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aus Heft 47/2011 Mode & Accessoires 9 Kommentare

High Heels für die Nase

Eine Brille ist heute mehr als nur eine Sehhilfe, viel mehr. Die Berliner Expertin Uta Geyer über das entscheidende Modeaccessoire der Gegenwart.

Von Thomas Bärnthaler (Interview)  Foto: David Fischer




Uta Geyer eröffnete 2006 in Berlin das Brillengeschäft »Lunettes Brillenagentur«, das heute als erste Adresse für Vintagebrillen in Deutschland gilt. Neben Raritäten aus alten Lagerbeständen bietet die studierte Kulturwissenschaftlerin dort auch Brillen ihres eigenen Labels »Lunettes« an, die sie von einer kleinen italienischen Manufaktur herstellen lässt.

SZ-Magazin: Frau Geyer, können Sie uns den modischen Siegeszug der Brille erklären? Früher galt sie als Prothese, heute tragen selbst Leute eine Brille, die keine Sehschwäche haben.

Uta Geyer: Die Brille ist ein Gestaltungselement. Und zwar ein sehr mächtiges, da sie, anders als Kleidung, im Gesicht Verwendung findet, vor den Augen, also da, wo man immer hinschaut. Sie kann einem Menschen ein ganz neues Erscheinungsbild verpassen oder die Persönlichkeit unterstreichen.

Sie kann ein Gesicht aber auch beherrschen, verändern – nicht immer zum Guten.

Das stimmt: Eine Brille kann ganz viel mit einem machen, sie kann auch maskieren. Mittlerweile ist sie so tief verwurzelt in unserer Kultur, dass man verschiedene Brillentypen unterscheiden kann. Die verkniffene Rechtsanwaltsbrille beispielsweise, die massive und skulpturale Architektenbrille, die brave Sekretärinnenbrille, seit ein paar Jahren die markante Nerdbrille.

Was wir heute Nerdbrille nennen, war vor etwa dreißig Jahren die klassische Politikerbrille, eine Art gesichtsfüllender Panzer, Beispiel: der frühere FDP-Minister Wolfgang Mischnick. Jetzt tragen Leute wie Pofalla, Wulff und Rüttgers am liebsten randlos. Was sagt uns das über unsere Zeit?
Die randlose Brille ist auch ein Statement: Ich scheue mich, ein Statement zu setzen, und trage daher eine feige Brille. Da steckt ein Stück Unentschlossenheit und Halbherzigkeit drin. Vor allem Kalkül. Dann doch lieber gleich Kontaktlinsen, finde ich. Beckmann und Jauch scheinen das gespürt zu haben und haben vor Kurzem auf markantere Modelle umgesattelt – so eine weichgespülte Version der Nerdbrille.

Nicht durchgesetzt hat sich Helmut Kohls Kassengestell.
Obwohl er damit eine Ära prägte. Helmut Kohl trug früher diese typische Sechzigerjahre-Brille aus Horn und paffte dazu Pfeife. Erst Ende der Siebzigerjahre schwenkte er auf diese kastige Metallbrille um. Es gibt das Gerücht, dass er diese Brille auch noch trug, als er aufgrund seiner Altersweitsichtigkeit, die seine Kurzsichtigkeit ausgeglichen hatte, gar keine Brille mehr benötigte. Einfach weil diese Kassenbrille Volksnähe signalisierte: Seht her, ich bin einer von euch. Er war damit das Gegenteil von Brioni-Schröder.

Kann jeder Brille tragen?
Es kommt auf die Situation und die Persönlichkeit an. Wenn eine Frau zum Beispiel sehr traditionell heiraten will, mit schulterfreiem Kleid und Schleier, wird es schwierig, eine Brille zu finden, die dazu passt.

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Kate Middleton hätte also nicht mit einer Brille vor den Altar treten können, selbst wenn sie Brillenträgerin wäre?
Es hätte jedenfalls seltsam ausgesehen, oder? Wenn überhaupt, passt dazu eine Cateye-Brille aus den Fünfzigerjahren in Weiß. Generell empfinden viele Frauen die Kombination Brille und Abendmode als problematisch.

Männer nicht?

Im Gegenteil. Männer können Smoking und Brille tragen. Das gibt ihnen eine gewisse repräsentative Aura. Ganz so weit sind die Frauen noch nicht.

Warum hinken sie gerade in diesem Punkt hinterher?
Frauen haben die Brille später entdeckt, erst so ab den Dreißigerjahren. Zum Beispiel die Flapper – Frauen, die rauchten, Bopfrisuren trugen, und wenn sie ihren Intellekt unterstreichen wollten, auch Brille. Aber noch bis in die Fünfziger hinein war die Brille bei Frauen verpönt.

