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aus Heft 31/2011 Außenpolitik

Der Rest ist Geschichte

Till Krause  Fotos: Timothy Fadek/Polaris/laif

Seit zehn Jahren lagern die Trümmer des 11. September in einer Halle in New York. Jetzt muss geklärt werden: aufheben oder wegschmeißen?

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Ein paar Tage nach dem 11. September 2001, als der Schutt am Ground Zero noch dampfte, bekam der Architekt Mark Wagner einen Anruf von der New Yorker Hafenbehörde – ihr gehört das Gelände, auf dem das World Trade Center stand. Wagner hatte für die Behörde schon oft gearbeitet, er galt als belastbar und als einer, der sich mit Hochhäusern auskennt. Jemand musste in den Trümmern nach Gegenständen suchen, die aufbewahrt werden sollten, bevor Bagger kommen und alles wegschaffen würden. Vor allem Gebäudeteile wollte die Hafenbehörde haben, um den Zusammenbruch der Zwillingstürme zu untersuchen, aber auch ein paar Erinnerungsstücke für die Hinterbliebenen sollten dabei sein. Ihre eigenen Mitarbeiter seien zu traumatisiert für diese Aufgabe, viele Kollegen waren im World Trade Center ums Leben gekommen. Also stand Mark Wagner, ein breitschultriger Mann mit zurückgekämmten Haaren und Ohrring links, kurze Zeit darauf mit Schutzhelm und Kamera auf den Trümmern der ehemals höchsten Häuser Manhattans. Niemand hatte ihm gesagt, was genau er suchen sollte, darum markierte er mit Sprühfarbe alles, was ihm interessant erschien. Auf ein Überbleibsel der Radioantenne des Nordturms sprühte er »Save«, auf ein verkohltes Feuerwehrauto, auf Hunderte Teile verbogenen Stahls und einen Fahrradständer: Save, Save, Save.

»Neben mir haben Feuerwehrleute Leichenteile geborgen, und ich habe nach irgendwelchen Gegenständen gesucht«, sagt Wagner heute, »die haben mich für einen Plünderer oder Klatschreporter gehalten.« Mehrfach wurden ihm von Polizisten und Feuerwehrmännern Prügel angedroht. Bis sie begriffen: Er sammelte nicht für sich, er sammelte für die Nachwelt. Also halfen sie ihm. Wenn sie etwas fanden, wovon sie dachten, dass Wagner es gebrauchen könnte, riefen sie ihn herbei. Er sprühte sein »Save« auf zwei verschüttete Waggons eines Pendlerzugs, ein Taxi mit platt gedrücktem Dach und ein zehn Meter hohes Teil der Außenfassade.

Als Architekt kennt sich Wagner mit Statik und Beton aus, weniger mit Zeitgeschichte, darum hat er sich von Museen beraten lassen: »Seither weiß ich, dass Erinnerung markante Symbole braucht, wie die Uhr aus Hiroshima, die zum Zeitpunkt der Atombombenexplosion stehen blieb.« Acht Monate war Wagner in den Trümmern unterwegs, ein paar Kollegen haben ihn bei der Suche unterstützt, am Ende hatten sie so viel markiert, dass die Hafenbehörde den Reparaturhangar 17 am John F. Kennedy International Airport leer räumen musste, um alles unterzubringen. Der Hangar jedoch ist so zugig, dass für die besonders empfindlichen Teile klimatisierte Zelte herbeigeschafft wurden, aber es gab keinen größeren Lagerraum in New York, knapp 7500 Quadratmeter. Im Sommer 2002 war er voll.

Heute ist dieser Hangar mit den symbolträchtigen Gegenständen selbst zu einem Symbol geworden. Denn am Umgang mit den Trümmern des 11. September lässt sich ablesen, wie schwer getroffen Amerika immer noch ist, zehn Jahre nach dem Terroranschlag.

Der Hangar steht nur Museumsmitarbeitern, Rettungskräften und Ermittlern offen. Journalisten durften erst über ein Jahr nach den Anschlägen dorthin, vielleicht weil vorher keiner verbreiten sollte, dass die Reste einer nationalen Tragödie in Schutzzelten aufbewahrt werden, wie Patienten in einer Quarantänestation. Solche Bilder passten nicht recht in die Zeit, als im US-Fernsehen ständig patriotische Reden gehalten wurden, in denen zwei Worte besonders oft vorkamen: Stärke und Stolz.
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In Hangar 17 riecht es nach Staub und Rost, an den Wänden hängen zwei amerikanische Flaggen. Es sieht aus wie auf einem sehr gut aufgeräumten Schrottplatz, Hunderte Stahlträger liegen in einer Reihe, die meisten dick wie Baumstämme und völlig verbogen. An jedem Gegenstand hängt ein Zettel mit einer Ordnungsnummer. Das meiste ist so zerstört, dass man seine ursprüngliche Funktion nur erahnen kann. Ein brauner Klumpen, groß wie eine Regentonne, war wohl mal ein Fahrstuhlmotor; auf den dünnen, verknoteten Eisentrassen fuhr früher die U-Bahn-Linie 1. Von Computern sind nur verschmolzene Kabel übrig, sie lagern in aufgereihten Stahlkörben, gleich neben zwei Zugwaggons. In der Mitte steht ein bierzeltgroßer Pavillon mit Klimaanlage, darin, akkurat nebeneinander, sieben demolierte Autos, auf manchen kann man noch ein aufgesprühtes »Save« erkennen. In einer schwarzen Limousine, Objekt D-0025, vergilbt auf dem Beifahrersitz eine Zeitung vom September 2001. Eigentlich wäre diese Halle, so vollgestellt, wie sie ist, das beste Museum, um der Terroranschläge zu gedenken, nirgends sonst wird das Ausmaß der Verwüstung so augenscheinlich.

Aber vor zwei Jahren hat der Flughafen Bedarf an dem Hangar angemeldet, nun müssen die Relikte raus. Nur wohin? Da hatte die Hafenbehörde eine Idee: Im ganzen Land sollen Mahnmale entstehen, bestückt mit Überresten des World Trade Center. Jede Gemeinde kann so ein Erinnerungsstück beantragen, vorausgesetzt, es wird öffentlich und kostenlos ausgestellt. Mehr als tausend Anträge gingen ein, fast alle aus den USA, aber auch einige aus Europa. Weil viele Streben der Wolkenkratzer zu groß sind, um mühelos ausgestellt zu werden, haben Arbeiter in Hangar die Reste in 1183 Teile zersägt – manche lang wie eine Bierbank, andere klein wie ein Campingtisch. Die Gemeinden können bestimmen, wie groß und schwer ihr Stück werden soll, die Behörde weist ihnen eins zu. Die deformierten Relikte sind das Gegenteil der Heldenstatuen mit wehenden Fahnen, die bisher in den Städten stehen, aber sie haben eine ähnliche Funktion: Sie sollen ein besonders bedeutendes Kapitel amerikanischer Geschichte erzählen.
 
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Till Krause,

30, besitzt jetzt ein – sehr kleines – Stück World Trade Center. Ein Arbeiter in Hangar 17 hat ein Betonplättchen von einem Stahlträger abgebrochen und ihm mit dem Hinweis geschenkt: »Stell es neben ein Teil der Berliner Mauer.« Beim Rückflug aus New York hat er es in seinem Sonnenbrillenetui aufbewahrt.

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