Anzeige

aus Heft 41/2011 Liebe & Partnerschaft Noch keine Kommentare

Spül mit dem Feuer

Seite 2: Wer kann mehr einräumen?

Von Jan Heidtmann  Fotos: Jan Burwick; Styling: Christoph Himmel





Faustregel II: Die Art und Weise, wie er eine Spülmaschine einräumt, verrät oft mehr über das Wesen eines Partners, als uns lieb ist.


Erste Erkenntnis: Die Deutschen kratzen lieber die Reste runter, als dass sie die Teller vorspülen; anders als die Schweden und Italiener machen sie damit alles richtig. Zweite Erkenntnis: Es gibt tatsächlich Menschen, die Äpfel, Birnen und anderes Obst im Geschirrspüler waschen. Dritte Erkenntnis: Die Deutschen stopfen im Durchschnitt 61 Teile in die Spülmaschine und sind damit Europameister beim Beladen. Und, auch das ein Ergebnis: Wenn es um die Spülmaschine geht, können Frauen genauso chaotisch sein wie Männer. »Beim Einräumen gibt es keine geschlechtsspezifischen Unterschiede«, sagt Stamminger.

Und wie sieht er, der Professor für Hauswirtschaft, den Einfluss des Geschirrspülers auf die Beziehung? »Hier prallen die verschiedenen Arbeitsweisen eines Paares aufeinander, das ist ein heißes Thema.« Denn in unserer Ordnung der Gerätschaften gilt der Geschirrspüler als Störenfried – die Piratenpartei in der Wohnküche. Waschmaschine, Bügeleisen, Staubsauger werden meist nur von einem der Partner bedient, in der klassischen Rollenverteilung ist das die Frau. Die Spülmaschine aber gilt als gemeinsames Terrain. »Männer fühlen sich in der Haushaltsarbeit normalerweise unterlegen«, sagt Wolfgang Schmidbauer, der Paartherapeut. Die vergleichsweise aufwendige Technik, dazu das ausgeprägte räumliche Denken von Männern – »deshalb stürzen sie sich auf die Spülmaschine: Wer kann mehr einräumen? Da fühlen sich Männer zu einer Rivalität herausgefordert«. Ein Verhältnis, das in Rachels Hochzeit mit Anne Hathaway wunderbar anschaulich wird: Nach dem Festessen wetteifern Schwiegervater und Schwiegersohn darum, wer in drei Minuten mehr Teller, Tassen, Töpfe in die Spülmaschine räumen kann. Am Ende triumphiert der Schwiegervater mit lautem Gebrüll: »Gebt mir mehr Geschirr!«

Anzeige


Gleichzeitig ist die Spülmaschine für erfolgreiche Männer inzwischen das, was früher das Wissen um den Butterpreis war: ein Symbol dafür, dass sie trotz aller beruflichen Verpflichtungen den Sinn für den Alltag nicht verloren haben. »Ich räume die Spülmaschine ein und aus«, sagte Günther Beckstein, als er noch bayerischer Ministerpräsident war, »niedrige Hilfsdienste also. Aber die mache ich richtig gern.« Ron Sommer trieb als Chef der Telekom die Sorge um, er könne zu abgehoben sein. »Da war ich dankbar, dass mir meine Familie immer wieder gezeigt hat, wo die Spülmaschine ist.« Und Barack Obama erklärte bei einer Veranstaltung der »Women for Obama« in San Francisco: »Den meisten Applaus bekomme ich, wenn ich das Geschirr in die Spülmaschine räume.«



Faustregel III: Teller kommen nach vorn, damit hinten Platz für die Töpfe ist. Pfannen gehören nicht in die Spülmaschine, und die Messer, bitte, mit dem Kopf nach unter in den Korb.


Es war eine Frau, die den Geschirrspüler vor 125 Jahren erfunden hat. Josephine Cochrane hieß sie, eine Dame der Gesellschaft aus Shelbyville, Illinois. Verärgert darüber, dass ihre Angestellten das 200 Jahre alte chinesische Porzellan beim Abwasch zerschlugen, begann Cochrane im Schuppen hinter dem Herrenhaus Geschirr auszumessen, Körbe zu biegen und mit Wasserdruck zu experimentieren. Am Ende stand ein Apparat, der mit heutigen Geschirrspülern erstaunlich viel zu tun hat: Noch immer sind Wasser, Temperatur, Spülmittel und Zeit die Komponenten eines jeden Waschgangs. 1929 brachte Miele die erste massentaugliche Spülmaschine auf den Markt, 1987 erfand das Unternehmen aus Gütersloh die Besteckschublade. Und verschärfte so den ideologischen Grabenkampf unter Spülmaschinennutzern um einen weiteren Aspekt: Besteckkorb oder Schublade? Mitte der 1990er-Jahre waren die Geräte weitgehend ausgereift, das Spülen von Hand ist seitdem: reine Romantik. Eine Innovation von Electrolux, die 2005 einen Geschirrspüler mit Sichtfenster auf den Markt brachte, erledigte sich rasch von selbst: Die Idee war von der Waschmaschine abgeschaut, der Einblick sollte belegen, dass die Wäsche in der Maschine auch tatsächlich gewalkt wird. »Doch das, was in der Spülmaschine passiert, ist nicht wirklich sehenswert«, sagt Gerhard Nüssler, Chefdesigner von Siemens Hausgeräte.

Bleiben zwei grundlegende Probleme, vor denen Spülmaschineningenieure heutzutage stehen: Was tun mit dem Fertigspinat? Da versagen die Reinigungsfilter regelmäßig. Und was tun mit dem »Werfer«? So bezeichnet Nüssler die Anarchisten unter den Spülmaschineneinräumern. »Bei denen noch ein gutes Spülergebnis hinzubekommen, das ist die Kunst.«

Gerhard Nüssler liebt seine Spülmaschinen, den Chromglanz, das leise Sirren, wenn sie laufen. Die Probleme gestresster Paare? Ja, klar, viel mehr interessieren ihn aber die Probleme zwischen Mensch und Maschine. Da guckt der sonst so fröhliche Herr Nüssler fast ein bisschen traurig: Die Espressomaschine wird regelmäßig gewienert, selbst die Flusen aus dem Filter der Waschmaschine werden herausgefummelt. »Aber die Spülmaschine«, sagt Nüssler, »die wird sehr schlecht behandelt. Da denken die Leute: Sie soll einfach nur ihren Job machen.« Und jetzt muss sie auch noch für Beziehungskrisen herhalten? Eigentlich ist die Spülmaschine doch ein armes Schwein.

Vielleicht sollte man beim nächsten Streit darüber einmal nachdenken.

Kommentare

Name:
Kommentar: