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aus Heft 47/2011 Die Gewissensfrage 4 Kommentare

Die Gewissensfrage

Sollte man sein Altpapier im Flugzeug mit zurück nach Deutschland nehmen, wenn man es am fernen Ort nicht fachgerecht zum Recycling geben kann?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Marc Herold

»Ich muss beruflich sehr viel fliegen. Trotzdem versuche ich, ein umweltbewusster Mensch zu sein, zum Beispiel indem ich zu Hause recycle, was möglich ist. Unterwegs ist das schwierig, die Zeitung, die ich in Shanghai oder Los Angeles lese, wird dort eher nicht korrekt wiederverwertet. Daher fliege ich oft mit größeren Mengen Altpapier im Gepäck zurück, um es zu Hause in den Altpapiercontainer zu werfen. Allerdings verbraucht unser Flugzeug durch das höhere Gewicht mehr Kerosin. Mache ich es also falsch?« Franc T., Berlin





Was für eine absurde Idee, dachte ich im ersten Moment. Aber ich nehme meine Leser und meine Arbeit ja ernst, also forschte ich nach – und muss mich entschuldigen: Gar so abwegig ist die Idee nicht. Meinen Recherchen zufolge kann man aus 1 kg Altpapier 180 Blatt Recyclingpapier DIN A4 herstellen. Dadurch spart man 2,7 kg Holz, 28,5 l Wasser 5,8 kWh Energie und 0,2 kg CO2-Emission. Auf der anderen Seite nannten mir Fluggesellschaften als Mehrverbrauch auf den von Ihnen genannten Flügen pro Kilo transportiertes Altpapier je nach Flugzeugtyp etwa 0,35 bis 0,5 kg Kerosin, das entspricht ca. 4,5 bis 6,5 kWh oder 1 bis 1,5 kg CO2. Das spräche eher gegen den Transport. Es bleiben jedoch große Unsicherheiten, unter anderem weil die Einsparung an Wasser und Holz beträchtlich ist – 2,7 kg Holz haben immerhin über 10 kWh Brennwert – und andererseits Abgase in großen Höhen stärker klimaschädlich wirken. Fazit: Für eine wirklich verlässliche Antwort, was nun besser sei, so die Aussage der befragten Experten, müsste man eine ziemlich aufwendige, wissenschaftlich fundierte Ökobilanz in Auftrag geben.

Eigentlich wird es erst hier wirklich interessant für die Moral: Wie geht man damit um, dass man nicht alle Fakten für alle Lebensbereiche recherchieren kann und in vielen Fällen schlicht nicht weiß oder gar wissen kann, welches Verhalten besser ist? Vielleicht handeln Sie objektiv falsch – aber vorwerfbar im moralischen Sinn ist das nur dann, wenn man anders, besser handeln kann. Und das wiederum setzt voraus, dass man weiß, was besser ist. Allerdings darf man sich dabei nicht auf Nichtwissen ausruhen, sondern muss sich als aufgeklärter Mensch informieren: Sapere aude! – habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Auch wenn es mühsam ist.

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Was sollen Sie nun konkret tun? Da auch intensive Nachforschungen keine klare Antwort erbrachten, können Sie sich theoretisch so verhalten, wie Sie es wollen. Allerdings sprechen mehr Anhaltspunkte gegen den Papiertourismus, und bei einer Wahrscheinlichkeitsabwägung gibt das den Ausschlag. Aber als Nebeneffekt hat Ihre Frage ziemlich deutlich illustriert, wie viel Umweltschutzpotenzial im Papierrecycling steckt. Und das halte ich – zumindest für zu Hause – vielleicht sogar für das wichtigste Ergebnis.

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Interessant zu diesem Thema:

Ökologischer Vergleich von Büropapieren in Abhängigkeit vom Faserrohstoff im Auftrag der „Initiative Pro Recyclingpapier“, IFEU Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg GmbH August 2006.

Auf der Basis dieser Studie bietet die Initiative Pro Recyclingpapier auf ihrer Homepage einen sogenannten Nachhaltigkeitsrechner.

Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Berlinische Monatsschrift 4 (1784) S. 481-494. Abgedruckt zum Beispiel in der interessanten Textsammlung „Was ist Aufklärung?" mit Texten von Kant, Erhard, Hamann, Herder, Lessing, Mendelssohn, Riem, Schiller und Wieland, herausgegeben.


Kommentare

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  • Carsten Michael (0) Ach, jetzt hab ich's: 1 Teil Kohlenstoff, 2 Teile Sauerstoff. Alles klar ...
  • Carsten Michael (0) Bringt uns hier in Gewissensfragen nicht weiter, aber eines wundert mich: Wie können 0,5 kg Kerosin denn 1 bis 1,5 kg CO2 entsprechen?
  • Sybille Fischer (0) Wer über großen Papierkonsum nachdenkt, könnte aber auch einfach drüber nachdenken, das Papier ganz zu verbannen, zum Beispiel mit einem entsprechenden e-book Reader. Der braucht zwar einmalig auch Ressourcen und zum Unterhalt Strom. Das dürfte sich aber - je nachdem wie viel Papier und ähnliches man damit einspart - mehr oder weniger bald ausgeglichen haben. Und Gewicht brauchts auch wesentlich weniger.
  • Maik Koch (0) Um die Frage beantworten zu können müsste man meiner Meinung nach erstmal überprüfen ob man von richtigen Annahmen ausgeht. So kann ich mir nicht vorstellen, dass es in den USA und in China kein Papierrecycling gibt. Die Frage beinhaltet eher die Deutsche (Öko-) Überheblichkeit, dass hier alles besser läuft!
    Interessant wäre auch die Variante, dass die Zeitungen aus einem Entwicklungs-/Schwellenland mitgenommen wird. Wer und unter welchen Maßstäben kann hier bewerten wie der Wertstoff am sinnvollsten genutzt wird. So könnte das Papier ja auch einer armen "Müllsammler-Familie" zum Anzünden des Ofens dienen! Ist das wirklich "schlechter" als unser westliches Recycling?