aus Heft 44/2011 Literatur 1 Kommentar
»Männer haben stärker ihre Tage als Frauen«
Und was heute als Emanzipation gefeiert wird, ist ein Riesenbeschiss. Der Schriftsteller Wilhelm Genazino über die Zumutungen des menschlichen Miteinanders.
Von Tobias Haberl (Interview) Fotos: Franziskcat
SZ-Magazin: Herr Genazino, Ihr neuer Roman Wenn wir Tiere wären handelt schon wieder von einem Außenseiter. Was fasziniert Ihre Leser so an diesen grüblerischen Verlierern? Ehrlich gesagt überrascht es mich bis heute, dass es Menschen gibt, die meine Bücher lesen.
Jetzt kokettieren Sie. Gerade waren Sie für den Deutschen Buchpreis nominiert, 2004 haben Sie den Büchner-Preis bekommen.
Nein, ich meine das ernst. Es ist doch ein kleines Wunder, dass sich so viele Menschen für diese lebensbehinderten, oder sagen wir besser lebensgehemmten Männer interessieren.
Welche Erklärung haben Sie dafür?
Ich glaube, dass ich mit diesen verzagten Männern den Prototyp des modernen Massenmenschen getroffen habe. Ich glaube, dass viele die Hemmungen und Frustrationen meiner Figuren nachvollziehen können. Sie haben Angst vor Entscheidungen und Bindungen. Sie leiden unter einem Gegenwartsdruck und lassen sich von meinen Büchern trösten.
Was ist das – Gegenwartsdruck?
Das ist der Dauerdruck, den der abhängig arbeitende Mensch spürt, weil er sich immer zu seiner Arbeit verhalten muss. Permanent muss er seine Situation reflektieren, die Kollegen, den Chef, das letzte Meeting, oft genügt eine Kleinigkeit, ein schiefer Blick, ein falsches Wort, schon leidet er, weil sein Leben nicht seinen Bedürfnissen entspricht.
Warum ändert er nichts an seiner Situation?
Weil er Angst um seinen Job hat und damit um seine Existenz und Identität. Also schenkt er der Firma noch mehr Zeit und gerät in eine Dauerbredouille. Ich habe den Eindruck, dass es für viele Menschen immer anstrengender wird, am Arbeitsleben teilzunehmen. Viele fühlen sich ausgeliefert, ja gefoppt, weil sie sich von karrieristischen Gesichtspunkten haben leiten lassen und heute mit einem Leben dafür bezahlen müssen, das sie nie gewollt haben. Diese Leute trauen sich nicht zu jammern, weil sie wissen, dass sie von der Arbeitswelt abhängig sind und dass es, wenn sie jammern, nur noch schlimmer wird.
Ein glücklicher Mensch liest kein Genazino-Buch, oder?
Ein glücklicher Mensch, das ist eine Herausforderung. Gibt es glückliche Menschen? Ich bezweifle es. Zufriedene Menschen gibt es schon eher, in diesem Wort steckt das Arrangement.
Ihre Helden sind immer männlich. Spüren nur Männer diesen Gegenwartsdruck?
Früher ja, inzwischen auch immer mehr Frauen. Ich beobachte jeden Tag, wie sie mit Businesskostüm im Café sitzen und über Dinge reden, die nicht zu ihnen passen – ein schauderhafter Moment, weil man abgesehen vom Klang der Stimme nicht mehr merkt, ob ein Mann oder eine Frau spricht. Die Businesswelt, der Kampf um Anerkennung – das sind antrainierte Verhaltensweisen, die nicht zu einem weiblichen Wesen passen. Frauen sind nicht dazu gebaut, außer dem sowieso nötigen Kampf mit dem Tag noch den Kampf mit dem Aufstieg zu absolvieren. Mir tun diese Frauen leid. Sie sind Opfer einer Politik, die ihnen seit Jahren erfolgreich einredet, dass sie einen anstrengenden Job brauchen, um sich selbst verwirklichen zu können.
Ursula von der Leyen feiert jede Stelle, die an eine Frau vergeben wird, als Sieg der Gleichberechtigung.
Ich weiß, ein riesiger Beschiss.
Heißt das, Sie halten die Frauenemanzipation nicht für eine der größten Errungenschaften der letzten vierzig Jahre?
Nicht in dem Angebot, das sie zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor-zuweisen hat. Wenn es andere Formen der Emanzipation gibt, müsste man die Sache neu verhandeln, aber die Totalvernetzung und Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit der Frau als Emanzipation darzustellen ist ein großer Betrug.