Aber war das nicht genau die Zeit, als die Cateye-Brillen großer Trend wurden?
Schon, aber noch in Wie angelt man sich einen Millionär? stolpert Marilyn Monroe halb blind zu ihren Dates, weil sie vorher immer ihre Brille abgesetzt hat. Diese klassische Rollenverteilung, dass die Frau für den Mann schön zu sein hat, hält sich bis heute. Man muss als Frau schon selbstbewusst sein, um Brille zu tragen.

Kommentare

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Kommentar:

  • uli moesslang (0) Hallo, es geht noch viel einfacher und billiger ohne neue Gläser.
    Wer hats erfunden............ ein Österreicher und das Beste, zu haben ist es
    bei Optik Heydenreich in München, ein Antibeschlagmittel das auch auf sogenannten Lotusbeschichtungen sicher hilft.
    http://www.optikheydenreich.de/top_clar_...
    info@optikheydenreich.de

    Viele beschlagfreie grüße aus München
    Uli Mößlang
  • Carsten Köhler (0) Hallo Herr Bärnthaler,

    ich sende Ihnen zwei Links. Der eine wird Sie sicher zum Schmunzeln bringen. Die Optifog Gläser gibt es bei uns und Ulm ist ja nicht so weit. Wir sehen uns.

    http://www.facebook.com/optikmersmann
    http://www.facebook.com/l.php?u=http%3A%...

    Ihr Carsten Köhler
    Optik Mersmann
  • julia both (0) Im Rahmen meiner Diplomarbeit ?Identity-Branding: Die Brille zwischen Prothese und Performanz? an der Universität der Künste Berlin, beschäftigte ich mich mit der Kulturpraxis der Brille. Folgendes habe ich zum Kohl-Brillen-Dilemma hinzuzufügen:
    Auch wenn es vielen noch immer schwer fällt die Brille auch mal losgelöst von ihrer Funktion als Sehhilfe zu betrachten und obwohl die ersten performativen Brillenstrategien im 15. Jahrhundert wurzeln, gewinnt die Funktion der Brille als Inszenierungsmittel seit dem beginnenden 20. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung. Auch das obige Interview nimmt die Kulturpraxis der Brille genauer unter die Lupe.
    Zum Thema: Es ist ein hinreichend belegter Fakt, dass Helmut Kohl irgendwann keine Brille mehr brauchte. Dabei spielt es keine Rolle, ob eine angehende Altersweitsichtigkeit die gewohnte Kurzsichtigkeit hundert Prozent ausgleichen kann oder nicht. Die Frage stellt sich nämlich nicht. Es stellt sich aber eine andere Frage: Nutzte Helmut Kohl seine Brille auch als Inszenierungsmittel?
    Und die Antwort ist: ja: Der so genannte ?Anti-Star? Helmut Kohl wusste um das performative Potenzial der Brille. So inszenierte er sich nicht nur mit unterschiedlichen Brillenfassungen, sondern präsentierte sich mit Brille, obwohl er keine mehr brauchte. So schreibt der Tagesspiegel am 24.08.2009: ?Als bei Helmut Kohl in den achtziger Jahren eine einsetzende Altersweitsichtigkeit seine Brille, die er wegen Kurzsichtigkeit trug, überflüssig machte, war er einige Male ohne Brille zu sehen. Seine Berater rieten ihm jedoch zur Brille: Da er mit ihr intellektueller wirke, brächte ihm das zwei bis drei Millionen Stimmen (rund fünf Prozent Wählerstimmen) ein. Fortan trug Helmut Kohl eine Brille mit Fensterglas?. Auch die Welt Online stellt 2005 fest: ?Kohl trug Fensterglas?.
    Es ist also ganz einfach: Helmut Kohl stand vor der Entscheidung, vor der viele in die Jahre gekommene Kurzsichtige stehen: Brille ja oder nein? Und der Herr hat sich auf Anraten seiner Imageberater erst einmal für die Brille entschieden, obwohl diese aus medizinisch/optischen Gründen nicht mehr notwendig gewesen wäre.


    http://www.tagesspiegel.de/kultur/warum-... 02.02.2011.

    http://www.welt.de/print-welt/article676... 02.02.2011.

    http://www.sueddeutsche.de/kultur/verbla... 10.02.2011.
  • Akram Husseini (0) Puhh, jetzt wird hier auch fachtechnisch kritisiert?Uta Geyer und Lunettes machen in Berlin einen riesen Job und auch wenn sie nur eine Quereinsteigerin ist, zum Glück weiß sie weit mehr über Brillen als viele unserer sogenannten Kollegen. Danke für die schönen Brillen die ihr führt und lebt. Sicherlich ist das Beispiel mit stark Kurzsichtigen Frauen Führungspositionen ungeschickt gewählt, aber auch sicher nur um zu zeigen wo die Problematik liegt. Man sollte nicht immer alles auf die Goldwaage legen.

