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aus Heft 47/2011 Bayern 9 Kommentare

»Ich sinnlose vor mich hin... und das mit Begeisterung!«

Gerhard Polt spricht über die Langeweile.

Von Alex Rühle  Foto: DDP




SZ-Magazin: Herr Polt, wie geht es Ihnen?
Gerhard Polt:
Dazu hat mir ein Freund kürzlich eine Geschichte erzählt. Sein Vater, ein alter Bauer, wurde mal ganz arglos gefragt: »Wie geht’s?« Da sagte der ganz misstrauisch: »Ich sauf immer noch meine sechs Maß!« Für den war das keine freundliche Frage nach seinem Befinden, sondern eine Fangfrage. Der fühlte sich beobachtet, als sei er wertlos: Warum fragt der mich jetzt, wie’s mir geht?

So entspannt, wie Sie dasitzen, wirken Sie nicht so, als würden Sie sich wertlos fühlen.
Polt schweigt.

Wir würden gern mit Ihnen über die Langeweile reden.

Sehr schönes Thema. Herrlich. Wobei – wenn wir jetzt nur über Langeweile reden, das wird auch langweilig. Es ist ja interessant, was wir in unserer Gesellschaft alles unternehmen, um gegen die Langeweile vorzugehen. Aber die Menschen haben ja immer schon ein Spektakel gemacht, um Stimmung in die Bude zu bringen, haben Leute von Krokodilen fressen lassen, geköpft, als Hexen verbrannt. Ich bin da nicht zuständig, aber vielleicht haben Menschen Kriege zum Teil nur angezettelt, um der Langeweile zu entgehen. Vielleicht gibt’s nicht nur Wirtschaftskriege, sondern auch Kriege aus Langeweile.

Haben Sie das Gefühl, dass die Langeweile heute noch stärker bekämpft wird als früher?
Natürlich. Mit dem Unterschied, dass man die Langeweile mit den Methoden der Langeweile bekämpft. Die ständige Action, die man gegen die Langeweile organisiert, ist ja zum größten Teil dermaßen langweilig …

Es gibt auch schöne Langeweile.
Die Muße, ja. Die Zeit, in der der Mensch nicht handeln muss, in der er eben gar nichts muss, sondern nur so herumschildkrötelt. Er hat nicht das Damoklesschwert der Produktivität über sich schweben, sondern tut einfach, was ihm einfällt. Oder er tut auch nicht, was ihm einfällt, das ist vielleicht noch schöner.

Wenn man Sie so ruhig dasitzen sieht, wirken Sie eher wie die Inkarnation des Müßiggangs.

Ich sinnlose vor mich hin, und das mit Begeisterung. Wenn nichts passiert, passiert ja nur scheinbar nichts, weil irgendwas passiert ja immer, und wenn eine Ameise übern Sandboden läuft oder Staubpartikel durchs Fenster sichtbar werden, weil die Sonne reinscheint. Die Frage ist, ob es einem gelingt, sich diesem Angebot zu öffnen.

Aber ist es in diesen dramatischen Zeiten nicht schwerer, vor sich hin zu sinnlosen?

Dramatisch? Warum jetzt das?

Na, Griechenland, Europa, die Banken. Haben Sie keine Angst um den Euro?
Ich hab um gar keine Währung Angst. Da inflationiert sich zwar was zusammen, aber es wird immer Leute geben, die wissen, wie man einen guten Wein oder ein leckeres Schnitzel macht.

Sie haben nicht den Eindruck, dass es momentan schwerer ist mit dem Müßiggang?
Diese unglaubliche Erregtheit, der Ratingstress, das totale Evaluieren, das ist tatsächlich unerträglich. Dabei weiß doch jeder aus der Musik: Das Entscheidende sind die Pausen. Die Ruhe, vor der die Musik überhaupt nur hörbar wird. Das haben die Ökonomen in ihrer Weltanschauung vergessen: Es gibt kein Rating für Muße.

Was muss man tun, um ein professioneller Dasitzer zu werden? Muss man mit sich im Reinen sein?
Wenn man sich an den Strand knallt und von der Sonne so lange das Hirn ausdörren lässt, bis man nur noch ein Zellkomplex ist, der keine Regungen mehr spürt, dann ist das nicht die hohe Schule der Langeweile. Zur richtigen Langeweile gehört dieses Ruhige, ein ruhiges Genießen von Gerüchen. Da riecht’s nach Heu, und dazu gesellt sich der Duft von Wiener Schnitzel, der vorüberzieht. Oder man hört in der Ferne Kinder schreien und versucht, die verschiedenen Stimmen auseinanderzuhalten. Aber wenn man das macht, braucht man – das ist das Banalste – Zeit.

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Gut, Zeit. Was braucht man noch?
Die Frage ist: Wie viel an Langeweile ist man fähig zu ertragen? Mir hat einmal ein Jugoslawe gesagt: »Weißt du, hab ich erlebt Erstes Weltkrieg, Zweites Weltkrieg, Revolution weiß ich nicht, fünf-, sechsmal, Verkehrsunfall hundertmal, weiß ich nicht, und trotzdem – Leben stinklangweilig.« Langeweile ist für viele höchst bedrohlich, weil sie sich nutzlos fühlen. Warum können andere ohne Grund lachen, warum kommen die mit den primitivsten Dingen wunderbar zurecht? Wenn die dann Leute sehen in Nordjakutien, die da im Iglu nisten und froh sind, weil sie leben – da bekommen viele eine Krise.

