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aus Heft 41/2011 Bayern

Die Geschichte von Daisy und Toni

Seite 2: »Wir wollten nie hier weg«

Gabriela Herpell  Fotos: Bert Heinzlmeier


Ein Foto zur Feier der Silberhochzeit, 1954: Philipp Ernst Prinz von Thurn und Taxis mit seiner Frau, Prinzessin Eulalia, in der Mitte die blonde Margarete
und die dunkelhaarige Antonia, rechts im Bild Sohn Albert.

Der Vater, Philipp Ernst Prinz von Thurn und Taxis, kaufte Schloss Hohenberg 1931. Er war das jüngste der acht Kinder von Albert Fürst von Thurn und Taxis und Fürstin Margarete. Bis auf den ältesten Sohn, der Schloss Emmeram in Regensburg erbte, wurden die Kinder ausbezahlt und verdienten sich ihren Lebensunterhalt dann mithilfe ihres Besitzes.

Prinz Philipp war erst 21, als er im September 1929 Prinzessin Eulalia, genannt Illa, heiratete. Dem ging ein Eklat voraus, denn Illa war eigentlich seinem älteren Bruder versprochen, sie liebte aber Philipp und gestand das dem Vater, Fürst Albert, unmittelbar vor der angekündigten Hochzeit. Fürst Albert war von ihrem Mut und ihrer Geradlinigkeit beeindruckt und erlaubte ihr, nach Ablauf einer Frist Philipp zu heiraten.

1930 kam Sohn Albert auf die Welt, die Töchter wurden im Schloss geboren, Margarete 1933 und 1936 Antonia. Die Familie lebte von der Land- und Forstwirtschaft und der Pacht aus der Gastwirtschaft. Es war eine Kindheit wie in Bullerbü, so schildern es die beiden Prinzessinnen, aber verwöhnt wie Prinzessinnen in Büchern wurden sie nicht. Morgens um sieben stapften sie los, fünf Kilometer liefen sie bis zur Schule in Seeshaupt, und wenn die Kinder der Wirtsleute an dunklen Wintermorgen quengelten: »Heute ist es so kalt, können wir nicht daheimbleiben?«, dann sagten ihre Eltern: »Wenn die Prinzessinnen in die Schule gehen, müsst ihr auch in die Schule gehen.« Und die Prinzessinnen gingen zur Schule – auch wenn es so kalt war, dass ihnen Eiszapfen von der Mütze ins Gesicht hingen.
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Nachmittags halfen sie dem Vater das Heu einbringen, den Mist herausfahren, das Eis schneiden und zum Eiskeller fahren, Bäume ausrücken, alles machte er mit seinen Kaltblutpferden. Der Vater, erzählen die Prinzessinnen und glühen vor Stolz, konnte alles. Er hatte eine Holzwerkstatt und eine Eisenwerkstatt, sogar seine Pferde beschlug er selbst. Eines Tages kam ein Journalist und sollte eine Reportage schreiben über den Prinzen und Bauern. »Den Bauern könnt ihr haben«, soll der Vater gesagt haben, »den Prinzen nicht.«


Wie immer sitzen Prinzessin Antonia und Prinzessin Margarete unterm Kruzifix in der »Schlossgaststätte Hohenberg«. Fürs Foto trinken sie Wasser, in Wahrheit gibt es mittags Weitweinschorle.

Margarete: Es ist eigentlich immer klar gewesen: Wir wollten nie hier weg.
Antonia: Die Familie war das Wichtigste.
Margarete: Wir haben unsere Eltern gepflegt, wie wir vorher die Großmütter gepflegt haben, bis sie gestorben sind.
Antonia: Daisy hat auch die Kinder der ganzen Familie auf die Welt gebracht. Ein Jahr ist sie bei den Babys geblieben, in München, Vorarlberg, Niederösterreich, am Achensee. Die wollten sie gar nicht mehr weglassen. Sie hat jede Menge Patenkinder.
Margarete: Eine Cousine ist nach Hohenberg gekommen, weil ich nicht mehr wegkonnte, und hat ihr Kind hier gekriegt.
Antonia: Da war der Vater schon krank. Voller Metastasen. Ich habe ein kleines Atelier zu Hause gehabt und für Kunden genäht, aber Daisy musste ran, die Landwirtschaft übernehmen.

Margarete:
Als der Vater gestorben ist, standen wir fest im Betrieb. Unser Motto war: Nie einen Pfennig Schulden machen.
Antonia: Und wir haben bis heute nicht einen Pfennig Schulden gemacht.
Margarete: Eine Marotte haben wir geerbt, von der Mutter: Die Speisekammer muss voll sein, falls man mal einschneit.
Antonia: Man hat sich ja früher sonst alles geborgt. Wenn jemand den Vater nach dem Traktor gefragt hat, hieß es: »Kommst halt und holst ihn dir.« Unser Vater hat jedem geholfen. Die Dachstühle ringsherum sind alle aus Hohenberger Holz.

Immer reden sie vom Vater, dem bewunderten. Wie er nach dem Krieg, als neunzig Leute in Hohenberg lebten – es ging lustig zu, und im Wirtshaus wurde gefeiert –, einer Malerin mit ihren beiden Kindern den Schafstall gab, weil nicht mal mehr ein Kämmerchen frei war. Die Malerin wohnte 40 Jahre lang im ausgebauten Stall, ohne Strom, von Schwermut und Schicksalsschlägen gebeutelt, aber eine andere Bleibe kam für sie nicht infrage. »Und wenn es ihr gut ging, malte sie die schönsten Landschaftsbilder«, sagt Prinzessin Margarete.

Prinzessin Antonias Gesicht ist offen und sehr faltenfrei für ihr Alter, die grauen Haare sind in weicher Welle aus der Stirn gekämmt, ein dezentes Rot färbt ihre Lippen. Prinzessin Margaretes Stimme kratzt von vielen Zigaretten der Marke Lord Extra, ihre kurzen Haare stehen hoch, die Augenbrauen sind dicht und schwarz, und so borstig wie sie selbst ist auch ihr Humor. Sie sind also gegensätzlich, die Schwestern, aber sie sind sich auch ähnlich, mit den Schlupflidern, die sie von der Mutter geerbt haben. Vor allem aber in ihrem Bestreben, das Vermächtnis des Vaters zu erfüllen und Hohenberg zu erhalten. Dafür haben sie gearbeitet wie Männer, sie haben es geschafft, nun dürfen sie verschnaufen und selbst zum alten Eisen gehören.

Antonia: Wir sind auch nicht mehr so doll beieinander.
Margarete: Wir sind schön lädiert, alle beide. Toni hat alles voller Ersatzteile, zwei Knie, eine Hüfte. Mir haben sie alles rausgeschnippelt, Krebs, im Stillstand. Doch keiner weiß, wie lange.
Antonia: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wenn jemand fragt: »Wie geht’s?«, sagt Daisy …
Margarete: … »Gut.« Was soll ich denn sonst sagen?
Antonia: Wenn man »Schlecht« sagt, dann geht es einem sofort schlecht.


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Gabriela Herpell

macht selbst gern Ausflüge in die Gegend um die Osterseen herum. Außer der »Schlossgaststätte Hohenberg«, in der man herrlich Radisalat mit kalter Ochsenbrust isst, empfiehlt sie Fischer Lidl in Seeshaupt, der frische und geräucherte Renken verkauft.

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