aus Heft 25/2011 Deutschland 2 Kommentare
Ausgemustert
Am 30. Juni endet ein Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte: Wir haben die letzten Wehrpflichtigen durch ihre Grundausbildung begleitet.
Von Christoph Cadenbach Fotos: Julian BaumannBitte warten, die Bildergalerie wird geladen...
Der Wind pfeift kalt, die Wolken drücken, als auf dem Pausenhof der Grund- und Mittelschule Falkenstein im Bayerischen Wald eine Epoche zu Ende geht.
»Man wird sich an Sie erinnern wie an die Menschen, die ’89 beim Fall der Mauer dabei waren«, beschwört Oberstleutnant Andreas Pickel den historischen Augenblick. Doch hinter dem Oberstleutnant kleben an den Fensterscheiben der Schule bunte Papierblumen, auf der anderen Seite des Platzes hat sich eine Deutschlandfahne am Mast verheddert. Dann deckt ein Windstoß auch noch die Plastikplane ab, die die Gäste auf der Ehrentribüne vor Regen schützen soll. Nichts an diesem Nachmittag im März 2011, an dem Wehrpflichtige geloben, »der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen«, wirkt feierlich.
Dabei gehören sie zu den Allerletzten, die nach Paragraf 12a des Grundgesetzes zur Bundeswehr eingezogen worden sind. Nach ihnen wird es nur noch Freiwillige geben. Die Wehrpflicht ist ausgesetzt, so hat es die schwarz-gelbe Regierung beschlossen. Damit verschwindet eine Institution, die über fünfeinhalb Jahrzehnte das Volk in Bundis und Zivis gespalten hat, ideologisch so besetzt wie früher einmal die Entscheidung für CDU oder SPD. Damit verschwindet die Musterung als Teil jeder Männerbiografie, die Beklemmung, sich vor Autoritätspersonen ausziehen zu müssen, der peinliche Griff zu den Hoden; die Tricks, mit denen man sich einen schnellen Puls oder eine aschfahle Gesichtsfarbe zulegte, braucht jetzt endgültig keiner mehr. Rund 8,4 Millionen deutsche Männer haben seit 1956 den Dienst am Vaterland angetreten.
Sie sollten im Ernstfall die Truppen des Warschauer Paktes am Durchbruch hindern (wie lange ihnen das gelingen würde, war Thema vieler banger Überlegungen) und im Friedensfall »Staatsbürger in Uniform« sein, so lautete das Leitbild der Bundeswehr nach der deutschen Wiederbewaffnung. Keine willenlosen Befehlsempfänger, sondern eingebunden in die Gesellschaft und von dieser getragen, Söhne des Landes, die aus tiefster Überzeugung handelten, der »inneren Führung« folgend, nicht mehr wie einst den Kommissköpfen und Schindern, die ihr Menschenmaterial in die Schützengräben hetzten. Zum Selbstverständnis gehörte es auch, dass die Wehrpflicht allen auferlegt war, den Bürger- wie den Arbeiterkindern, eingezogen nur für den unwahrscheinlichen Verteidigungsfall des Frontstaates Deutschland. Es klang nicht wirklich nach Krieg, wie auch alles andere in der Bundesrepublik nicht, es klang fast so, als hätte man sogar als Pazifist mitmachen können, und falls man nicht wollte, konnte man entweder nach West-Berlin umziehen, auf das die Bundeswehr keinen Zugriff hatte, oder Ersatzdienst leisten, nachdem man einer Kommission dargelegt hatte, dass man selbst im äußersten Notfall (»Stellen Sie sich vor, Ihre Freundin …«) nicht zu Waffengewalt Zuflucht nehmen wollte. Es war vielleicht das Seltsamste an der alten Bundeswehr: Sie erschien sowohl ihren Befürwortern als auch ihren Gegnern weniger als politisches Instrument denn als moralische Institution – eine Einrichtung, die dazu zwang, die eigene Position zu Krieg und Frieden, Vaterlandsliebe und Dienst am Gemeinwohl zu klären und zu bekunden.
Doch was bedeutet es überhaupt, heute Wehrdienst zu leisten, auf den letzten Drücker? Sitzen da nicht nur ein paar Jungs ihre Zeit ab, die es nicht geschafft haben, sich ausmustern zu lassen? Sechs Monate dauerte der Wehrdienst zuletzt noch – zusammengesetzt aus drei Monaten Allgemeiner Grundausbildung, der sogenannten AGA, und drei Monaten Dienst. In den Sechzigerjahren waren es noch anderthalb lange Jahre, eine Ewigkeit für junge Männer.
Wir haben drei der letzten Wehrpflichtigen über ihre sechs Monate begleitet: Stefan, Nico und Markus. Sie sind dabei, als auf dem Pausenhof der Grund- und Mittelschule Falkenstein die Plane von der Ehrentribüne weht, doch ihre gemeinsame Zeit bei der Bundeswehr hat – wie im Wehrdienst üblich – drei Monate vor dem Gelöbnis begonnen: im Januar 2011, in der Arnulf-Kaserne im ostbayerischen Roding, Gebäude 5, Zimmer 104.
