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aus Heft 39/2011 Design & Wohnen

»Gutes Design kann den Menschen glücklich machen«

Thomas Bärnthaler (Interview)  Fotos: Andreas Laszlo Konrath

Stefan Sagmeister gilt als einflussreichster Grafiker unserer Zeit. Ein Gespräch über die Seele der Dinge.

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Grafiker, Werber, Künstler, Designer? Es ist gar nicht so leicht zu benennen, was der gebürtige Österreicher Stefan Sagmeister wirklich ist. Er ist von allem etwas, vor allem aber sehr erfolgreich. Mit revolutionären Plattencovern für Lou Reed, die Rolling Stones und Aerosmith wurde er berühmt und gewann zwei Grammys in der Kategorie »Bestes Albumcover«. Zu seinen Kunden zählen der US-Bezahlsender HBO, Time Warner und diverse Museen, für die er jeweils das Erscheinungsbild gestaltet hat. Seine Auftritte bei der TED (Technology, Entertainment, Design), einer jährlichen Ideenkonferenz herausragender Persönlichkeiten im kalifornischen Long Beach, reißen sein Publikum jedes Mal zu Lachanfällen und Begeisterungsstürmen hin, denn Sagmeister ist nicht nur ein sehr kreativer Mensch, sondern auch ein sehr unterhaltsamer. Seit 1993 lebt er in New York, wo er sein Grafikstudio betreibt. Jetzt dreht er auch noch einen Film. Über das Glück.


SZ-Magazin: Herr Sagmeister, worum geht es in Ihrem neuesten Projekt The Happy Film?
Stefan Sagmeister: Es ist ein Selbstversuch-Film, vielleicht vergleichbar mit Morgan Spurlocks Supersize Me über McDonald’s. Ich will schauen, was mich glücklicher macht: Meditation, kognitive Therapie oder Drogen. Mit Drogen meine ich nicht illegale Drogen, sondern Psychopharmaka, also Antidepressiva. All das probiere ich aus, natürlich unter wissenschaftlicher Anleitung, und berichte, ob sich mein Wohlbefinden verbessert.

Was ist kognitive Therapie?
So, wie ich es verstehe, geht es darum, sich mit einem Therapeuten die eigenen Denkmuster anzuschauen, sie mit der Wirklichkeit zu vergleichen und zu versuchen, meist durch Wiederholung, diese Denkmuster der Wirklichkeit anzugleichen.

Können Sie schon was berichten?
Das Meditieren habe ich schon abgeschlossen, dafür war ich drei Monate lang auf Bali. Ich habe sogar eine Computertomografie meines Gehirns machen lassen, davor und danach, um zu schauen, ob sich was in meiner Hirnstruktur verändert hat. Das Meditieren ist mir schwergefallen, weil da die Eigenleistung am größten ist. Bald mache ich die Therapie. Und am Schluss die Drogen, das ist das Einfachste.

Hat Sie das Meditieren glücklich gemacht?
Es ist im Prinzip eine angenehme Sache, die auf gar keinen Fall etwas verschlechtert. Aber wenn ich mir meine Notizen und die täglichen Videointerviews von mir anschaue, muss ich sagen: Der Einfluss auf mein Wohlbefinden war doch eher gering – gemessen am Zeitaufwand.



Sie machen Selbstversuche, zeigen sich auf Plakaten, gern auch nackt, halten Vorträge. Was treibt Sie?
Ich glaube, dass das Objektive, das Sichheraushalten, das Distanzierte, ein Fehler ist und zu unglaublich vielen kalten und schlechten Arbeiten und Produkten führt. Es macht einen auch selbst glücklicher, wenn man sich einbringt.

