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aus Heft 42/2011 Wirtschaft/Finanzen 3 Kommentare

Athen: Wir müssen reden.

Ein Stadtgespräch im Herzen der Krise.

Von Alexandros Stefanidis/ Christiane Schlötzer/ Kai Strittmatter/ Spyros Moskovou  Fotos: Nikos Chrisikakis/ Agentur Focus/ Peter Marlow/ Magnum Photos Mitarbeit (Übersetzung): Helena Wulgari-Popp

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Die Idee: Man müsste dringend mit den Griechen sprechen.
Der Ort: Taverne »Strofi« in Athen
Die Gäste: 13 Menschen, die etwas zu sagen haben.
Die Zeit: 23. September, 17 Uhr bis 2 Uhr nachts
Die Themen: Euro-Krise, Streiks, Beamte, Steuerhinterziehung, Reeder, korrupte Behörden, Deutschland, Europa, Mentalität, Angela Merkel, Einwanderung, Auswanderung



In Athen streiken wieder einmal die Bediensteten der öffentlichen Verkehrsmittel. Metro, Busse, Tram und Taxis stehen still. Die griechische Hauptstadt versinkt im Verkehrschaos. Es ist Ende September. Regierungschef Georgios Papandreou hat gerade ein weiteres Sparpaket angekündigt, das fünfte innerhalb eines Jahres. Das Land steht kurz vor der Pleite. Auf dem zentralen Syntagma-Platz haben sich Tausende Menschen versammelt, um zu demonstrieren. Die Stimmung schwankt zwischen tiefer Verzweiflung und blanker Wut.

Wir haben einige hundert Meter entfernt, unterhalb der Akropolis, einen Tisch in der Taverne »Strofi« bestellt. In Griechenland haben lange Tischgespräche Tradition: Megalo Trapezi (großer Tisch) nennt man das hier. Es ist kurz vor 17 Uhr. Auf unserem großen Tisch stehen Brotkörbe, Wasserflaschen und Schälchen mit Olivenöl sowie einige Vorspeisen: Gefüllte Weinblätter, Tsatsiki, Bauernsalat, Zucchinifrikadellen, Auberginenpastete und gegrillter Schafskäse.




28 Grad Außentemperatur, offene Fenster, die Akropolis im Blick: In der Taverne »Strofi« laufen die Vorbereitungen für unser Gespräch.

Fast zeitgleich, um Punkt 17 Uhr, betreten Takis Michas, Publizist und Kolumnist des »Wall Street Journal«, und Leandros Rakintzis, seit 2004 Generalinspekteur der öffentlichen Verwaltung, das »Strofi«. Rakintzis setzt sich sofort an den Tisch und erzählt lautstark, dass er sich mit dem Auto eine Stunde durch den Verkehr gequält hat, um eine Strecke von zehn Kilometern zurückzulegen.




Leandros Rakintzis: 2009 hat der Generalinspektor der öffentlichen Verwaltung 185 Fälle von Beamtenbestechung ermittelt.

SZ-Magazin: Herr Rakintzis, gehen Ihnen die Streiks auf die Nerven?
Rakintzis: Ja und nein. Nein, weil ich die Nöte der Streikenden verstehe. Ein Beamter, der im Januar noch 1500 Euro Gehalt bezogen hat, bekommt heute vielleicht noch knapp 1000 Euro. Das ist eine Einbuße von mehr als 30 Prozent. Das steckt niemand leicht weg. Und ja, weil vielen Bürgern mit den Streiks die Möglichkeit genommen wird, pünktlich an ihrem Arbeitsplatz zu erscheinen. Ganz zu schweigen davon, dass die Streiks für unsere Wirtschaft katastrophal sind.

Tasos Telloglou, der Journalist, der die Schmiergeldaffäre um Siemens aufgedeckt hat, kommt und setzt sich neben Rakintzis. Takis Michas hat gegenüber Platz genommen. Michas trinkt nur Wasser, Telloglou bestellt einen doppelten Espresso.