Sie können doch nicht ernsthaft behaupten, dass es den Frauen vor fünfzig Jahren besser ging.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will die Emanzipation nicht zurückdrehen. Ich will nur klarstellen, dass es keine unschuldige Emanzipation gibt. Der Pakt, den die Frauen eingegangen sind, liefert neben gesellschaftlichen Vorteilen automatisch auch Nachteile. Und der Skandal ist, dass die Frauen mit diesen Nachteilen von den Politikern allein gelassen werden. Ich habe vor 35 Jahren selbst bei einer Zeitung gearbeitet und weiß noch, wie ich pausenlos in Konferenzen saß und neue Konzepte entwickeln musste, um die Auflage zu steigern. Kaum stand ein freies Wochenende an, lud uns der Verleger in sein Häuschen in den Taunus.
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Kennen Sie nicht das gute Gefühl, das einen durchströmt, wenn man ein Wochenende durchgearbeitet hat?
Doch, die Menschen arbeiten, weil sie auf das Gefühl angewiesen sind, wahrgenommen zu werden und im Zentrum der Welt angekommen zu sein. Sie sind so gestresst, dass sie die allmähliche innere Aushöhlung nicht mehr wahrnehmen. Ein Überbau entsteht, der einem das Gefühl gibt: Hey, man braucht mich, ich bin hier der richtige Mann am richtigen Fleck. Sie empfinden eine Arbeitswollust, ein Wohlsein im Unwohlsein.
Im Gegensatz zu den sensiblen Männern sind die Frauen in Ihren Büchern pragmatisch und bodenständig.
Frauen haben die Kraft, uns Männer wenigstens phasenweise von unserem Existenzgrübeln zu erlösen. Es sind doch Männer, die in der Kneipe sitzen und einen ganzen Abend lang über die eigene Befindlichkeit reden. Frauen sind viel pragmatischer und freier.
Sprechen Sie aus eigener Erfahrung?
Ja, meine Frau, die leider verstorben ist, hat mich immer unterstützt, am Anfang sogar finanziell, weil sie mit ihren Kinderbüchern mehr verdient hat als ich mit meinen Romanen. Als dann unsere Tochter zur Welt kam, hatte ich Angst, dass wir ins Schleudern geraten, aber dank ihr haben wir alles gut hinbekommen.
Was ist mit dem Klischee von den emotionalen Frauen und den gefühlsarmen Männern?
Ich nehme das Gegenteil wahr. Frauen haben einen leichteren Weltzugang als Männer, und zwar aufgrund ihrer Sexualität. Ich glaube sogar, dass Männer massiver ihre Tage haben als Frauen, dass es im Leben eines Mannes also Tage gibt, an denen er weiß, dass eine Woche lang nichts geht, weil er ein Zerwürfnis mit sich selbst hat. Er läuft dann vernachlässigt durch die Gegend und nimmt nichts wahr außer diesem Zerwürfnis.
Sind es nicht die Frauen, die ständig Migräne haben?
Frauen haben ein größeres Gehabe mit ihrer Tagesbefindlichkeit, sie haben Kopfschmerzen, Ohrensausen und 17 andere Sachen, aber kaum treffen sie abends ein paar Freundinnen, haben sie die Ausstrahlung eines Gänseblümchens.
Ihnen ist bewusst, dass es Frauen gibt, die mit dieser Sicht nicht einverstanden sind?
Was soll ich sagen? Ich glaube nun mal, dass das Gefühl, im falschen Leben festzustecken, eher ein männliches ist. Männer sind die wahren Komplikateure, die ohne die Unterstützung der Frauen verloren wären. Wenn der Held meines neuen Romans seine Freundin Maria vögelt und danach friedlich neben ihr einschlafen darf, fühlt er sich wie ausgetauscht, Maria dagegen hatte einfach nur Sex. Sex als Erlösung.
Oder: Nur beim Sex bin ich angstfrei, wie Charlotte Roche sagt.
So weit würde ich nicht gehen. Erstens gibt es auch andere Arten von Glück, bei mir gehört zum Beispiel das Schreiben dazu. Zweitens steckt auch in der Sexualität eine Angst vor Abhängigkeit, immerhin hat man etwas entdeckt, ohne das man nicht mehr sein will. Übrigens bin ich der Meinung, dass Männer mehr von der Sexualität profitieren als Frauen.
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