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aus Heft 35/2011 Kinder 7 Kommentare

Müdebinichgehzurruh

Moderne Eltern wollen, dass ihr Baby sich früh an einen geordneten Schlafrhythmus gewöhnt – und lassen sich dabei von Profis helfen. Ist das wirklich eine gute Idee?

Von Meredith Haaf  Foto: Jens Lumm / photocase.com




Die Frau, die von manchen »die Babyflüsterin« genannt wird oder die »Super-Nanny der Reichen«, möchte wissen, wie denn jetzt die Überschrift über dem Artikel lauten wird, in dem es auch um sie geht. Denn Erika Wüchner, das soll bitte klargestellt werden, ist keine Nanny. Und auch wenn sie das Misstrauen wohlhabender Leute gegenüber den Medien entwickelt hat, ist Erika Wüchner, auch das soll bitte klargestellt werden, nicht nur für reiche Eltern da.

Wüchner, Mitte fünfzig, zierlich und gepflegt, ist das, was man eine maternity nurse nennt, eine Krankenschwester, die Säuglinge und deren Mütter in den ersten Wochen nach der Geburt privat betreut. Maternity nurses sind häufig vor allem für die Nachtpflege zuständig: Sie bringen der Mutter nachts das Kind zum Stillen oder geben ihm das Fläschchen. Zu ihren Aufgaben gehört es aber auch, Ordnung in den Tagesablauf junger Familien zu bringen. Erika Wüchner ist in Deutschland die prominenteste Vertreterin ihrer kleinen Zunft; zu ihren Kundinnen gehören unter anderem die Begum Aga Khan oder die Milliardenerbin Alexandra Flick. Man kann wochenlang bei sämtlichen Nanny-Agenturen Deutschlands nachfragen, von Potsdam bis Frankfurt, von München bis Hamburg, man kann Anonymität versprechen und grundsätzliches Wohlwollen – und man findet trotzdem keine Frau, die über ihre Erfahrungen mit einer privaten Betreuerin reden möchte. Einige bitten um Verständnis, sie würden als Rabenmütter bezeichnet, entweder weil sie schnell nach der Geburt schon wieder arbeiten und deshalb eine maternity nurse beschäftigen, oder aber, weil sie nicht arbeiten gehen und trotzdem die Dienste einer Kinderschwester in Anspruch nehmen. Und dann ist da noch ein anderer Grund.

»Diese Familien sind meist so situiert, dass sie nicht in den Medien erscheinen möchten«, sagt Christiana Seimetz. Sie vermittelt für die Agentur Starfamily im Rhein-Main-Gebiet Familienpersonal an gehobene Haushalte. Erika Wüchner allerdings ist so exklusiv, dass man sie nicht über eine Agentur buchen kann – ihre Auftraggeberinnen erreichen sie per Empfehlung. Das mache es einfacher für alle, sagt sie.

Die Welt der maternity nurses und ihrer Familien ist eine geschlossene Gesellschaft. Für den Rest hat Erika Wüchner 2010 einen Ratgeber mit dem Titel Die ersten 100 Tage mit dem Baby veröffentlicht, ein Bestseller unter den Müttern der Generation Bugaboo. Das Grußwort darin ist von einer ehemaligen Kundin. Die Talkshowmoderatorin Sandra Maischberger schreibt, sie wünsche »allen jungen Eltern eine Erika Wüchner im Haus«.

Als Anne zum ersten Mal etwas über maternity nurses hörte, war ihr Sohn Milan drei Monate alt und sie am Rande der völligen Erschöpfung. Heute ist Milan ein fröhliches, entspanntes Kind, doch der Weg dahin war voller Nächte, in denen das Baby durchschrie, und voller Tage, an denen er sich keine Minute hinlegen ließ. Anne ist 29, Freiberuflerin und lebt mit ihrem Mann in Berlin-Schöneberg. Eltern von Babys wird seit ein paar Jahren wieder von allen Seiten geraten, so früh wie möglich eine Tagesroutine mit festen Mahlzeiten und Mittagsschlaf zu etablieren, weil Babys ohne feste Abläufe angeblich nicht lernen können, zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden. Für Mütter, die hauptsächlich allein sind und stillen, ist das schwer zu schaffen. Anne hat keine Familie in Berlin, sie kämpfte hart um die Regelmäßigkeit des Tagesablaufs, in der Hoffnung, dass die Nächte besser werden sollten. Und sie hat es ja auch geschafft am Ende, mit dem geregelten Tagesablauf und dem Durchschlafen. »Selbst wenn ich einen Westflügel hätte, in dem ich sie unterbringen könnte, würde ich mir keine Erika Wüchner ins Haus holen.«

