aus Heft 38/2011 Literatur Noch keine Kommentare
»Ein Held, der seine Hände in Blut getaucht hat, tut einfach der Geschichte gut«
Tom Rob Smith hat mit dem Krimi Kind 44 einen gigantischen Erfolg gelandet. Hier erklärt er, welche Regeln er dafür brechen musste.
Von Lars Reichardt (Interview) Foto: Sam Faulkner/Focus
SZ-Magazin: Tom Rob Smith, Sie sind 32 Jahre jung. Müssen Sie befürchten, den größten Erfolg Ihres Lebens bereits hinter sich zu haben?
Tom Rob Smith: Ich sehe, dass diese Möglichkeit besteht. Aber ich mache mir darum keine Sorgen. Ich bin Optimist.
KGB-Agent jagt im Moskau der Fünfzigerjahre Serienmörder – die Idee zu Ihrem Bestseller Kind 44 hatten Sie im Alter von 24 Jahren. Glauben Sie wirklich, je einen besseren Krimi veröffentlichen zu können?
Ich bin bisher nie bei irgendetwas im Leben schlechter geworden; ich glaube daran, dass ich mich verbessern werde. Beim Schreiben zählt Erfahrung enorm viel. Mit den Jahren wird man belesener und schlauer. Ich mag nicht glauben, dass Kind 44 mein bestes Buch gewesen sein soll.
Sie haben bereits zwei Folgebände geschrieben. In Kolyma, Band zwei, kommt Ihr Held Leo Demidow ein paar Jahre später in ein sibirisches Lager. Agent 6, Band drei, erscheint nun in Deutschland; Demidow klärt in den Achtzigerjahren einen Mord in New York auf. Sind diese beiden Bände Ihrer Meinung nach denn genauso gut gelungen wie der erste?
Ich begreife alle drei Bände im Grunde als ein Buch; die Erzählperspektive, die Struktur, das Ende in New York waren mit dem ersten Band bereits vorgezeichnet. Ich musste die Geschichte von Leo Demidow nur mehr herunterschreiben.
Band eins, Kind 44, wurde bisher in 34 Ländern zwei Millionen Mal verkauft, Ridley Scott hat die Filmrechte erworben. Haben Sie selbst eine Erklärung für den Erfolg?
Kaum, der Erfolg eines Buches liegt ja nicht unbedingt in der Hand des Autors. Mit dem Filmstart werden die Verkaufszahlen des Krimis wohl noch mal steigen. Mit einem hohen Werbeetat kann man so gut wie alles verkaufen.
Wollen Sie Ihren kommerziellen Erfolg als Bestsellerautor herunterspielen?
Nein, ich bin sicher niemand, dem es egal ist, ob sich seine Bücher verkaufen. Das habe ich schon zur Genüge erlebt: In der Pubertät habe ich schon mal eine Novelle geschrieben, die niemand veröffentlichen wollte. Als Literaturstudent in Cambridge habe ich ein Theaterstück inszeniert, keinen Abend kamen mehr als zehn Zuschauer in die Vorstellung, ich einer von ihnen. Seitdem halte ich brotlose Kunst für nicht erstrebenswert. Ich bin ein kommerzieller Schreiber. Habe sogar Drehbücher für englische Soap-Operas geschrieben. Aber wirtschaftlicher Erfolg ist nicht kalkulierbar. Manchmal schreibt man etwas, von dem man denkt, es sei unverkäuflich, und es verkauft sich doch. Oder umgekehrt. Mein Verlag hat große Erwartungen in den Verkauf von Kind 44 in Polen gesetzt, aufgrund der geografischen Nähe Polens zu Russland, der politischen Verflechtungen mit der Geschichte Stalins, doch die Erwartungen wurden enttäuscht. Vom Verkauf in Japan hat sich niemand etwas erhofft, doch es lief super. China ging auch gut, Südkorea nicht, ich habe keine Ahnung, warum. Verkaufen ist wie Surfen: Man muss die Welle reiten, solange es geht. Kontrollieren lässt sich die Welle nicht. Es ist unmöglich, so einen Bucherfolg strategisch zu planen oder im Nachhinein zu analysieren.
Vielleicht haben Sie ganz einfach einen perfekten Krimi geschrieben?
