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aus Heft 21/2011 Gesundheit

Auf den Spuren unseres Denkens (III)

Philipp Mattheis und Klaus Podak (Interview)  Foto: Katrin Schacke, Porträt: David Ausserhofer

Es ist so weit: Forscher können Gedanken lesen. Sie erkennen mit dem Gehirn-Scanner sogar Gefühle, Absichten und Lügen. Aber das heißt auch: Der Mensch wird immer leichter manipulierbar. Ein Gespräch mit dem Hirnforscher John-Dylan Haynes.



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So viel ist klar: Je nach Gedanke sind bestimmte Areale im Gehirn aktiv. Die Entschlüsselung dieser Muster ist allerdings hoch kompliziert.


SZ-Magazin: Herr Haynes, Sie beschäftigen sich mit »Brain Reading«. Können Sie Gedanken anderer Menschen lesen?

John-Dylan Haynes: Wir untersuchen, welche neuronalen Muster im Gehirn mit welchen Gedanken einhergehen. Daraus versuchen wir dann zu entschlüsseln, was eine Person gerade denkt. Das bedeutet aber nicht, dass wir in einem Gehirn lesen können wie in einem Buch.

Was können Sie dann erkennen?
Wenn jemand an ein Haus denkt oder an einen Tisch, können wir das in der Kernspintomografie sehen. Wir können auch einfache Absichten, Erinnerungen und Gefühle erkennen. Noch sind es aber relativ einfache Gedanken.

Wie machen Sie das?
Ein Proband legt sich in den Kernspintomografen, und wir bitten ihn, an etwas zu denken. Wir messen dann seine Hirnaktivität. Eine MustererkennungsSoftware verarbeitet diese Informationen dann und versucht, die Hirnaktivität einem bestimmten Gedanken zuzuordnen.

Woher wissen Sie, ob Ihr Proband zum Beispiel gerade an einen Hund denkt?

Das ist ein schwieriger Prozess. Wir müssen zunächst lernen, wie sich der entsprechende Gedanke bei der untersuchten Person im Gehirn äußert. Eine Software muss darauf trainiert werden zu erkennen, welches Muster der Hirnaktivität mit welchem Gedanken einhergeht. Damit erstellt man dann eine Datenbank, mit der die Software ein Hirnbild abgleichen kann. Das ist wie bei der biometrischen Gesichtserkennung.

Sieht der Gedanke an einen Hund nicht bei jedem Menschen gleich aus?
Sie ähneln sich, sind aber nicht völlig identisch. Je mehr man sich für die Details der Gedanken interessiert, desto unterschiedlicher werden die Hirnbilder verschiedener Menschen.

Liegt das daran, dass jeder Gedanke in einem bestimmten Areal im Gehirn aktiv wird?

Es gibt Bereiche im Gehirn, die für die Speicherung von Sehinhalten zuständig sind, andere codieren Hörinformationen, und wieder andere speichern Pläne und Vorhaben. Wenn ich jedoch wissen will, welches Bild genau jemand sieht, dann muss ich lernen, subtile Unterschiede in der Musterung dieser Bereiche zu erkennen. Da werden dann die Unterschiede zwischen Personen besonders deutlich. Wir können erkennen, an welche Automarke ein Mensch denkt, oder ob er gerade einen Dackel oder einen Schäferhund vor Augen hat.
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Wird es irgendwann eine Art Landkarte des Gehirns geben, auf der die Areale verschiedener Gedanken verzeichnet sind?

Das Gehirn speichert Gedanken nicht an einer einzigen Stelle, sondern an vielen verschiedenen. Es gibt zwar ein charakteristisches Aktivitätsmuster für jeden Gedanken, doch die feuernden Neuronen sind weit verzweigt. Die Gedanken sind räumlich ausgedehnt.

Jeder Mensch besitzt also einen neuronalen Fingerabdruck?
Je genauer wir das neuronale Muster eines Gedankens im Gehirn betrachten, desto größer werden die Unterschiede.

Warum ist das so?
Dafür gibt es verschiedene Erklärungen: Zum einen kann es sein, dass zwei Personen zwar an einen Hund, aber nicht an ein und denselben Hund denken. Jeder Mensch hat andere Assoziationen. Jemand, der von einem Hund einmal gebissen wurde, denkt anders an dieses Tier als ein Haustierbesitzer. Zum anderen ist das Gehirn bei jedem Menschen leicht unterschiedlich gebaut.

Was können Sie noch unter der Kernspintomografie erkennen?
Früher dachte man, das Erkennen von Gedanken werde überhaupt nicht funktionieren. Heute klappt das in Ansätzen schon sehr gut. Visuelle Vorstellungen lassen sich relativ leicht auslesen. Schwieriger wird es aber, wenn wir zum Beispiel versuchen, Absichten aus dem Gehirn zu erkennen.

Sie haben ein Experiment durchgeführt, in dem Probanden Zahlen entweder subtrahieren oder addieren sollten. Konnten Sie ihre Entscheidung erkennen?

In siebzig Prozent der Fälle lagen wir richtig.

In zwanzig Jahren stehen an allen Flughäfen Gehirnscanner. Sie lesen die Gedanken aller Passagiere und erkennen das Vorhaben eines Terroristen, der ein Flugzeug in die Luft sprengen will. Ein realistisches Szenario?
Prinzipiell ist das denkbar, aber ich bin eher skeptisch.

Warum?
Das Vorhaben, ein Flugzeug in die Luft zu sprengen, ist ein sehr komplexer Gedanke. Jeder Passagier am Flughafen hat wahrscheinlich in diesem Moment gerade ein Flugzeug im Kopf. Wie wollen Sie den Gedanken »Hoffentlich will niemand das Flugzeug in die Luft sprengen« von »Ich will das Flugzeug in die Luft sprengen« unterscheiden? Selbst ich als Wissenschaftler glaube nicht, dass das in naher Zukunft möglich sein wird.
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Philipp Mattheis und Klaus Podak

haben ein etwas schlechtes Gewissen, weil sie Haynes vor allem zu den negativen Folgen seiner Forschung befragt haben. Dabei gibt es viele positive Anwendungen: Schwerbehinderte Menschen etwa können kraft ihrer Gedanken einen Cursor bewegen und so mit der Umwelt kommunizieren; Krankheiten wie Multiple Sklerose lassen sich besser erkennen.

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