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aus Heft 47/2011 Kinder

Kleine Kinder, große Fragen

Cornelie Kister  Fotos: dpa (2)

Arbeiten? Zu Hause bleiben? Wie lang stillen? Ab wann Kita? Man sollte meinen, Mütter helfen sich da gern mit Rat und Tat. Von wegen: alles ein einziger Konkurrenzkampf.


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Die Ruhe vor dem Sturm: Drei Frauen heißt auch drei Lebensmodelle – nur eine Frage der Zeit, bis hier Streit ausbricht.


Wahrscheinlich hätte ich zurückschießen sollen, aber ich war es einfach leid. Ich saß in netter Runde unter Müttern, alles eigentlich Freundinnen, als eine von ihnen, eine C4-Professorin, mich fragte, ob mir das gemeinsame Mittagessen zu Hause mit meinen vier Kindern denn pädagogisch unabdingbar erscheine. Ob eine Hortbetreuung meiner innersten Überzeugung widerspreche? Die Herablassung, das Verächtliche, war nicht zu überhören. Ich hatte erzählt, dass ich eigentlich nur am Vormittag richtig arbeiten könne, weil dann ein Kind nach dem anderen eintröpfelt und ich erst am späten Nachmittag wieder kurz an den Schreibtisch komme, und auch das nur an einem guten Tag. Man muss wissen: Auch die Professorin hat vier Kinder, aber eben eine Rundumbetreuung tagsüber.

Ich gestehe, ich ließ die Antwort bleiben. Vielleicht aus Feigheit oder Harmoniesucht, vielleicht nur weil es mir zu blöd war, auf die 400 Euro für eineinhalb Stunden Kinderbetreuung zu verweisen, die ich nicht zu zahlen bereit bin. Vor allem aber aus einer gewissen Ermüdung heraus. Weil es immer das Gleiche ist: Sobald Mütter über ihre Kinder sprechen, über das Ausmaß der Betreuung und den Grad ihrer Berufstätigkeit, ist es vorbei mit einer normalen Unterhaltung. Dann gehen wir instinktiv in Alarmbereitschaft und wetzen die Messer, für einen gezielten Angriff oder die wütende Verteidigung. Es geht sofort um alles, auch wenn dieses »alles« sich hinter dem sperrigen Begriff »Lebensentwürfe« versteckt. Jeder Lebensentwurf ist Ergebnis langer, zäher, Nerven kostender Verhandlungen, mit dem Partner, den Kindern, dem Arbeitgeber. Deswegen sind wir so empfindlich, weil es darum geht, wie wir leben.

Vor einigen Jahren habe ich ein Buch zu diesem Thema geschrieben, es hieß: Mütter, euer Feind ist weiblich! Wie Frauen sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Zu jener Zeit waren meine Kinder noch deutlich jünger, und ich hatte das dringende Bedürfnis, meine Erfahrungen in der sonderbaren Welt der Mütter aufzuschreiben. Tatsächlich gab es kaum ein Ereignis in meinem Leben, das meine Welt so sehr auf den Kopf stellte wie die Geburt des ersten Kindes – und das beileibe nicht nur wegen der plötzlichen vollkommenen Fremdbestimmung durch kleinkindliche Dauerbedürfnisse. Bis zu dem Tag der Geburt hatte mir niemand gesagt, was ich zu tun oder zu lassen habe, hatte mir niemand Vorschriften gemacht, wurde nicht ständig hinterfragt, ob ich etwas auch wirklich so mache, wie »man« es mache. Doch kaum lag das Kind auf dem Tisch, ging es los: »Sie wollen nach Hause, Sie machen doch beim Wickeln noch alles falsch«, polterte die Hebamme, als ich das Krankenhaus nach zwei Tagen verlassen wollte. Es folgten Massen ungebetener Einwände, Ratschläge und Kommentare – bis heute. In meinem 16 Jahre währenden Dasein als Mutter wurde laufend – subtil oder erstaunlich direkt – meine Art zu leben an den Pranger gestellt. Und immer waren es Frauen, die sich schlecht getarnte, giftige Kommentare einfach nicht verkneifen konnten. An Seitenhiebe von Männern kann ich mich nicht erinnern.

Väter arbeiten. Wie sie das mit den Kindern vereinbaren, fragt kein Mensch. Und sie selbst fragen auch nicht groß nach.

Ich sage nicht, dass es bei mir perfekt lief. In meinen vielen Jahren mit Beruf und Kindern versuchte ich einen permanenten organisatorischen Spagat zwischen halbwegs gelungener Kinderbetreuung und hinlänglicher Zeit zum Arbeiten. Befriedigend war das selten. Und noch weniger entsprach es meinen inneren Überzeugungen als Mutter oder meinen Ansprüchen an mich als berufstätige Frau. Es war und ist ein Konglomerat aus mehr oder weniger gelungenen Kompromissen, ein immer vorläufiges Arrangement, ein Lavieren zwischen unabänderlichen Gegebenheiten und Wunschvorstellungen.

