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aus Heft 37/2011 Sport

Lothar, c'est moi

Bastian Obermayer  Fotos: Armin Smailovic

Früher Weltfußballer, heute - ja, was eigentlich? Lothar Matthäus will keine Klatschfigur sein, sondern ernst genommen werden, als Trainer, als Mensch. Er tut, was er kann. Wir haben ihn ein halbes Jahr lang dabei begleitet.

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Wieder einmal läuft alles gegen Lothar Matthäus. Während er im fast menschenleeren Baseler Stadion seine bulgarische Nationalmannschaft Konter üben lässt, das schnelle Umschalten von Verteidigung auf Angriff, wird im bulgarischen Verband gegen ihn intrigiert, von Funktionären, Spielern, Journalisten. Matthäus weiß das, aber was soll er tun? Drei Tage zuvor, am 2. September, hat Bulgarien 0:3 gegen England verloren, damit ist seine Mission, die Qualifikation zur Europameisterschaft 2012, gescheitert. Am nächsten Tag spielt Bulgarien hier in Basel gegen die Schweiz, eigentlich geht es um nichts mehr. Außer um seinen Job.

Auf der Tribüne sitzt sein Manager Wim Vogel und hat kein gutes Gefühl. Vielleicht wird er sich bald wieder auf die Suche machen müssen nach einem neuen Arbeitsplatz für den Fußballtrainer Lothar Matthäus, der in Deutschland schon länger unter »nicht vermittelbar« geführt wird.

»Was ist euer verdammtes Problem?«, fragt ein halbes Jahr zuvor, Mitte März, ein italienischer Sportjournalist auf einem Fußballplatz in Pravets, einem bulgarischen Bergdorf fünfzig Kilometer nordöstlich von Sofia. Der Journalist, sein Name ist Francesco Ceniti, ist eigens für die Gazzetta dello Sport mit einem Kollegen hierhergereist, er aus Mailand, der Kollege aus Rom, um »Il grande Lothar« zu interviewen: den zweimaligen Weltfußballer des Jahres, der mit Inter Mailand Italienischer Meister wurde und in Rom die Weltmeisterschaft errang. Den großen Lothar. Die beiden sitzen auf ramponierten Plastiksitzen, während vor ihnen der deutsche Fußballtrainer Lothar Herbert Matthäus, geboren am 21. März 1961 in Erlangen, seiner Arbeit nachgeht: Er trainiert die bulgarische Nationalmannschaft für ein Länderspiel drei Tage später. »Warum bekommt er in Deutschland keine Chance?«, fragt der Journalist, »ist es wirklich wegen den Frauen?« Sein Kollege lacht. »Das ist doch ein Witz! In Italien hat der Ministerpräsident Ärger mit den Frauen! Matthäus ist Fußballtrainer, was ist euer verdammtes Problem?«

Die Hochachtung, die Matthäus außerhalb Deutschlands erfährt, macht es ihm doppelt schwer, mit der Häme hierzulande zurechtzukommen. Niemand kann im Ernst behaupten, die deutschen Medien würden sonderlich fair mit Lothar Matthäus umgehen, die Berichterstattung zu seinem 50. Geburtstag zwei Tage zuvor bestand zu gleichen Teilen aus Hohn und Spott, online garniert mit Klickstrecken seiner dümmsten Versprecher und seiner gescheiterten Beziehungen. Das alles, wird Matthäus später im Hotel sagen, mache ihm nichts mehr aus. Klar. Was soll er auch sagen? Dass er jeden Tag kotzt?

Kurz vor diesem Treffen sagt Liliana Matthäus, die vierte Ehefrau, geboren am 11. Dezember 1987 als Kristina Tchoudinova in Tscherkassy in der Ukraine, Beruf: Model, in einem Interview, dass sie – man solle jetzt bitte nicht lachen – eigentlich auf intelligente Männer stehe.

Vom Weltfußballer zur Lachnummer der Nation, das ist die Geschichte des Lothar Matthäus. Eine Frage ist, wie es sich damit lebt. Eine andere, ob er da wieder herauskommt.

Das nämlich ist das Ziel: 2011 soll das Jahr werden, in dem Lothar Matthäus seinen Namen repariert, damit er endlich dorthin darf, wo er seiner Meinung nach hingehört: in die deutsche Bundesliga. »Lothar will in den Sportteil und raus aus den bunten Blättern«, gab Manager Vogel mit auf den Weg nach Bulgarien. 2010 war für Matthäus ein katastrophales Jahr, er war arbeitslos und seine vierte Ehe scheiterte – ein Fest für den Boulevard. Lothar und Liliana torkelten quälend lange durch Bild, Bunte, Sat1 & Co, sie stritten, trennten und versöhnten sich öffentlich, dann wurde Liliana von Paparazzi mit ihrem Liebhaber erwischt. Ein verwundeter Matthäus zog vor laufenden Kameras den Ehering ab und kündigte später via Bild an, Lilianas Busenverkleinerung nicht mehr zu bezahlen, nachdem er bereits die Vergrößerung bezahlt habe, und Liliana bereute auf Sat1, ihm ihre Jungfräulichkeit geschenkt zu haben. Es folgten die erneute Versöhnung, die erneute Trennung und schließlich die Scheidung.

