondern auch die Fähigkeiten selbst schrumpfen. Am Ende bleibt nur noch die Anstrengung, Arbeit vorzutäuschen. Als Aurélie Boullet das zum ersten Mal klar wurde, hat sie »vor lauter Verblüffung fast einen Lachkrampf bekommen. Aber nur die ersten fünf Minuten«.

Kommentare

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  • Peter Blöcker (0) Einfach nur gut, dieser Artikel! Immer schon geahnt, aber jetzt erstmals so gelesen! Welche Vergeudung von Potential in Schulen, Unis usw. - nicht auszudenken, wenn das auch nur einigermaßen so stimmt!!!
    PHB
  • Corinne aus Frankreich (0) Hallo, ich möchte nur darauf hinweisen, daß Aurélies Job heute viel interessanter ist, als den, den sie vorher hatte. Also hat die ganze Schikane doch was genutzt!
    Es wird noch auf ein Urteil gewartet; kein Gericht hat noch was gesagt, nur die Verwaltung. Ob zu recht oder Unrecht, das werden wir erst in einem Jahr erfahren!.
    Artikel trotzdem gut!