Michas: Katastrophal für den griechischen Staat ist vor allem die Anzahl seiner Beamten und Angestellten. Bis vor einem Jahr wusste die griechische Regierung nicht einmal, wie viele sie insgesamt beschäftigt. Mittlerweile ist klar: Es sollen über eine Million sein.
Rakintzis: So viele sind es nicht. Woher haben Sie diese Zahl?
Telloglou: Griechenland hat 758 000 Beamte. Wenn wir Streitkräfte, Polizisten und die Angestellten der staatlichen Unternehmen hinzuzählen, kommen wir auf mehr als eine Million.
Rakintzis: Ach so, Sie meinen alle. Ja, ja, so viele dürften es ungefähr sein.
SZ-Magazin: Ungefähr?
Rakintzis: Ja, in etwa. Niemand kann die genaue Zahl bestimmen, die schwankt jeden Tag.
Michas: Warum?
Rakintzis: Durch Entlassungen, Pensionierungen, Neueinstellungen, Kündigungen verändert sich die Zahl ständig. Ich bezweifle, dass irgendein Staat auf der Welt die genaue Zahl seiner Beamten kennt, da es immer diese Fluktuation gibt.

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Rakintzis erblickt auf dem Tisch die kleinen Fläschchen mit dem Tsipouro-Schnaps.

Rakintzis: Ja, was haben wir denn da? Eine Tsikoudia. Großartig. Trinken wir erst mal ein Glas.

Michas und Telloglou winken dankend ab. Telloglou nippt an seinem Espresso. Michas bleibt beim Wasser. Rakintzis füllt unsere Gläser und hebt sein Glas.


Rakintzis: Dann trinke ich mit Ihren deutschen Kollegen! Yamas!
SZ-Magazin: Yamas! Herr Michas, Sie gelten als strenger Kritiker der griechischen Verhältnisse. Woran krankt das Land?
Michas: Wo soll ich anfangen? Gestern bin ich um 8.30 Uhr zum Finanzamt, um meine Steuererklärung für 2010 abzugeben. Ich wartete eine halbe Stunde zusammen mit einem guten Dutzend anderer. Um neun Uhr kommt eine Frau mit einem Frappé in der Hand und sagt uns, wir sollten nach Hause gehen, die Finanzbeamten hätten heute alle eine längere Besprechung. Ist das zu fassen? Ich kam, um meine Steuern zu zahlen, und sie haben mich einfach rausgeworfen.
SZ-Magazin: Auch in Deutschland kann ein Behördengang zum Martyrium werden.
Michas: Das glaube ich Ihnen nicht. Deutschland ist ein Ordnungsparadies. Da kann es vielleicht vorkommen, dass du nicht bedient wirst, wenn du eine Sekunde zu spät kommst. Aber wenn du rechtzeitig zu den Öffnungszeiten vor Ort bist, läuft alles glatt. Ich habe sofort beim Verbraucherschutzbüro angerufen, um mich zu beschweren: »Was soll die ganze Diskussion um Steuerhinterziehung, wenn ich nicht mal meine Steuererklärung abgeben kann?«, rief ich in den Hörer. Aber auch dort hat man mich abgewimmelt, ich könnte einen schriftlichen Antrag einreichen und sie würden der Sache »ganz sicher« nachgehen. Dass ich nicht lache! Ich hab das Handy wütend in die Sofaecke gefeuert!
SZ-Magazin: Beim Thema Steuerhinterziehung ist immer die Rede von unangemeldeten Swimmingpools in Athener Gärten, teuren Sportwagen vor den angesagten Clubs und noch teureren Yachten in den Häfen von Piräus. Warum fällt es dem griechischen Staat so schwer, dort nach Steuerhinterziehern zu suchen?

Kommentare

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  • Jessica Schmidt (0) Der Bericht ist ein gutes Zeitzeugnis. Jedoch weniger für die Situation Griechenlands als für den vorherrschenden Orientalismus im deutschsprachigen Diskurs. Nun glänzt das SZ-Magazin ja nun nicht unbedingt durch hochkarätige Beiträge, aber die ungemein originelle Idee ?Man muss mit den Griechen reden? ist ein besonders erbärmliches Beispiel für den Mangel an Reflexionsvermögen.

