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aus Heft 39/2007 Wirtschaft/Finanzen Noch keine Kommentare

Der Untergang des Hauses Suhrkamp

Einst war Suhrkamp das Flaggschiff der deutschen Buchverlage. Eine Chronik. Von Helmut Böttiger 



Fotos: Joachim Unseld (Bild 1) und Ulla Unseld-Berkéwicz (Bild 2).
Im Restaurant des alten Literaturhauses ist die Welt noch in Ordnung. Franz, der Wirt aus dem Österreichischen, ist da, und die Weine stimmen. Das Frankfurter Literaturhaus befindet sich längst woanders, aber Franz ist in der Gründerzeitvilla an der Bo-ckenheimer Landstraße geblieben – obwohl hier nichts mehr stattfindet und von außen kaum zu erkennen ist, dass im Erdgeschoss ein gastronomischer Betrieb ausharrt. Hierher kommt der Suhrkamp Verlag gern. Hier sieht alles aus wie früher. Franz verkörpert die Zeit, als Bilder und Zeiten, die Beilage der FAZ, noch im Kupfertiefdruck erschien, die Frankfurter Rundschau eine überregional bedeutende Tageszeitung war und der Suhrkamp Verlag unangefochtenes Flaggschiff der deutschen Buchverlage.

Ein, zwei Schritte weiter, und man steht vor dem Verlagshaus in der Lindenstraße. In Frankfurt ist alles sehr klein. Die Bankhochhäuser prägen nur auf den ersten Blick das Stadtbild. Viel beherrschender sind die funktionalen Bauten der Nachkriegszeit. Ihr bröckliger Beton steht für Effektivität. Das Suhrkamp-Haus, Lindenstraße 29–35, ist im hellen Licht der 1960er-Jahre entstanden, in einer Leichtbauweise, die das Frankfurter Lebensgefühl abbildet: dünne Wände, Hektik und Nervosität, Hellhörigkeit. Dies ist der beste Nährboden für Intrigen.
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Die Sechzigerjahre sind die mythischen Jahre des Suhrkamp Verlags. Uwe Johnson, Peter Weiss, Enzensberger, Walser, Handke. Adorno, Marcuse, Habermas. Die »Suhrkamp-Kultur«, wie der amerikanische Literaturwissenschaftler George Steiner sie mit einer berühmt gewordenen Formulierung nannte, wird zum Symbol für die Kultur der Bundesrepublik schlechthin. »Suhrkamp« erscheint als bundesdeutsches Emblem wie Mercedes oder Siemens; der Kanon der Literatur in dieser Zeit ist gleichbedeutend mit den neu gegründeten bunten Taschenbuchreihen des Verlags. Das geht bis in die Achtzigerjahre. Es sind die Jahrzehnte Siegfried Unselds, des charismatischen Alleinherrschers. Dann beginnt sich langsam etwas zu ändern. Unseld und seine langjährige Ehefrau Hilde trennen sich, Unseld heiratet 1990 eine seiner Autorinnen, die auch als Schauspielerin agierende Ulla Berkéwicz. Zum ersten Mal merken Beobachter auf, als Unseld seinen Sohn Joachim, dem er seine Nachfolge fest versprochen hat, kurz nach dieser Heirat aus dem Verlag wirft. Es kommen neue Thronfolger, die Unseld zuerst holt und dann entlässt: Thedel von Wallmoden, Christoph Buchwald.

Unseld stirbt 2002, und er hat, für die Öffentlichkeit unmissverständlich, vorher Günter Berg als operativen Leiter eingesetzt: Er sieht in ihm einen Geistesverwandten, der seit 1990 in seinem Sinne gearbeitet hat. Berg verlässt jedoch bald darauf nach Auseinandersetzungen mit Ulla Unseld-Berkéwicz das Haus. Es geht um Kompetenzen: Jeder, den man fragt, ist der Meinung, dass Unseld als seinen Nachfolger Berg bestimmt hat. Doch Ulla Berkéwicz hat ihren Rechtsanwalt Heinrich Lübbert mit ins Haus gebracht, und es entsteht eine unübersichtliche juristische Konstruktion, der man anfangs nicht viel Beachtung schenkt. Ob Unseld selbst das überblickt hatte? Jedenfalls sitzt Unselds Witwe als Vorsitzende der Geschäftsführung am längeren Hebel. Zusammen mit Günter Berg geht auch Thorsten Ahrend, der allseits hoch geachtete Lektor für deutsche Gegenwarts-literatur. Rainer Weiss, nach Berg Programmleiter des Hauses, macht es ebenfalls nicht lange. Ebenso Georg Rieppel, der bei C. H. Beck ein gerühmter Vertriebschef gewesen und für diesen Bereich in die Suhrkamp-Geschäftsführung geholt worden war. Auch die Leiter von edition suhrkamp und Suhrkamp-Wissenschaft sowie andere langjährige Mitarbeiter gehen.

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