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aus Heft 20/2011 Kinder

»Junge Mütter müssen sich auch mal locker machen«

Julia Decker (Interview)  Fotos: Stephanie Fuessenich

Wer heute ein Kind kriegt, hat mit größter Wahrscheinlichkeit bald ein Buch von dieser Frau zu Hause: Kaum jemand kann all das, worauf es in den ersten Wochen nach der Geburt ankommt, so gut erklären wie die Hebamme und Bestsellerautorin Ingeborg Stadelmann.



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SZ-Magazin: Waren Sie schon mal im Berliner Viertel Prenzlauer Berg?

Ingeborg Stadelmann: Ich kenne eher Kreuzberg und Charlottenburg.

In Prenzlauer Berg wohnen viele junge, hippe Familien, die immer nur das Beste für ihre Kinder wollen. Der »Windelbalsam« von Stadelmann gehört dort genauso dazu wie ein Bugaboo-Kinderwagen oder eine englischsprachige Krippe. Ihre Produkte sind dort ein richtiger Trend.
Das bekomme ich nur am Rande mit. Durch die eine oder andere Bemerkung habe ich das Gefühl, manche Frauen meinen, sie müssten direkt nach dem positiven Schwangerschaftstest den Stadelmann-Schwangerschaftstee trinken. Was für ein Quatsch. Ich mag nicht Teil eines Trends sein. Das ist nicht meine Botschaft.

Was ist Ihre Botschaft?
Die Frauen sollen auf sich achten, gut zu sich selbst sein und ein paar natürliche Zusammenhänge verstehen. Ich möchte, dass sie sich wohlfühlen, in der Schwangerschaft und danach mit dem Neugeborenen.

Ihr Buch Die Hebammensprechstunde hat sich 500 000-mal verkauft, obwohl es im Eigenverlag erscheint, außerdem stellen Sie zusammen mit einem Kemptener Apotheker Salben, Tees und Öle her. Sind Sie so etwas wie eine moderne Hexe?

Zuerst einmal bin ich Hebamme. Und dann weiß ich eben noch eine ganze Menge über Kräuter. Mir gefällt der Ausdruck »weise Frau« am besten, aber es stimmt schon, manchmal werden wir Hebammen auch moderne Hexen genannt.

Was war Ihr schönstes Erlebnis als Hebamme?
Eine Geburt an Heiligabend, nachts bei Schneefall im Allgäuer Tal.

Sind Sie heute froh, dass Sie nicht mehr nachts aufstehen und ins Auto steigen müssen, weil bei einer Frau die Wehen einsetzen?
Bei einer Geburt dabei zu sein ist mit nichts zu vergleichen, aber das Leben hatte noch andere Dinge für mich vorgesehen. Heute gebe ich Seminare und verlege Ratgeber.
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Ihre Kolleginnen, die freien Hebammen, demonstrieren gerade. Ihr Argument: Wegen der hohen Haftpflichtversicherung, die sie abschließen müssen, um Geburten zu begleiten, bleibt am Ende fast kein Geld übrig.
So stimmt das nicht ganz. Hebammen verdienen schon noch Geld, das ist alles relativ. Aber erstens gibt es nicht mehr so viele Hausgeburten, und zweitens kann doch was nicht stimmen, wenn sie nur dann genug verdienen, wenn die Zahl der Geburten stimmt. Diese Politik verhindert die gesamte außerklinische Geburtshilfe.

Dann haben Sie das Buch also geschrieben, um endlich mehr Geld zu verdienen?
Nein, gar nicht. Als ich mein Buch im Jahr 1994 schrieb, gab es kein Buch, das schwangeren Frauen Hebammenwissen zur Verfügung stellt. Es fand sich kein deutscher Ratgeber zum Thema »Natürliche Geburt«. Es gab z. B. die Klassiker von Sheila Kitzinger und Ina May Gaskin, aber das waren nur Übersetzungen.

Eigentlich müssten die großen Verlage bei Ihnen Schlange stehen.
Als ich mein Manuskript fertig hatte, haben die großen Verlage es abgelehnt, weil ich keine Fotos im Buch haben wollte.

Was stört Sie an Fotos?
Fotos vermitteln den Frauen automatisch, wie etwas zu sein hat. Das wollte ich nicht. Als ich Erfolg hatte, meldeten sich doch Verlage, die mein Buch herausgeben wollten. Heute sehe ich die Nachahmer mit Genugtuung und mit einem Lächeln.