Stefan, Nico und Markus stehen zwischen den Stockbetten in ihrem neuen Zuhause und tragen Unterhose und weiße Socken. Es ist der dritte Tag ihrer Ausbildung, und sie lernen gerade, sich richtig anzuziehen: die schwarzen Turnschuhe zur kurzen Sporthose, das rote Barett zum grauen Ausgehanzug. In der Welt, in der sie nun leben, gelten andere, merkwürdige Gesetze: Laut Zentraler Dienstvorschrift darf ihr Haar »bei aufrechter Haltung des Kopfes weder Uniform- noch Hemdkragen berühren«. Sie sind dazu verpflichtet, ihre Gesundheit »weder vorsätzlich noch grob fahrlässig« zu beeinträchtigen. Und in ihren Kleiderschränken müssen die blauen T-Shirts direkt über der Kleiderstange mit dem Mantel auf DIN-A4 gefaltet liegen, nirgendwo sonst. Mit der Bundeswehr war es immer ein bisschen wie mit Lothar Matthäus – es ist leicht, sich über sie lustig zu machen.
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Zwar hatte der Presseoffizier an diesem Morgen versichert, dass es für viele Rekruten eine Ehre sei, zu den letzten Wehrpflichtigen zu gehören – aber wären Stefan, Nico und Markus nicht gern ein Jahr später geboren, um dem Umweg Bundeswehr zu entgehen? »Also, ich sehe die Zeit hier als Erfahrung fürs Leben«, sagt Stefan. Er ist 21 Jahre alt, ein großer, kräftiger Mann, der viel redet und laut lacht. Eigentlich arbeitet er in Nürnberg als Kfz-Mechatroniker in einer Autowerkstatt, doch nun spielt er mit dem Gedanken, sich länger zu verpflichten.
Nico, 20, wäre dagegen fast nicht mehr hier. Am ersten Tag musste er beim Truppenarzt auf die Waage: 94,5 Kilogramm, nur 500 Gramm mehr und er wäre nachträglich ausgemustert worden. »Da hab ich mir schon gedacht: Hätte ich morgens mal zwei Leberkässemmeln mehr gegessen«, sagt er und grinst. Als Jugendlicher hat Nico oft im Fitnessstudio trainiert, aber dann kam der Beruf. Nico ist Koch. Er hat in einem Gasthof in seiner Heimatstadt Regensburg gelernt. 650 Plätze mit Biergarten, viel Arbeit, wenig Bewegung, an manchen Tagen hat Nico 120 Kilogramm Spargel geschält. Von fünf Lehrlingen war er der Einzige, der durchgehalten hat. Er wirkt zwar gemütlich, aber Nico kann sich durchbeißen.
Auch Markus, 19, wäre gern um die sechs Monate herumgekommen, aber er wollte sich nicht ausmustern lassen, wegen seiner Bewerbung bei der Polizei. Wie hätte das ausgesehen? Markus ist der schweigsamste auf dem Zimmer und der Einzige, der keine Ausbildung, sondern Abitur gemacht hat. Stefan und Nico nennen ihn später das »Lexikon«, weil er die Dienstgradabzeichen am schnellsten auswendig weiß und Science-Fiction-Romane auf Englisch liest. Noch nie ist er von einem Chef zusammengestaucht worden, an den scharfen Ton der Vorgesetzten hier muss er sich erst einmal gewöhnen.
»Auf dem Flur in Linie antreten!«, hallt die Stimme von Oberfeldwebel Frank Westergerling in ihr Zimmer hinein. Stefan, Nico und Markus rennen polternd vor die Tür, im grauen Ausgehanzug wie die anderen 51 Rekruten in ihrem Ausbildungszug. »Die Daumen liegen an, die Hände sind gestreckt, die Hacken zusammen«, bellt der Oberfeldwebel. Westergerling ist ihr Gruppenführer, Ausbilder und Vertrauensperson in einem. Er sei »hart, aber fair«, sagen später Nico und die anderen. Wenn sie strammstehen, dürfen sie dem Oberfeldwebel nicht in die Augen schauen, selbst wenn er mit ihnen spricht, der Blick bleibt geradeaus – eine merkwürdige Welt.
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21 Uhr 14
Schade, zumindest dafür sollte es Ersatz geben
19 Uhr 35
Wer das Gegenteil behauptet, lügt. Kämüfen und sterben denn die wahnsinnigen, die den Krieg befehlen, selbst und höchstpersönlich? Nein, diese wahnsinnigen Po-Litiker wärmen ihren Ar... am heimischen Kamin, in völiger Sicherheit, aber andere sollen für deren Wahnsinn sterben? NEIN!
NIE WIEDER KRIEG!