Diese Erika Wüchner sitzt an einem verregneten Sommernachmittag in München in einem Café und hat unbestreitbar Schatten unter den Augen. Seit fast drei Monaten kümmert sie sich um ein Zwillingspaar. Sie hat ihren eigenen Bereich im Haus der Familie in München-Bogenhausen, doch sie schläft bei den Babys und versorgt sie nachts. Sie will nicht zu viel über ihren Arbeitsalltag verraten, außer dass sie bei den Mahlzeiten oft auch am Tisch sitzt und den Familien grundsätzlich sehr nah ist, schließlich komme sie auch ins Schlafzimmer der Eltern. Das Wichtigste an ihrer Arbeit ist für sie das, was sie »die Struktur« nennt. Mit ihr bekommen Kind und Mutter – oder die Kinderfrau und Kind – einen möglichst gleichförmigen Ablauf: Tagsüber wird immer um dieselbe Zeit gegessen, geschlafen und spazieren gegangen. Abends gibt es immer dasselbe Einschlafritual. Nachts erhält der Säugling von Wüchner ein Durchschlaftraining, das eigentlich darin besteht, ihm die Mahlzeiten Woche für Woche ein wenig länger vorzuenthalten. Wenn Erika Wüchner eine Familie nach zwölf Wochen verlässt, schläft das Baby problemlos durch – solange sich alle an den Plan und das Ritual halten.

Es ist sehr viel Arbeit, das Leben eines kleinen Babys zu strukturieren und sich dann jeden Tag daran zu halten. Man muss sich schon ein hohes dreistelliges Wochenhonorar leisten können, damit andere diese Arbeit für einen machen. Die einzige ehemalige Kundin Erika Wüchners, die dazu etwas erzählen möchte, ist Etta Martius-Schmidt, bei der diese Zeit mittlerweile 15 Jahre her ist. Zweimal kam Erika Wüchner zu ihr, nach der Geburt des ersten Kindes und zwei Jahre später beim zweiten. Martius-Schmidt erzählt, wie viel Angst sie damals hatte: »Ich dachte, ich mache alles falsch. Erika Wüchner hat mir diese Angst genommen.« Das Buch Die ersten 100 Tage mit dem Baby handelt viele Seiten von den verschiedenen Gefahren, die etwa von Geburtshäusern, Kinderwagentaschen oder unstrukturierten Tagesabläufen ausgehen. Angst ist erstaunlich oft ein Thema, wenn es um Erika Wüchner geht.
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Bis in die Achtzigerjahre galt es in der Erziehung als normal, schon Frischgeborenen nur alle vier Stunden die Brust oder die Flasche anzubieten. Mehr sei nicht nötig, glaubte man, und das Kind entwickle dadurch schneller Gewohnheiten. »Das ist eine uralte Erziehungshaltung«, sagt der Schweizer Kinderarzt Remo H. Largo, der das einflussreiche Standardwerk Babyjahre geschrieben hat. »Da geht es letztlich darum, das Baby möglichst rasch an den Lebensstil der Eltern anzupassen.« Heute wird empfohlen, nach Bedarf zu stillen, denn wenn ein Baby nach Nahrung verlangt, da ist sich die Medizin inzwischen sicher, dann hat es eben Hunger, mal nach zwei, mal nach vier Stunden. Die meisten Kinder finden ihren eigenen Rhythmus nach drei bis vier Monaten.

Diese Anschauung führt allerdings dazu, dass die meisten Mütter in den ersten Wochen nach der Geburt sehr viel mit dem Stillen oder dem Zubereiten von Fläschchen beschäftigt sind und oft nicht genau wissen, wann das Baby wieder Hunger haben wird. Es ist ein unsicherer Alltag, der einem erst mal auch unheimlich vorkommen kann. Doch die Frauen, die Erika Wüchner betreut, können nicht drei Monate warten, bis sie verstanden haben, was Sache ist: Fast alle sind in ihren Berufen sehr erfolgreich, und »berufstätige Frauen brauchen einen vorhersehbaren, planbaren Alltag«. Sie brauchen also auch einen vorhersehbaren, planbaren Säugling. Sie sind es außerdem gewohnt, alles, was sie tun, sehr gut zu machen: »Dieselben hohen Ansprüche, die Frauen in der Arbeitswelt an sich stellen, haben sie auch, wenn sie ihr Baby betreuen«, erklärt Erika Wüchner.

