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aus Heft 36/2011 Mode & Accessoires

Was ist guter Geschmack?

Thomas Bärnthaler und Andreas Bernard (Interview)  Fotos: Dominik Gigler (Porträt) / Markus Jans (Model)

Eine Frage der Höflichkeit – sagt die Kulturwissenschaftlerin Barbara Vinken. Ein Gespräch über die Regeln der Mode.



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SZ-Magazin: Frau Vinken, ist Geschmack noch eine verbindliche Kategorie in der Mode?
Barbara Vinken:
Gewiss. Allerdings muss die Mode, wenn sie weiterkommen will, die Grenzen des Geschmacks immer wieder erweitern und überwinden. Mode lebt vom Tabubruch. Etwa: Parka überm Abendkleid. Etwas anziehen, was passend unpassend ist: Das ist der Anfang der Mode. Es gibt ja immer Zeiten, die eher klassisch und elegant sind, und Zeiten, in denen das Schöne konterkariert wird.

In welchen Zeiten leben wir denn gerade?
Im Moment erleben wir noch eine eher konservative Ära in der Mode, in der die verstörenden Elemente der Achtzigerjahre in einer neuen Eleganz eingefangen werden, siehe das Pariser Modehaus Lanvin.

Gibt es noch Dresscodes?
Aber ja. Wenn Sie in Schwabing auf eine Cocktailparty gehen, werden Sie niemanden in Trainingshose sehen. Man zieht sich nach wie vor klassenspezifisch an. Und wer es nicht tut, weil er zum Beispiel etwas Besseres sein will, verrät seine Klasse dadurch trotzdem. So wurde der adrette Preppy-Look der US-Ostküste zum Sehnsuchtslook der Aufsteiger. Schon deshalb muss es Codes geben – damit man sich anpassen oder sie durchbrechen kann.

Die Frage ist: Woher wissen der Fußballhooligan oder die Bankierstochter, was sie anziehen sollen?
Gruppendruck. Man zieht sich einfach wie die anderen an. Das heißt nicht, dass alle das Gleiche anhaben. So ein Look bietet viele Nuancen. Da kommt dann das jeweilige Naturell zum Vorschein: wie sich jemand als erotisches Subjekt darstellt; wie angeberisch oder distinguiert er oder sie sich gibt.

Und doch kann ein Stück wie die Moonwashed-Jeans, die man der Unterschicht zuordnet, Teil der Laufstegmode werden.
Weil Designer im besten Fall etwas daran verändern. Dasselbe gilt für Ballonseide oder weiße Socken. Ein Beispiel: Chanel nimmt gerippte Unterhemden, eigentlich ein Kleidungsstück des männlichen Arbeiters, macht daraus Oberteile für Frauen – und es wird ein Brüller. Genau in dieser Codeverschiebung entsteht das Modische. Aus diesem Grund hat Mode am Anfang immer mit Überschreitung zu tun. Man muss den Erwartungshorizont des geltenden Geschmacks durchbrechen.

Aber wer sagt, was guter Geschmack ist?

Keiner legt das fest, es ist einfach so. Die Maxime »Über Geschmack lässt sich nicht streiten« bedeutete ja ursprünglich eben nicht, dass Geschmack diskutierbar ist, sondern dass jedem klar ist, was guter und was schlechter Geschmack ist. Darüber kann man nicht streiten.

Wie lässt sich denn guter Geschmack beschreiben?
Guter Geschmack hat etwas mit Höflichkeit zu tun, mit meinem Verhältnis zum anderen. Will ich ihn in maßlose Bewunderung ob meiner finanziellen Verhältnisse versetzen, ihn verletzen, ihn als impotent in den Schatten stellen? Negiere ich den Blick des anderen? Das gilt nicht als guter Geschmack. Oder möchte ich mich zu ihm in ein Verhältnis setzen? Ihn amüsieren, ihn reizen, ihn auf Distanz halten? Dem anderen Raum geben – das ist guter Geschmack.
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Können Sie ein Beispiel geben?
Vor drei Jahren saß zufällig Franck Ribéry mit mir im Flugzeug und hatte einen goldfarbenen Trainingsanzug von Dolce & Gabbana an. Dazu goldene Turnschuhe. Das kann man nicht wirklich als guten Geschmack bezeichnen.

Warum nicht?
Es ist vulgär, wenn man brutal zeigt, was man sich leisten kann, denn es zielt nicht darauf, den anderen zu gefallen, sondern ihnen zu zeigen, wo der Hammer hängt. So funktioniert Bling-Bling, der Chic der Neureichen.

Was unterscheidet Geschmack von Stil?
Stil ist eine Unterkategorie von Geschmack. Ohne Geschmack kein Stil.

Nehmen wir mal Bill Kaulitz von Tokio Hotel und seinen Look. Ist das guter Geschmack?
Sein Look ist ein Abklatsch von Punk. Die Punks hatten allerdings einen irre guten Geschmack. Sie wussten genau, was sie taten und gegen wen. Das war alles in sich stimmig, keineswegs pragmatisch motiviert, sondern rein ästhetisch. Es geht beim Geschmack auch immer darum, einen Unterschied zu machen, prägnant zu sein, gekonnt gegen etwas zu rebellieren. Das ist die Chance des Hooligans.

Welche Rolle spielt Geschmack in der politischen Klasse?
Unsere politische Klasse ist komplett unästhetisch, ein einziges Desaster. Es gibt derzeit kaum ein Land, wo das anders ist: vielleicht Frankreich oder die USA. Die Obamas verdanken ihren Nimbus nicht zuletzt auch ihrem Look. Sie sind Stilikonen. Sie haben den amerikanischen Traum noch einmal neu personifiziert. Obama – neulich auf den Heuballen mit amerikanischer Fahne, weißem Hemd und blauem Himmel – ist dabei, selbst Kennedy in den Schatten zu stellen.

Was ist mit Deutschland?
Da sehe ich nichts. Jürgen Trittin vielleicht, der immer so als nassforscher Verführertyp rüberkommt, oder Joschka Fischer in seiner schlanken Phase. Die beiden sind wenigstens so etwas wie angezogen.

Angela Merkel?
Ihr Look sagt: Ich möchte eigentlich gar keine Frau sein. Und zweitens: Ich bin ein Staatsmann. Das zeigt die Sackgasse, in der alles Weibliche in Deutschland stecken bleibt: Eine Frau kann kein Staatsmann sein. Eine Frau muss den Preis ihrer Weiblichkeit zahlen, um Autorität zugesprochen zu bekommen.
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Thomas Bärnthaler und Andreas Bernard

schwören beide seit Jahren auf dasselbe schwarze Turnschuhmodell eines belgischen Designers. Für das Tragen solcher Schuhe empfehlen sie folgende Regeln: niemals ohne Socken und nie zum Anzug.

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