So ein Trainer, über dessen Privatleben die Spieler in der Kabine witzeln, kann keine Autorität sein, da ist sich Fußballdeutschland einig. Im Herbst 2010 wird er aber Nationaltrainer von Bulgarien, Weltranglistenplatz 51.
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Am Abend sitzt Matthäus im Trainingsanzug an der Bar des Hotels in Pravets, vor sich eine Flasche Heineken. Warum, Herr Matthäus, lacht ganz Deutschland über Sie? Seine Mundwinkel zucken, er verschränkt die Arme. »Die, die lachen, haben ein falsches Bild von mir. Das Bild, das sie aus den Medien kennen. Daran bin ich nicht ganz unschuldig, weil ich in den letzten Jahren öfter auf roten Teppichen war, als es einem Fußballtrainer ansteht, und zu viel zu Privatangelegenheiten gesagt habe.«

Eine Kellnerin bringt Schokolade. Matthäus reißt die Verpackung auf, bricht die Tafel in Stücke und isst sie in einem Rutsch auf. Er ist genervt. Immer dasselbe Thema. »Ich weiß, dass wir uns vor aller Augen blamiert haben. Aber anderen lässt man viel schlimmere Dinge durchgehen«, sagt er. »Ich will dem Franz nix Böses, aber der zeugt ein außereheliches Kind und bleibt der Größte.«

Allerdings hat der Franz, Franz Beckenbauer, auch andere Zeiten erlebt: Ende der Siebzigerjahre galt er als Karikatur seiner selbst, als eitler Pfau, der sich nur mehr in der Münchner High Society herumtrieb. »Vom Idol zum Reklamekasperl« titelte die Süddeutsche Zeitung damals über den »Kaiser«, und der Spiegel schrieb, dass keine Majestät mehr so tief gefallen sei, seit Wilhelm II. in Holland im Exil Bäume zersägt habe. Die Parallelen sind unübersehbar, Beckenbauer hat den Weg zurück geschafft.

Ein Offizieller des bulgarischen Verbands kommt an den Tisch, um mit Matthäus und dessen Assistenten Termine zu besprechen. Wenn er seine Nationalspieler beobachten will, muss Matthäus oft reisen, viele verdienen ihr Geld im Ausland, in Holland, England, Russland oder der Türkei. Matthäus weiß besser als der Laptop des Offiziellen, an welchem Tag Eindhoven in Enschede spielt oder Aston Villa gegen Stoke City. Er hat, so scheint es, den gesamten Spielkalender des europäischen Fußballs im Kopf. Er korrigiert den Mann freundlich grinsend. Lothar Matthäus weiß gern Sachen besser.

Die Bedingungen, mit denen er in Bulgarien konfrontiert wird, sind schwieriger als die in den meisten europäischen Ligen; um seine dort aktiven Spieler zu sehen, tingelt er wochenends über schlaglochübersäte Landstraßen, weicht streunenden Hunden aus und überholt Eselskarren. Der Verband gilt als korrupt und hat kaum Geld, Matthäus strich seinen Profis als Erstes die Businessflüge, damit spart er dem Verband, er rechnet es vor, etwa 100 000 Euro im Jahr. Aber er arbeitet in einem von Armut und Arbeitslosigkeit geplagten Land, und mit dieser Realität, erklärt Matthäus, muss er seine Ansprüche abgleichen, »und da sagt man eben: Okay, es gibt hier Wichtigeres«.

Kurz nach Mitternacht löst die Runde sich auf, und Matthäus bezahlt für alle, ohne große Geste. Am nächsten Tag steht er wieder als Nationaltrainer auf dem Platz, beobachtet, dirigiert und macht Ansagen, manchmal auf Deutsch, dann übersetzt sein Assistent, meistens spricht er aber Englisch. Über sein Englisch amüsiert Deutschland sich seit Jahren – Matthäus arbeitet damit seit Jahren, als Trainer und als Co-Kommentator. Im Ausland scheint man ihn besser zu verstehen, in jeder Hinsicht.

Lothar Matthäus fühlt sich seit Jahren ungerecht behandelt, im Grunde von ganz Deutschland, deswegen ist er zu einem Daueragitator in eigener Sache geworden: Noch während er eine Tür aufhält, erklärt er, er sei ein höflicher Mensch, es sei für ihn selbstverständlich, anderen Türen aufzuhalten. Er ist Lothar Matthäus, der ewig Unverstandene.

Mit einem Pfiff unterbricht er in Pravets das Training, eine Übung klappt nicht, er macht vor, wie sie geht. Drei Flanken, jede kommt exakt dort an, wo sie hinsoll. Er kann es noch. Matthäus lächelt. »Das hier ist seine Welt«, sagt Manager Vogel am Spielfeldrand, »nicht die roten Teppiche. Das müssen wir jetzt allen klarmachen.« Das Rezept dafür ist einfach: erstens raus aus der Welt des Klatschs, zweitens sportlicher Erfolg. Das ist ziemlich genau das, was auch Uli Hoeneß, Franz Beckenbauer und andere, die ihn für einen guten Trainer halten, seit Jahren raten. 2011 soll es so sein, nur müsste Bulgarien dafür auch mal gewinnen. Aber die nächsten beiden Spiele enden nur unentschieden. Das reicht nicht.
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Bastian Obermayer und Armin Smailovic

bekamen von Lothar Matthäus während der Recherche eine Menge Reisetipps. Zum Beispiel, dass die Flüge nach Sofia nie ausgebucht sind und sich der Businessclass-Aufpreis deswegen nicht lohnt, weil man im Economy-Bereich meist einen leeren Sitz neben sich hat. Oder wo auf der Strecke München–Budapest Radarfallen stehen, in welche Städte Fliegen billiger ist als Bahnfahren, und dass man sich, was Abflugzeiten angeht, nie auf das Internet verlassen, sondern immer am Flughafen anrufen sollte.