Kommentare

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  • Burkhard Junghanß (1) @ Barbara Bucher
    das haben Sie schön gesagt und
    auf den Punkt gebracht. Wie in
    meinem Post von 5-9 gesagt: Es
    ist halt ein neues Geschäftsmodell,
    das blühen muss....alldieweil
    maternity nurse (welch ein
    absurder, verschmockter Begriff),
    Frau Wüchner demnächst in
    sämtlichen Talkrunden werben und
    ihr Buch vorzeigen möchte....;-))))
    Zu dem von Ihnen angesprochenen
    "eigenen Instinkt" für Kinder: Den
    hatte sogar ich, obwohl "nur"
    Vater. Auf jenen Instinkt habe ich
    mich bei der "Erziehung" (welch ein
    dummer Begriff) meiner Tochter
    stets verlassen...und, umgekehrt,
    meine Tochter für ihren Apa,
    ebenfalls....;-))))) Fazit: In
    einigen Tagen wird meine Tochter
    19, und wir verstehen uns bestens.
  • Barbara Bucher (0) Mit Sicherheit benötigen Kinder eine gewisse Struktur . Auch einen Schlafrythmus u ein Ritual. Die Frage ist , aus welchem Grund haben Mütter schon ihren eigenen Instinkt verloren u benötigen dazu eine Nacht Nanny ?
    Tags mag eine Unterstützung sicher Sinn bringen.jedenfalls aber ist es wichtig , eine diskrete u verschwiegene Unterstützung zu haben. Frau Wüchner erzählt in dem Artikel den Namen ihrer prominentesten Kunden. Schon komisch. Und wir haben von Freunden gehört, dass sie nicht nur die Namen , sondern offenbar leider auch viele Internas der Familien offenbart. Daher verlassen wir uns auf den eigenen Instinkt !! Das reicht unserer Kleinen Maus vollkommen .
  • irmgard Buchner (0) Die Autorin lässt hier ihre Erfahrung aus drei Monate Mutter-Dasein miteinfliessen. Mit drei Monaten schlafen alle Kinder lange und überall. Berichten Sie uns doch, wie es Ihnen in einem Jahr geht. Kinder brauchen nicht nur einen geregelten Ablauf, nein sie wollen ihn sogar! Mit meinen zwei Kinder (2 Jahre, 8 Monate) ist das ins Bett bringen nicht immer ganz einfach und manchmal würde ich mir Hilfe wünschen.
    Der Bericht ist leider weder interessant noch hilfreich, höchstens für Leute ohne Kinder, die dann denken "ach ja, so einfach ist das, warum jammern die Eltern nur so,.."
  • Bettina Müller (0) Einer in einer langen Reihe von journalistisch mehr als schwachen Artikeln in der SZ zu den ach so verspannten Eltern von heute. Aus einem gesellschaftlichen Randphänomen wird flugs ein Trend unter "modernen Eltern" konstruiert, den die einschlägigen Agenturen natürlich gerne bestätigen. Ich kann mich Herrn Tillmann nur anschließen: Die Zu-Bett-Geh-Prozedur entspringt reinem Selbsterhaltungstrieb. Daß ausgerechnet Alphamädchen Meredith Haaf am Schluß nicht ohne Seitenhieb auf die beruflich erfolgreiche Mutter auskommt, die die ach so natürliche Spontaneität im Umgang mit dem Baby halt einfach nicht bringt (vielleicht sollte sie besser zuhause bleiben?), wundert einen doch sehr.
  • Burkhard Junghanß (1) Eine Geschichte mit Gedöns um nix.
    Indes kann ich nicht einschätzen,
    ob es bei uns beispielhaft gewesen
    war: Meine Tochter, inzwischen
    18, eigenwillig, dabei "diszipliniert",
    erinnert sich bis heute daran: Als
    Baby schlummerte sie abends
    zufrieden ein, mit einem Schlafliedle
    und Vorlesen aus ihrem
    Lieblingsmärchen "Sterntaler":
    Weil sie sich geborgen fühlte. Dazu
    brauchte ich kein Ratgeberbuch,
    geschweige eine "maternity nurse".
    Als meine Tochter zwei, drei Jahre
    war, gingen wir täglich in den
    Garten, um zu gucken, was
    dort so los ist. Dann
    gemeinsames Kochen,
    Mittagessen Mittagsschläfle.
    Besuch bei Oma (Omas
    sollten - in diesem
    Zusammenhang - nicht hoch
    genug gelobt werden, die
    meisten Omas habens
    besser drauf, als eine
    "maturnity nurse").
    Danach konnte ich mich meiner
    Arbeit widmen. Fazit:: So
    einfach kann es sein, mit der
    "Erziehung" eines Kindes,
    ganz ohne eine ?maternity
    nurse"..;-))) (Frau Wüchner
    wünsche ich trotzdem
    Erfolg beim neu entdeckten
    Geschäftsmodell ;-))
  • Manu Rauch (0) Entspannte Eltern haben entspannte Kinder! Nach zwei Kindern weiß ich, dass nur DAS wirklich zählt! Gelassenheit, Ruhe und auf das Bedürfnis des Kindes eingehen. Wir haben ganz selten nur dunkle Augenringe,,,,
  • Oliver Tillmann (0) Leider entspricht dieser Artikel nicht nur stilistisch Oberstufen-Niveau. Auch inhaltlich ist das alles sehr unreif. Mit drei Monaten haben unsere Kinder auch noch alle auf irgendwelchen Festivitäten neben dem Lautsprecher geschlafen (und ich bin kein cooler Prenzlberg-Typ). Aber dies funktioniert nicht mehr - wie Sie, Frau Haaf sicherlich noch merken werden - mit etwas älteren Kindern. Dann wären Sie froh, wenn das Kind um acht Uhr im Bett ist und Sie zu Hause ein Glas Rotwein trinken können. Dies hat rein gar nichts mit irgendwelchen Erziehungsratgebern zu tun, sondern mit bloßem Selbsterhaltungstrieb der Eltern. Gegen eine Zu-Bett-Geh-Prozedur ist überhaupt nichts einzuwenden und gefällt den Kindern (inkl. Gute-Nacht-Geschichte) denn der einzige Unterschied zu den superlockeren (weil planlos) Alternativ-Eltern sind die Augenringe am nächsten Tag.