Nein. Der Verkauf ist perfekt gelaufen, aber ich habe kein perfektes Buch geschrieben.
Was fehlt?
Bei einem perfekten Buch entsprechen sich der Ton der Romanfigur und die persönliche Lebenserfahrung des Erzählers viel mehr. Man entwickelt schon während des Schreibens ein Gespür dafür. Ich fühlte mich Leo verbunden, aber nicht sonderlich stark. Kind 44 war nicht das Buch meines Lebens, es war eine Geschichte, über die ich gestolpert bin: Ich musste für ein Drehbuch über Serienkiller recherchieren und stieß dabei auf einen Russen, der Ende der Siebzigerjahre lange ungehindert morden konnte, weil die Behörden seine Existenz leugneten – einen Serienkiller durfte es in einer sozialistischen, perfekten Gesellschaft nicht geben.
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Hat Kind 44 Ihr Leben verändert?
Ich wurde letzte Woche nach Tokio eingeladen, um vor 150 Leuten meine Einleitung zu Band drei vorzulesen – auf Japanisch! Danach bin ich mit meinem Übersetzer auf den Fuji gestiegen. Ich liebe Bergsteigen, und diese Möglichkeit hätte ich niemals bekommen ohne Kind 44. Und ich beantworte heute alle zwei Wochen Leser-E-Mails.
Seit dem ersten Band gelten Sie als Krimi-Wunderkind. Haben Sie beim Schreiben der beiden Fortsetzungsbände gar keinen Erfolgsdruck verspürt?
Im Gegenteil: Beim ersten Band war der Druck immens. Ich hatte ja erst einen Ganztagsjob als Drehbuchautor, den habe ich später gekündigt und von meinen Ersparnissen gelebt, aber ich konnte mir nie sicher sein, dass mein Manuskript je erscheinen würde und ich nicht zwei Jahre meines Lebens wegwerfe. Ich war nicht mal sicher, es zu Ende zu bringen. Als ich Band zwei schrieb, stand ich nur mehr unter Zeitdruck. Ich bin auf Lesereise mit Band eins gegangen und habe gleichzeitig an Band zwei geschrieben, der Druck war nicht so stark. Ich wusste ja zu dem Zeitpunkt schon, dass die Geschichte grundsätzlich funktioniert.
Beim Schreiben von Kind 44 waren Sie sich nie sicher, eine gute Geschichte zu haben?
Nach acht Monaten habe ich allmählich ein gutes Gefühl bekommen und daran geglaubt. Für alle Probleme mit dem Handlungsablauf oder bei der Recherche habe ich bis dahin beim Schreiben immer schnell eine Lösung gefunden. Aber als ich das Manuskript dann nach zwei Jahren wegschickte, war ich ziemlich nervös.
Wie lang haben Sie gebraucht, um das Manuskript an einen Verlag zu verkaufen?
Meine erste Agentin war von dem Manuskript nicht begeistert und schlug vor, das erste Drittel zu kürzen, weil da noch nicht wirklich ermittelt wird – sie fand das verwirrend. Den ganzen geschichtlichen Einführungsteil über die Hungersnöte in Russland wegzuschmeißen kam für mich natürlich nicht infrage. Nicht aus Arroganz, ich dachte nur, na, dann verkauft es sich eben nicht. Die Agentin hat mein Manuskript in ihrer Firma weitergereicht, ihr Kollege hat ein paar kleinere, sehr sinnvolle Änderungsvorschläge gemacht, es dann an die Verlage rausgeschickt und nach einer Woche verkauft.
Was wirklich erstaunlich ist, denn in dem Buch haben Sie viele Krimi-Konventionen verletzt.
Habe ich das? Ich habe beim Schreiben nie an irgendwelche Regeln gedacht.
Kind 44 spielt 1950 in Moskau während des Stalinismus – so eine Szenerie kann nicht verkaufsfördernd gewirkt haben.
Ja, viele Journalisten oder Leser haben nur den Klappentext gelesen und sich gefragt: Wer interessiert sich schon für Russland? Beim Film wird die Frage sicherlich wieder gestellt werden. Aber Stieg Larsson konnte die Menschen für Schweden begeistern, das hätten auch die wenigsten gedacht.
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