    Es gehört schon eine gehörige Portion naiver Arroganz dazu, einen Bericht über die Notwendigkeit mit ?den Griechen? zu reden, ein hübsches Bildchen des ganz offensichtlich noblen Etablissements beizufügen, in dem man sich mit ?den Griechen? treffen möchte ? 13 an der Zahl. Wer hätte nicht Lust, bei gutem Wein und traditioneller Küche ein wenig über die gegenwärtigen Probleme der griechischen Gesellschaft zu philosophieren? Man befindet sich ja sozusagen auf der Agora ? zumindest wenn man die Fenster öffnet und sich die laue Abendprise um die Nase wehen lässt. Glücklicherweise kann man ungestört reden, da sich die Taverne zwar in inspirierender Nähe zur Akropolis befindet, jedoch gerade weit genug von den Protesten entfernt (dem wahren öffentlichen Raum ? aber der ist derzeit natürlich unpassend unromantisch). Das post-koloniale Narrative wird noch gekonnt abgerundet durch das Auftreten der exotisch-bezaubernden Tänzerin zur bereits vorgerückten Stunde.

    Aber gut, zumindest bekommt der Leser noch ein paar Insider-Tipps vom lokalen Intellektuellen, wo man noch das ursprüngliche Griechenland ? mit samt seiner mediterranen Lebensweise - genießen kann. Denn, das nackte und unschöne Drama der neoliberalen Reformen möchten wir doch alle lieber im Sonnenuntergang mit einem Glas griechischen Wein genießen.
  • Peter Brüning (0) Patrikios: Ja, meine liebe Chloe, wir durchleben vielleicht eine tiefe Depression, aber wenigstens tun wir das im schönsten Land der Welt.
    Herr Patrikios, es macht mich sehr traurig was in Ihrem Land zur Zeit passiert aber ich stimme Ihnen aus vollem Herzen zu, Sie leben im schönsten Land der Welt.
  • Dirk Schaelicke (0) Ein schoenes Zeitdokument, welches gleichzeitig viel eher Einblick gibt in die wahre Situation in Athen. Viel leichter sind Informationen ueber die Griechen ueber solche Beitraege zu erlangen, als 2 seitige Artikel mit den Ansichten einzelner Journalisten, die leider zu oft nur die griechische Presse recyceln. Anmerken sollte man jedoch, dass die Gefuehle und Ansichten des einfachen Mannes aussen vorbleiben, lud man doch vornehmlich Menschen aus Kultur und Kunst ein (einzige Ausnahme eine Politikerin ? zumindest aber die derzeit nach aussen zeigend Verantwortungsvollste im gr. Parlament). Dennoch ist gerade dies ein Hoffnungsschimmer fuer das Land, denn die Klasse der Intellektuellen scheint seit Jahren in Griechenland wie vom Boden verschluckt? ein weiteres Anzeichen der angesprochenen Dekadenz im Lande.
    Logisch, dass bei 6 Stunden Gespraech die wiedergegebenen Dialoge nur eine Auswahl darstellen koennen ? schade deswegen, dass mit der Probe aufs Example nach dem Fakelaki am Schluss des Beitrages eine letzte Sequenz gewaehlt wird, welche eine durch und durch korrupte Gesellschaft darstellen. Hier sollte man ergaenzen, dass jenes Schmiergeld in den meisten Faellen nicht gegeben wird um die Unfaehigkeit des Autofahrenlernens zu schmieren, sondern um korrupte Staatsbeamte zu schmieren welche eingebunden sind im Ausstellen der notwendigen Unterlagen und ihre Stellung rigoros ausnutzen (gleiches gilt fuer Aerzte, Steuerbeamte, Beamte in Bauaemtern?. um nur die Spitzenreiter der Korrupten im Staatswesen zu nennen).
    Bleibt zu hoffen, dass die Griechen in naher Zukunft bald wieder ihre wenigen, aber existenten Recoursen ausnutzen werden. Und seien es simple Dinge, wie z.b. die Granataepfel auf Lesbos.