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aus Heft 20/2011 Gesellschaft/Leben

Zu spät! Zu spät! Zu spät!

Susanne Schneider 

Es ist einfach zu viel, es geht alles zu schnell, die Welt dreht sich wie verrückt, wie soll man da noch mitkommen? Jeder Mensch hat heute das Gefühl, er sei mit allem ständig im Verzug. Ein Hilferuf.

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Hat eigentlich mal jemand untersucht, ob die Menschen in den Industrieländern einen höheren Blutdruck haben als noch vor zehn, 15 Jahren? Dieses Immer-gehetzt-Sein, dieses Nie-Zeit-Haben, dieses Gefühl, immer mit allem zu spät dran zu sein, diese Angst, vor lauter Gleichzeitigkeit das Wichtige nicht mehr vom Eiligen unterscheiden zu können –, das muss Spuren in unseren Körpern hinterlassen, ganz sicher.

Früher war selbst das Zu-spät-dran-Sein simpler. Man war: zu spät für die S-Bahn, für die Steuererklärung, für den Anruf zum Geburtstag, für die Anmeldung zur Fahrprüfung. Heute klingt das ziemlich läppisch, schon weil die Lösung immer die gleiche war: sich mordsmäßig ärgern, dann Besserung geloben. Würde heute zu viel Zeit kosten. Heute brüllt man innerlich »Scheiße«, tippt dabei schnell drei SMS, schreibt vier Mails, die längst weggemusst hätten, »gesendet von meinem iPhone«, und ist eigentlich erleichtert; die Zeit, die man mit dem Geburtstagsanruf vertan hätte, ermöglicht es erst, mit den Mails nicht ganz ins Hintertreffen zu geraten.

Alle arbeitenden Menschen, die ich kenne, leiden inzwischen unter dem gleichen Gefühl: Egal, was sie anfangen, sie sind eigentlich schon zu spät dran damit. Immer will irgendwer irgendwas von einem und das schnell. Das ist nicht zu schaffen, aber sich dem Hamsterrad entziehen kann auch keiner. Und so befinden wir uns im Zustand des permanent schlechten Gewissens. Natürlich trägt die Digitalisierung der Welt eine große Mitschuld daran. Seither wischen wir den Ereignissen nur noch hinterher.

- 47 neue Mails heute, 29 gelöscht, acht beantwortet. Die anderen zehn? Ja, morgen dann.
- Elf Anrufe in Abwesenheit.
- Vier neue Updates verfügbar.
- Tini hat auf Facebook geschrieben, Clemens auch. Na ja, antworten geht jetzt nicht. Später.
- Terminkonferenz in 15 Minuten: bestätigen/noch mal erinnern/nicht mehr erinnern/Element schließen.
- Besprechung neuer Rubriken: Sie haben noch nicht zugesagt.
- Save the date! Pressekonferenz »Italienische Schinkenwoche«
auf 15. verschoben.

