aus Heft 47/2011 Musik Noch keine Kommentare
Nicht immer nur das alte Lied
Die Sopranistin Christine Schäfer würde die Klassikwelt gern umkrempeln – mehr Pop, mehr Experiment, mehr Vielfalt. Sagen wir so: Es gibt leichtere Aufgaben.
Von Gabriela Herpell Fotos: Bodo Vitus
Inszenierung einer Operndiva: Die Sopranistin Christine Schäfer hat ein Album mit Opernarien aufgenommen und zeigt sich auf den Fotos für ihre Verhältnisse ungewöhnlich aufgedonnert.
Singen öffnet das Herz. Und wenn jemand so unbändig anrührend singt vom Sturm, vom Schnee und den gefrorenen Tränen wie Christine Schäfer in Franz Schuberts Winterreise, muss man aufpassen, dass es einen nicht zerreißt. Auch wenn man bis dahin kein Liebhaber des klassischen Liedes war.
Christine Schäfers Stimme ist leicht, zart, voller Spannung. Und ihre Erscheinung passt zur Stimme. Sie ist klein, lebendig, ungeschminkt, und sie wirkt viel jünger als 46. Es ist Mittagszeit, sie hat eine kleine Tagesbar in Berlin-Mitte für ein Treffen vorgeschlagen, schräg gegenüber ihrer Wohnung. Sie kommt in herbstlicher Weste und hohen Stiefeln, trägt Beige, was man als Statement betrachten könnte. Denn auch wenn Christine Schäfer zu den weltbesten Sopranistinnen zählt, ist es nicht ihr Stil aufzufallen. Sie ist das Gegenteil einer Operndiva.
Tatsächlich ist sie, jenseits der Klassikszene, nahezu unbekannt, im Gegensatz beispielsweise zu einer Sopranistin wie Anna Netrebko. Doch die Kritiker machten Schäfer 2006 zur »Sängerin des Jahres«, nachdem sie mit Netrebko in Mozarts Oper Die Hochzeit des Figaro gesungen hatte, Christine Schäfer den Cherubino, Netrebko die Susanna.
Nun hat sie eine CD mit Opernarien aufgenommen, singt zurzeit in Berlin die Violetta in La Traviata, wird seit zwanzig Jahren an die großen, die internationalen Opernbühnen geholt, arbeitet mit Dirigenten wie Claudio Abbado, Pierre Boulez, Nikolaus Harnoncourt, Sir Simon Rattle, James Levine – und so oft schon ist sie im Sommer in Salzburg aufgetreten, dass die Festspiele ohne sie gar nicht denkbar wären.
Aber Christine Schäfer verträgt den Rummel nicht, nach einer Vorstellung will sie Ruhe haben, eine Stunde, bis sie wieder ansprechbar ist. Über ihr Privatleben schweigt sie und erzählt viel lieber, dass es ihr Traum wäre, mit der intellektuellen Alternative-Rock-Band Radiohead Musik zu machen: »Pop und Klassik müssten viel mehr verschmelzen« sagt sie, »aber die Welt der Klassik ist leider nicht offen, auf der Seite des Pop passiert da mehr.«
Sie bestellt ein Sandwich, scharfe Salami und Rucola, sie ist ausgehungert, »ich habe beide Essensschienen verpasst heute«. Das Lachen kommt aus der Kehle, ein vertontes Schmunzeln. Weiche Stimme, fließende Bewegungen, fester Blick aus dem kleinen, kecken Gesicht, über das manchmal ein halb ironisches Lächeln fliegt. Für ihre ostentative Hinwendung zur Pop- und Subkultur ist sie von der Kritik schon hart abgestraft worden: Sie tummle sich da in einer Kunstecke, die auch zur Zelle werden könnte – ob sie da wohl noch den Weg zurückfinde?
