Das Prinzip | Heft 40/2007

Palästinensertuch

Von Andreas Bernard 


Beim Gang durch die Fußgängerzonen fühlt man sich in diesem Herbst ein wenig wie in einem Demonstrationszug der Siebziger- oder Achtzigerjahre. Etliche Hälse sind mit schwarz-weißen Palästinensertüchern bedeckt – mit dem Unterschied allerdings, dass es sich nicht um politische Aktivisten handelt, sondern um 13-jährige Mädchen. Das Palästinensertuch ist endgültig zurück auf den Straßen; nachdem das Kleidungsstück im letzten Jahr durch die teure Kaschmir-Variante des Modelabels Lala Berlin wieder ins Bewusstsein rückte, ist es seit Kurzem auch bei H&M erhältlich und damit allgegenwärtig.

Am Schicksal des Palästinensertuchs ließe sich natürlich einmal mehr die Geschichte erzählen, dass Mode wie ein Vampir den rebellischen Gehalt von Kleidungsstücken, Accessoires und Frisuren aussaugt und sie in leere Optionen des Tragbaren verwandelt. Was als aufgeladenes Zeichen des politischen Bekenntnisses oder der abweichenden Biografie an vereinzelten Körpern auftaucht – der Nietengürtel, der Irokesenschnitt, die Tätowierung –, wird nach Jahren oder Jahrzehnten in das alltägliche Erscheinungsbild der Menschen integriert.

Nun ist also das Palästinensertuch, nachdem es knapp zwanzig Jahre aus der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie verschwunden war, an der Reihe. Als Symbol des linken, antiamerikanischen Widerstands kam es Ende der 1960er-Jahre nach Deutschland, importiert offenbar von Aktivisten des Studentenprotests, die von den Ausbildungslagern der PLO zurückkehrten. Unter den Trägern entwickelte sich in den Siebzigerjahren eine fein differenzierte Symbolik – die schwarze Musterung für den eher gemäßigten Widerstand, die rote für die anarchistische Bewegung, die lilafarbene für den Feminismus. Sie wiederholte im Bereich politischer Anschauung jene Farbzuordnung, die im arabischen Raum ursprünglich als Hinweis auf die Herkunft der Träger galt.

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