    Ebenfalls ein Brillenverkäufer mit Leidenschaft und -6.0 dpt
  • anja ludwig (0) Unabhängig von den Diskussionen zum Thema Dioptrien (ich bin übrigens mit -7,5 dabei)... Die Lunette-Kollektion ist wirklich sehr besonders. Die schönen handgearbeiteten Brillen habe ich übrigens in München entdeckt (www.schwittenberg.com)
  • Ghariba Boker (0) "Eine Frau mit einer Brille der Stärke minus 8 Dioptrien wird nie einen Job in einer Führungsposition bekommen." Danke, Frau Brillenverkäuferin! Gottseidank haben andere Menschen diese Behinderung bisher nicht als Indiz dafür gesehen, an meiner fachlichen Kompetenz zu zweifeln, sondern mir (links -8,75, rechts - 9,0) mit 30 die Leitung eines Instituts mit mehr als zwanzig Mitarbeitern anvertraut - wahrscheinlich, weil es vollkommen egal ist, vielleicht aber auch, weil niemals jemandem aufgefallen ist, dass ich stark kurzsichtig bin: Dieser großen Expertin ist wohl entgangen, dass moderne Gläser leicht und sehr dünn sein können, wenn man willens und in der Lage ist, dafür genug Geld auf den Tisch zu legen. Hinzu kommen noch Tricks wie der, dass die Gläser am äußeren Rand weniger Dioptrien haben als innen und daher nicht so dick überstehen. Wenn ich hin und wieder mal erkläre, ich sei stark kurzsichtig, ernte ich in der Regel großes Erstaunen: "Aber du hast doch gar nicht so dicke Gläser" ist die Standardantwort. Natürlich sehen meine Augen kleiner aus als ohne Brille aber als "Mäuseaugen" habe ich sie noch nie empfunden. Und die starke Brechung, die mein Gesicht "einrückt", fällt komischerweise auch immer nur mir auf, nie den anderen. Aber dennoch, Frau Geyer: You made my day! Hätte ich es nicht anders erlebt, hätte ich mich jetzt unter die Decke verkriechen und alle Karrierepläne an den Nagel hängen können - Kontaktlinsen vertrage ich schon seit Jahren nicht mehr...
  • Eva Hawlitschek (1) Danke Nina Schneider! Auch wenn Herrn Kohls Kurzsichtigkeit abgenommen hat, so ist es jedoch unwahrscheinlich, daß er rechts und links genau 0,00 dpt hat. Außerdem benötigte er eine Lesebrille. Somit ist eine Gleitsichtbrille die komfortabelste Lösung, die er zum Anderen auch schon gewöhnt war!
    Daß die Optiker in den 70ern und 80ern sehr gut verdient haben ist richtig, aber leider meinten sehr viele Menschen, sie DÜRFTEN sich nur alle zwei bis drei Jahre, wenn man ein neues Brillenrezept vom Arzt bekommt, eine neue Brille kaufen. Man durfte sich auch OHNE Rezept eine neue Brille kaufen, man bekam halt nichts von der Kasse. Das war ein großes Mißverständnis!
    Es kann nicht jeder, auch wenn er möchte, Kontaktlinsen tragen. Seit meiner Lehre in den 80ern hat sich in Sachen Fassungs- und Glasmaterialien sowie - computerbedingt - in der Abbildungsqualität der Gläser enorm viel getan. Man kann fast alle Wünsche erfüllen.
    Ich sehe es als meine Aufgabe an, daß der Kunde mit einer Brille, die seinem Charakter entspricht, mit der er sich wohlfühlt, die ihre Funktion erfüllt und von optischer Seite her korrekt ist aus dem Laden geht.
    Und zu Thomas Bärnthalers Anliegen gibt es seit kurzem eine Lösung. Einer der renommiertesten Brillenglashersteller mit Sitz in Braunschweig und Freiburg stellt Gläser mit Optifog-Beschichtung her.
  • Nina Schneider (0) Eine Altersweitsichtigkeit kann Kurzsichtigkeit nicht ausgleichen, das könnte man als Brillenverkäuferin schon mal wissen.
  • Walter Hofmeister (1) Es ist ja schön, wenn Menschen die Brille als Acressoirs begreifen. Mir ist das jedoch völlig fremd. Ich trage, nachdem ich keine Kontaktlinsen mehr vertrage, eine möglichst leichte Brille mit ca. -7 Dioptrin. Wenn ich mich an die Panzergestelle meiner Jugend erinnere, dann fallen mir zuerst die Druckstellen auf der Nase ein.
    Für mich steht die Funktion meiner Brille im Mittelpunkt: möglichst gut sehen! Dabei bin ich froh auf eine randlose Titanbrille zurückgreifen zu können. Die ist stabil, leicht und ich spüre sie kaum.
    Noch ein Wort zu der Inianerhäuptlichgsfrau in Modefragen: Es gibt auch so etwas wie Minimal Art.
    Bei den Scheuklappen im Gesicht, wie sie die Dame trägt, ist ihr das offensichtlich entgangen.