Doch es gibt keinen Weg zurück für sie. Christine Schäfer hat eine Mission: Sie tritt ein für Freiheit und Vielfalt im Gesang. Die Orchester spielen so laut heute, sagt sie, dass man sich als Sängerin an die Rampe stellen und brüllen und ziemlich auf die Tube drücken muss, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Also tritt sie ein für eine leisere Welt, so sagt sie es, in der auch weniger opulente, leichte Stimmen gehört werden. Und sie tritt ein für die strenge Textinterpretation, die ihr mehr bedeutet als die großen Gefühle. »Wenn man die Augen schließt und zuhört und versteht, ist mir das lieber, als wenn einer vorn die Arme ausbreitet, die hohen Töne rausschmettert, und alles klingt gleich.« Auch diese Haltung ist ihr schon verübelt worden, »Kühlschrank« hat man sie genannt. »Es kommt nicht bei allen gut an, dass ich auf der Bühne nicht den großen Rabatz mache«, sagt sie. »Aber es gibt ja auch Leute, die auf Hansi Hinterseer stehen und nicht auf Radiohead.«
Christine Schäfer wurde 1965 in Frankfurt geboren, Ihre Familie waren alteingesessene Metzger. Ihre Mutter war Sängerin im Chor, sie selbst interessierte sich schon in ihrer Jugend für moderne Opernkompositionen, lernte Cello und Klavier, war zu faul, um mit einem Instrument richtig gut zu werden. Aber die Musik sollte es sein. Vor dem Abitur brach sie die Schule ab und ging nach Berlin, um Gesang zu studieren. 1988 gab sie mit der Uraufführung von Aribert Reimanns Nacht-Räume bei den Berliner Festwochen ihr Debüt, den internationalen Durchbruch hatte sie 1995 bei den Salzburger Festspielen mit Alban Bergs Lulu.
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Das Album Arias, das in diesen Tagen erscheint, ist nun ein Querschnitt dessen, was sie bisher an der Oper gemacht hat, und ein bisschen mehr: »Ich singe auch Arien, die ich auf der Bühne nie singen würde, wie die der Desdemona im Otello.« Die Idee dazu, ihre Lieblingsarien aufzunehmen, hatte sie schon lange, fand es aber ohne Plattenfirma schwierig, alles auf die Beine zu stellen: einen Dirigenten, ein ganzes Orchester, den Aufnahmesaal. Ihre alte Plattenfirma, die Deutsche Grammophon, hatte sie vor ein paar Jahren kurzerhand verlassen – man wollte sie auf Linie bringen und erwartete PR-Auftritte. Danach produzierte Christine Schäfer Alben wie Winterreise selbst, das war aufwendig und riskant, aber wenigstens konnte sie machen, was sie wollte.
Vor Kurzem dann signalisierte Sony Interesse. Und die Plattenfirma ließ sie gewähren, sodass sie nun ein Album produziert hat, wie sonst Popbands Platten machen: Sie hat ihr Ding durchgezogen, wieder in ihrem Lieblingsstudio in Berlin, in dem sie sich unter 15 alten Röhrenmikrofonen das passende aussuchen kann, »das finde ich wichtig«. Und natürlich singt sie die Arien auf ihre Art: zurückgenommen, nicht nach außen gekehrt. »Gerade im italienischen Fach steht mir der Sänger zu sehr im Vordergrund, es zählt nicht das, was wirklich in den Noten steht. Da bin ich relativ puristisch, das wollte ich ein bisschen von meiner Seite aus beleuchten«, sagt sie, und da ist es wieder, das leise, ironische Lächeln.
Wie sie die Dinge beleuchtet, kann man auch sehr gut beim Unterricht in ihrer Meisterklasse beobachten, die sie in diesem Jahr zum ersten Mal an der Hochschule für Musik in Berlin leitet. Zehn junge Sänger und Sängerinnen sind hier, am Gendarmenmarkt, zusammengekommen, um alte Lieder zu singen, Brahms, Schubert, Schumann, Mendelssohn. Und es ist beinahe unglaublich, wie anders ein Lied klingt, nachdem Schäfer ihre zwei, drei Anmerkungen zu den Sängern gemacht hat: Was leise und was laut gesungen werden soll, wo mehr Tempo reinmuss, wo weniger Stimme, wo der Gesang trockener, wo er neckischer sein soll. »Sie müssen fühlen, dass der Frühling kommt«, sagt sie. Oder: »Den Schnee und den Wind ruhig angeberischer singen, dann klingt es bedrohlicher.«
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