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aus Heft 45/2011 Geschenke

»Warum der Mensch schenkt? Weil er muss!«

Max Fellmann (Interview)  Fotos: Getty; jala/photocase.com

Der Soziologe Holger Schwaiger über Geben und Gebenlassen.


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Kleine Gaben, große Gaben: Rein ökonomisch gesehen ist auch das teuerste Geschenk ein guter Deal, es gibt ja einen Gegenwert: Dank.


SZ-Magazin:
Herr Schwaiger, was muss man tun, damit ein Geschenk gut ankommt?
Holger Schwaiger: Sie müssen die schwierige Eigenschaft beherrschen, sich in den anderen einzufühlen, das geht nur durch ständiges Fine-Tuning. Also immer dranbleiben, sich immer wieder mit der Persönlichkeit des anderen beschäftigen.

Jetzt, vor Weihnachten, fragt sich jeder: Wie finde ich die idealen Geschenke?
Tut mir leid, da gibt es kein Rezept. Es wäre natürlich praktisch, wenn man das ideale Geschenk mathematisch berechnen könnte, aber der Mensch verändert sich ständig, und die Beziehungen zwischen Menschen verändern sich auch ständig. Das müssen wir
alles immer mitbewerten – es hilft nichts.

Sie haben ein Buch über das Schenken geschrieben – der Untertitel lautet: »Entwurf einer sozialen Morphologie aus Perspektive der Kommunikationstheorie«. Worum geht’s?
Es geht um einen ganz einfachen Gedanken: Wer schenkt, kommuniziert. Er stellt eine Aussage in den Raum, und der Beschenkte muss darauf irgendwie reagieren. Im Unterschied zum Gespräch haben wir es aber nicht mit einem Wort zu tun, sondern mit einem Gegenstand. Dadurch lässt sich die Kommunikation nicht so leicht ignorieren.

Na ja, man kann doch einfach die Reaktion verweigern.
Können Sie eben nicht! Wenn Sie schweigen, reagieren Sie auch. Und lehnen Sie mal ein Geschenk ab – das ist eine Antwort, mit der schon extrem viel gesagt ist.

Sie schreiben, das Schenken sei bislang kaum erforscht. Warum ist das so?
Weil solche Untersuchungen teuer sind, man muss ja viele Leute befragen. Wenn, dann gibt es meistens Auftragsforschungen, da will die Buchbranche oder die Blumenbranche wissen, ob ihre Artikel als Geschenk geeignet sind. Immerhin, eine Erhebung anlässlich der Frankfurter Konsumgütermesse hat vor Kurzem ergeben, dass im Schnitt jeder Deutsche in den letzten zwölf Monaten 400 Euro für Geschenke ausgegeben hatte. Rein rechnerisch bringen die Deutschen also jedes Jahr Geschenke im Wert von rund 27 Milliarden Euro an den Mann. Und für Geschenkverpackung geben wir noch mal
2,3 Milliarden Euro aus.

Ziemlich großzügig.
Kann man wohl sagen. Untersucht wurde übrigens auch, wo die Geschenke erworben werden: Nur knapp zwei Prozent der Befragten kaufen ihre Geschenke überwiegend online – 98 Prozent kaufen also lieber im Geschäft.

Ganz simpel gefragt: Warum schenkt der Mensch überhaupt?
Ganz simpel geantwortet: weil er muss. Die klassischen Schenktheorien besagen, dass es unter Freunden und Verwandten einfach erwartet wird. Noch dazu gibt es die soziale Verpflichtung, ein Geschenk auch anzunehmen. Wenn Sie das nicht tun, gerät die Beziehung zum Schenker sofort ins Wanken.

Sie zitieren Sigmund Freud, der in etwa sagt: Schon das Kleinkind schenkt, nämlich das, was in seiner Windel ist. Wie soll man denn bitte das verstehen?
Na ja, die Eltern geben dem Säugling Zuneigung und Nahrung, aber das Kleinkind hat nichts, was es zurückgeben kann. Seine einzige Möglichkeit liegt darin, den Eltern den Wunsch zu erfüllen, nicht einfach die Windeln vollzumachen, sondern zu warten, bis es auf dem Topf sitzt. Das Kleinkind hat nichts anderes anzubieten, also verzichtet es auf die Bestimmungshoheit über seine Darmtätigkeit. In diesem Sinne versteht Freud das Exkrement als das »erste Geschenk«.

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Hm.
Nun, das ist Freud.

Wann ist ein Geschenk missglückt?
Wenn der Beschenkte überhaupt nicht nachvollziehen kann, was das Geschenk mit ihm zu tun haben soll. Dann haben Sie seine Vorlieben und Abneigungen, vielleicht sogar seine ganze Lebenseinstellung völlig falsch eingeschätzt. Die Anzeichen können da von sehr subtil bis völlig offensichtlich reichen. Der Beschenkte nimmt das Geschenk gar nicht erst symbolisch in Besitz, er probiert die Krawatte nicht mal an. Oder deutlicher: Er schenkt es sofort weiter.

Warum ist es tabu, Geld zu schenken?
Neue Untersuchungen belegen, dass Geldgeschenke in Deutschland tatsächlich eher selten sind. Sie werden sozial geächtet, weil man glaubt, der Schenker habe sich nicht mal die Mühe gemacht, auf die Persönlichkeit des Beschenkten einzugehen. Er gibt zu erkennen, dass er nur einer lästigen Pflicht folgt. Hinzu kommt, dass es dem Schenker nicht mal was ausmacht, wenn alle mitkriegen, dass ihm die Beziehung zu Onkel Heinz oder Tante Hilde gerade mal 20 Euro wert ist. Bei einem gut ausgewählten Geschenk dagegen spielt der Preis keine Rolle.

Wie hat sich das Schenken im Lauf der Zeit verändert?

Früher hat man Geschenke nicht gekauft, sondern selbst gefertigt. Da hat der Schmied sein schönstes Messer einem Freund oder Geschäftspartner geschenkt, der Töpfer hat sein feinstes Geschirr seiner Geliebten verehrt. Man kann sagen, die Menschen haben etwas von sich gegeben, im eigentlichen Sinne des Wortes. In modernen Gesellschaften dagegen wird eher aus dem Geldbeutel geschenkt. Der Straßenbahnschaffner gibt ja nicht seiner Frau die schönste Fahrkarte. Vielmehr versucht man, ein passendes Geschenk zu kaufen, das andere hergestellt haben.
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Max Fellmann

, 41, überlegt nach Jahren des Weihnachtsshoppings, ob er langsam zu selbst gebastelten Geschenken zurückkehren soll. Er fürchtet jedoch, dass in seiner Familie gerade niemand Kastanienmännchen und Knetfiguren brauchen kann.

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