Gibt es, ähnlich wie beim Essen, ein neues Bedürfnis nach Natürlichkeit und Ursprünglichkeit beim Kinderkriegen?
Wahrscheinlich, sonst würden nicht so viele Schwangere mein Buch lesen. Für mich ist das ganz normal. Ich bin so aufgewachsen. Meine Mutter hat mich immer mit Arnika- und Johanniskrautöl behandelt, wenn ich mir das Knie aufgeschlagen hatte.

Sie empfehlen Wickel, Globuli, Düfte, Massagen. Klingt ziemlich esoterisch.
Diese Kritik habe ich noch nie gehört, dazu kann ich gar nichts sagen. Ich bin ein bodenständiger Mensch. Und Esoterik hat auch ihre Daseinsberechtigung. Ich biete naturheilkundliches Wissen an, das ist alles.

Im 21. Jahrhundert scheinen Frauen, die ein Kind bekommen, große Angst zu haben, irgendeinen Fehler zu machen. Sie lesen Dutzende von Ratgebern, decken sich mit Produkten ein, überlassen nichts dem Zufall. Warum fühlen sie sich so unter Druck?
An diesem Druck ist unsere Leistungsgesellschaft schuld. Die Frauen stillen nicht mit dem Gefühl: »Wie schön, ich kann ein Kind ernähren«, sondern mit dem sorgenvollen Gedanken: »Ich muss produzieren«. Mutterschaft ist heute ein Beruf. Aber um einen Beruf zu erlangen, müssen Sie studieren oder eine Lehre machen. Und das ist beim Muttersein nicht anders, das kann auch niemand von heute auf morgen.

Die Frauen sind beim ersten Kind nicht mehr zwanzig, sondern Mitte dreißig. Manche haben schon zehn Jahre gearbeitet, sie wissen: Wer viel leistet, ist erfolgreich.
Wenn die Frauen dieses Leistungsdenken mit ins Wochenbett nehmen, sind wir Hebammen gefordert, ihnen die schönen Seiten des Mutterseins aufzuzeigen. Manchmal müssen sich junge Mütter locker machen: Es gibt Babys, die essen viel, und es gibt Babys, die essen wenig. Wie bei Erwachsenen auch. Es ist alles nicht so schwierig.

Manche Frauen fühlen sich durch das Stillen zu Hause gefesselt. Sechs Monate Stillzeit, zu denen sich Mütter heute verpflichtet fühlen, können einer Karriere im Weg stehen, finden Sie nicht?
Nicht umsonst sprechen wir beim Stillen vom »Mutter-Kind-Bonding«, also tatsächlich von »fesseln«. Und es mag schon sein, dass sich die eine oder andere Frau mal schlecht fühlt. Niemand hat behauptet, dass Kinderhaben eine Wellnessveranstaltung ist. Aber es kann – mit der richtigen Unterstützung – große Freude machen und die Frau bestätigen.

Die französische Philosophin Elisabeth Badinter sagt, es sei ein Rückschritt für die Emanzipation, wenn Frauen stillen, statt zu arbeiten.
Die Französinnen sind da anders als wir in Deutschland. Frankreich bietet ein Netzwerk von Kinderbetreuung, auch für ganz kleine Kinder. Und es gibt keinen Erziehungsurlaub. Dort ist es vollkommen normal, dass die Frau wieder arbeiten geht.

Das alte Dilemma der Frauenbewegung: Ist die Natur nun ein Segen oder ein Übel?
Weder noch. Die ist halt da. Die ist gegeben.

Haben Sie aufgehört zu arbeiten, als Sie Ihre Kinder bekommen haben?
Ich habe acht Wochen nach meinem dritten Kind wieder voll gearbeitet, allerdings hat mir mein Mann sehr viel abgenommen. Wir haben die Rollen getauscht. Ich war die Ernährerin, er hat die Kinder versorgt und sich um den Haushalt gekümmert. Eine Mutter kann sehr wohl Karriere machen, ohne die Kinder zu vernachlässigen.
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Julia Decker,

36, hat durch das Interview eine weitere Erkenntnis gewonnen: Bei Schnupfen wird sie keinen Nasenspray mehr verwenden. Ingeborg Stadelmann empfahl ihr, Engelwurz auf die Nebenhöhlen aufzutragen, das helfe besser.

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