Heimlich spielen wir ständig mit dem Gedanken zu kapitulieren, heimlich ahnen wir, dass wir nicht mithalten können mit den rascheren Umdrehungen der Welt und dass wir den Vorsprung nicht mehr einholen. Doch wer gibt es zu? Nur Verlierer haben Zeit. Gewinner kriegen ständig Mails und Anfragen und Aufträge und Anrufe. In Ruhe nachdenken? Rasend gern, hatte man sich ohnehin vorgenommen für eines der nächsten Wochenenden, vorausgesetzt, es klappt mit dem Superschnäppchenflug nach Ibiza, Freitagabend hin, Sonntagabend zurück. Die Liste der Dinge, die man erledigen will, wenn man mal ein erholsames Wochenende am Meer hat, ist schon geschrieben. Ab Montag dann wieder dieselben Fragen: Was habe ich vergessen? Wo muss ich schnell was ausputzen? Plingplong, Voicemail, Sie haben drei neue Nachrichten in Ihrer Mailbox. Die man nicht abhört, weil man an der Nummer sieht, wer angerufen hat, und keine Lust hat, sich anzuhören, was man wieder vergaß zu tun.
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Wie kann ich retten, was noch zu retten ist? Hatte ich nicht mal Freunde, die ich abends getroffen habe? Sollte ich wirklich mal so unverschämt viel Zeit gehabt haben? Wann platzt die Bombe, und alle merken, dass ich nur mit heißer Nadel stricke? Warum scheint allen anderen alles leichter zu fallen als mir? Eine Antwort: weil wir uns, ohne zu mucksen, ausbeuten lassen. Neben unserem normalen Job arbeiten wir noch
- als Bankangestellte, die ihre Überweisungen und Daueraufträge am Laptop erledigen und der Bank auf diese Weise helfen, Personal zu sparen;
- als Tankwarte;
- als Kellner, seit immer mehr Lokale auf Selbstbedienung umschwenken;
- als Kassierer, seit bei IKEA und in modernen Supermärkten die Kunden ihre Einkäufe selbst scannen;
- (als Hausfrauen und Mütter. In Klammern, weil es heute fast schon altmodisch klingt);
- als Reisebürofachkräfte, die sich ihre Ferienwohnungen und Hotels selbst buchen und ihre Flüge auch.

Das mit den Flügen ist besonders perfide: Wer zu spät bucht, bezahlt einen höheren Preis, es sei denn, er hat zu früh gebucht. Und erst die Geißel der neun noch freien Plätze für den Billigflug! Man müsste sofort zuschlagen oder vielleicht lieber doch... Wer nachdenkt, hat verloren. Stattdessen die Comic-Stewardess in der Fernsehwerbung, die alle Passagiere, die zu viel bezahlt haben, an den Pranger stellt, weil sie es versäumten, über eine Suchmaschine den billigsten Flug zu finden. Suchmaschinen! Sehr witzig. Ist was für Rentner, die haben Zeit, Preise zu vergleichen und Suchmaschinen zu vergleichen und je elf User-Kommentare über die Güte der Preisvergleichsmaschine zu lesen.

Die Auswirkungen dieser neuen Lebensform: Die Geduld verschwindet, ständige Eile gilt als erstrebenswert; Fehler werden kaum noch verziehen, der Erfolgsdruck steigt, weil ja heute alles mit ein paar Mausklicks zu machen ist; die gegenseitige Kontrolle nimmt zu, weil man verhindern will, dass jemand hoffnungslos zurückliegt, oft aber auch, weil man das Gegenteil fürchtet. Die Überwachungsmöglichkeiten scheinen einfach und freundlich geworden zu sein: Nur ein paar Tasten drücken, schon haben alle den Überblick, wer Ideen liefert, zusagt oder gute oder schlechte Gründe für eine Absage vorweist. Oder ganz versäumt zu antworten. Natürlich hat man auch jene im Blick, die glauben, ausscheren zu können, sich vordrängen oder gar zum Überholen ansetzen. Wer gerade noch innerhalb der Zeitmessung ins Ziel kommt, kann den Ersten nur zähneknirschend gratulieren. Und auf Rache sinnen.

Und dann ist da noch was:
- Wie oft gehst du so ins Fitnessstudio? Oder bist du mehr
der Joggingtyp?
- Kindchen, Falten sind doch heute kein Thema mehr.
- Was? Du isst noch Fleisch, da wirst du bald die Einzige sein!
- Also, Lila trägt heute kein Mensch mehr. Ach, du hast die »Jemen«-Geschichte im New Yorker nicht gelesen? Da hast du was versäumt.
- Im Französischkurs im Kindergarten sind noch zwei Plätze frei. Aber du musst dich schnell entscheiden.

Nun kann ichs ja sagen: Ich bin am Ende.


Susanne Schneider

schickt diese Zeilen um 00:40 per Mail. Sie ist in Berlin beim Theatertreffen und kam zu zweien der drei Stücke, die sie sich ansehen wollte, zu spät. Das Aufzählen der Gründe würde zu weit führen. Zu einer Vorführung wurde sie noch eingelassen, zur zweiten nicht. Da betrank sie sich.

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