Es gibt keine andere Lebensphase, in der man so viele unterschiedliche Frauen kennenlernt wie in den Jahren mit kleinen Kindern, und man glaubt, auf einen Schlag lauter neue Freundinnen gefunden zu haben. Überall treffen Mütter in fröhlicher Gemeinschaft zusammen: beim Babyschwimmen, beim Kinderturnen, bei Kindergarten- und Schulfesten, an schönen Nachmittagen auf Spielplätzen. Doch der Schein der heiteren weiblichen Solidargemeinschaft trügt, hinter der Herzlichkeit und Anteilnahme lauern die Konkurrenz, der Argwohn, der Wettstreit, die Missgunst, der Neid. Natürlich, Frauen sind besonders teamfähig und kommunizieren besser als Männer, sie sind sensibler und oft selbstloser, was die Gemeinschaft angeht – aber sie haben eben auch eine Eigenschaft, die man landläufig Stutenbissigkeit nennt.

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Als vierfache Mutter wurde ich zum Beispiel von Vollblutmüttern mit ebenfalls mehreren Kindern sofort solidarisch in ihren Club aufgenommen. Zunächst. Aber als sie merkten, dass meine Mütterlichkeit nicht konform mit ihrer ging, dass ich meinen anderen, beruflichen Interessen ebenfalls großen Raum gab und meine Kinder dafür früh einer »Fremdbetreuung« ausgesetzt waren, wurden sie misstrauisch. »Wieso wünscht die sich denn vier Kinder, wenn sie andere Dinge so dringend braucht?« Bald fanden sie mich nicht mehr recht zu ihrem Club passend.

Bei anderen Müttern, solchen mit wenigen Kindern, oft berufstätig, oder gar bei kinderlosen Frauen hatte ich von vornherein das Stigma der Vielfachmutter. Unvorstellbar, dass ich mit vier Kindern außer Haushalt und Erziehung noch etwas anderes auf die Reihe kriege. Das ungläubige Staunen war stets mit Händen zu greifen, wenn sie merkten, dass es neben Kindern und Ehemann noch mehr in meinem Leben gab, den Job, mein Dasein als Buchautorin, Kurzreisen ohne meine Familie, Theater- und Kinoabende, dass ich also nicht die bedauernswerte dauergestresste Mutter bin, die nicht einmal Zeit für den alljährlichen Friseurbesuch findet.

An dieser Stelle ist eines wichtig: Wir reden längst nicht mehr über den ewigen Streit zwischen Vollzeitmutter und berufstätiger Mutter. Tatsächlich schwelt der Streit – wie ein lautloses Buschfeuer – wesentlich großflächiger. Die Kinderlosen sind längst dabei, obwohl sie mit Mutterschaft gar nichts am Hut haben, außerdem zielt die Einkindmutter gegen die Mehrfachmutter, die unbedarfte Jungmutter gegen die bewusste Spätmutter, die fröhliche Shopping-Mutter gegen die ernst gestimmte Ökomutter. Aber warum ist der Brennpunkt ausgerechnet die Mutterschaft, die doch für all das Gute und Selbstlose im Menschen steht, das Leben Gebende? Weil die Mutterschaft nichts Selbstverständliches mehr ist, seit Frauen entscheiden können, ob und wann und wie viele Kinder sie bekommen. Es entspricht einem Naturgesetz: Wer die Wahl hat und sich freiwillig entscheidet, der oder vielmehr die muss auch dazu stehen. Denn allen Beteiligten droht theoretisch immer der Super-GAU, nämlich dass sie feststellen oder davon überzeugt werden, dass sie die falsche Wahl getroffen haben. Und dass es dann für eine Umentscheidung zu spät ist, weil die Kinder eben da sind und der Job weg ist, oder halbiert, gedrittelt oder sonstwie reduziert, oder weil nur noch der Job da ist, die fruchtbaren Jahre aber vergangen sind. Das darf nicht passieren, deswegen werden schon mal vorsichtshalber die Krallen ausgefahren, und wenn die eigene Verteidigung schwierig scheint, muss eben zur Rechtfertigung das Lebensmodell der anderen infrage gestellt werden, schlecht gemacht, runtergezogen.

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Cornelie Kister

, 45, geht leidenschaftlich gern in die Berge und muss beim Anblick von Seilschaften immer daran denken, dass Frauen die Kunst, sich gegenseitig hochzuziehen, im Alltag sehr schlecht beherrschen. Im Gegensatz zu Männern. Auch deswegen ist sie für die Frauenquote in Führungspositionen, als Überbrückung, bis die Frauen das mit den Seilschaften auch im Berufsleben hinbekommen - in den Bergen klappt es ja schon.

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