Mit Glück beschäftigen Sie sich schon länger. Sie haben schon 2004 einen Vortrag darüber auf der TED-Konferenz gehalten, jetzt drehen Sie einen Film. Was fasziniert Sie daran?
Die Frage, was uns in unserer Umwelt wie beeinflusst. Und wie man das verbessern kann. Es ist zum Beispiel erstaunlich, wie groß die Frage der Form in der Architektur ist und wie klein die Frage des Wohlbefindens. Gerade wenn man in einer Stadt wohnt, ist ja im Prinzip alles, was einen umgibt, gestaltet. Egal in welcher Stadt oder ob es die Erste oder Dritte Welt ist. Das heißt, dass Design für den Stadtbewohner den gleichen Einfluss hat auf sein Leben wie die Natur auf den Ureinwohner. Die Umgebung kann gut, mittelmäßig oder schlecht gestaltet sein, und das wirkt zurück auf uns Menschen.

Welche Lehren ziehen Sie aus dieser Erkenntnis?
Ich achte auf die Psychologie der Dinge. Mache ich etwas, was die Leute vielleicht ein bisschen erfreut oder sogar entzückt, oder etwas, was jedem am Arsch vorbeigeht? Oder gar etwas, was nicht funktioniert und einfach nur nervt. Das gibt es auch im Produktdesign.
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Beispiel?
Kantige Türklinken, die beim Anfassen leicht in die Hand einschneiden. Oder CD-Verpackungen, die so verschweißt sind, dass man sie nicht aufkriegt. Lauter so kleine, nervige Dinge, die uns täglich begegnen.

Oder Handys, deren Empfang schwächelt, wenn man sie in die Hand nimmt. Wie erklären Sie sich den Erfolg von Apple?

Jonathan Ive ist der wichtigste Produktdesigner der letzten zwanzig Jahre, ohne jeden Zweifel. Der Erfolg des iPhone ist vergleichbar mit dem Fall Google: Beide sind sehr spät in ihren jeweiligen Markt eingestiegen. Suchmaschinen waren ein alter Hut. Eigentlich von den meisten Leuten – zumindest von mir – komplett abgehakt. Beide sind ein Beispiel dafür, dass die Ausführung einer Idee wichtiger ist als die Idee selbst. Beide haben eine vorhandene Idee einfach besser und kompromissloser ausgeführt.

Von Ihnen stammt der Spruch: Stil ist Furz. Zumindest haben Sie sich das mal für ein Plakat in Ihren Bauch ritzen lassen. Zählt also allein die Idee?
Das war ein Fehler. So habe ich vor ewigen Zeiten gedacht: dass Stil an sich unwichtig ist, eben nur heiße Luft. Das sehe ich heute überhaupt nicht mehr so.

Es gibt ja auch eindeutig einen Sagmeister-Stil: plakativ, bunt, provozierend.
Das habe ich erst spät zugelassen: dass es eine formale Richtung geben kann, die wiedererkennbar wird. Vorher hatte ich die fixe Idee, unser Studio müsse sich immer wieder neu erfinden. Und das hat sich sehr flott als absolut unmöglich herausgestellt. Es war irgendwann klar, dass das nur möglich ist, wenn ich entweder historische Stile stehle oder noch schlimmer: Stile von anderen Designern übernehme. Für jedes Projekt einen neuen Stil zu erfinden, das hat noch keiner geschafft.

Sie machen Werbung, einige Ihrer Arbeiten werden aber auch in Museen ausgestellt. Sind Sie nun Grafiker oder Künstler?
Beides. Ich fühle mich in diesem Zwischenbereich sehr wohl, weil er große Vorteile hat. Er hat oft ein sehr großes Publikum. Mich hat Design für Designer nie interessiert. Oder Musik für Musiker, und vielleicht meine größte Kritik an der zeitgenössischen Kunst wäre, dass so viel für sich selbst gemacht wird. Ich finde diese geschlossenen Kleingesellschaften uninteressant. Wenn ich gut bin, bringe ich vielleicht die eigene Profession ein bisschen voran, aber das würde mir nicht reichen.
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