Brauchen Sie das Herumschildkröteln, um produktiv sein zu können?
Kann sein, aber beim Herumschildkröteln erwart ich mir nichts. Ich sitz ja nicht herum, um produktiv zu sein, sondern um herumzusitzen. Die Produktivität muss da nicht stattfinden.

Wann findet sie bei Ihnen statt?

Ich hab keine Bilanz für so was. Einer sagt vielleicht: Au, in drei Wochen fängt das Programm an, jetzt muss ich mal was schreiben. Und der andere sagt: Ich sammle eben, und es kommt, und dann kommt wieder lang nix. Ich kultiviere eben dieses Vor-mich-hin-Sinnlosen.

Wenn Sie so rumsinnlosen und nach Themen für Ihre Arbeit suchen:
Hören Sie dann einfach zu, wenn andere reden, oder verwickeln Sie Menschen ins Gespräch?

Das schließt einander nicht aus. Oft muss man ja gar nicht nachfragen. Ist doch wunderschön, wenn einer sagt: »Ich hab ihm nicht gesagt, dass ich ihn erschieße, ich habe nur gesagt, so einer wie der würde früher standrechtlich erschossen worden sein.« Was sollte ich dem hinzufügen? Das bedarf doch keiner Erläuterung.

Was ist Ihnen als Letztes zugetragen worden?
Vor Kurzem hab ich mich im Tegernseer »Bräustüberl« mit einem Herrn unterhalten, der sich immer mehr erregt hat. Das war herrlich.

Worüber hat er sich erregt?
Über die Welt. Dem hat es vollkommen genügt, dass er sagen konnte: Es ist ein Saustall. Er musste nicht genau sagen, warum, weshalb, wozu, aber es ist ein Saustall, Prosit. Die Tatsache, dass alles ein Saustall ist, hat ihn so erregt, dass er natürlich noch freudiger dem Bier zugesprochen hat. Da freu ich mich dann, wenn so jemand nicht irgendwann schweigt, sondern vom Hundertsten ins Tausendste kommt – diese irrsinnigen Gedankensprünge, das ist toll.

Und wo ist der hingesprungen?
Zum Zug. Der musste leider gehen. Er hat gesagt, er hätte gern noch einiges erläutert, aber er müsse jetzt nach München. Der war zwar sowieso schon fast am Höhepunkt, aber ich glaube, er hätte den allgemeinen Saustall gern noch etwas intensiver beschrieben.

Gehen Sie oft gezielt ins Wirtshaus?
Ich glaub, ich bin noch nie irgendwo hingegangen mit dem Ziel: Jetzt kauf ich mir ein Bier, um eine Geschichte zu hören. Wenn man irgendwo hinkommt, dann gerät man auch irgendwo hinein, wenn man will.

Und wo kann man am besten schildkröteln?
Vor dreißig Jahren war die Grundsituation zum Schildkröteln viel günstiger. Da gab es diese als Gaststätten getarnten Wärmestuben. Die Leute haben dort Schach gespielt und hatten Zeit. Solche Leute sieht man heute seltener. Außerdem sterben die klassischen Lokale aus, in denen Kartenspieler und Dissidenten einfach nur herumsitzen.

Das andere Problem ist, dass die Leute heute so wenig Zeit haben. Wie kann man es einrichten, dass man arbeitet und zwei kleine Kinder hat – und trotzdem die Muße nicht stirbt?
Die stirbt ja schon deshalb nicht, weil die Kinder da sind. Die Art, wie Kinder erzählen und berichten, das ist für sich genommen oft schon wert, dass man es weitererzählt. Und es genügt dann nicht, wenn ich das einem erzähle oder zweien, sondern wenn ich wirklich begeistert bin, dann lauf ich durch die ganze Firma und erzähl’s jedem, auch dem Pförtner.

In einem Büro kann man damit den Kollegen ganz schön auf die Nerven gehen.
Wenn andere sagen: Das gibt’s ja nicht, jetzt ist der immer noch begeistert von seiner Anekdote, dann müsste man sagen: So, jetzt erzähl ich Ihnen erst recht, was mein Kind erzählt hat! Ich habe früher nie ein Foto von meinem Sohn dabeigehabt. Wenn mich einer nach dem gefragt hat, hab ich gesagt: Wenn du dir die Zeit nimmst, dann erzähl ich dir mein Kind. Ein Foto ist platt, da betrügt man den anderen um die Mitteilung. Der schaut das Bild an und sagt: Aha, und dann kann ich’s wegstecken, aber wenn ich erzähle, wie er sich schneuzt, was er gestern angestellt hat, wie ungern er in die Schule geht, das ist doch schön. Und dazu brauch ich Zeit. Da kann ich problemlos eine Stunde füllen. So ein Foto ist der Versuch, all das zu verkürzen. Man bestiehlt sich seiner Erinnerungen, in denen man schwelgen könnte. Das Dokumentieren ist eine teuflische Sache, da kann man nicht mehr viel romantisieren.

Kommentare

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Kommentar:

  • Sabine Risse (0) Das wäre ein Mann fürs..................
  • Martin Sutermann (0) Aus "Schuldenkrise" wird "Kelch des Ruins" (Anagramm)

    Lustige Anagramme auf "Schuldenkrise":
    Kelch des Ruins,
    Kurs deichseln,
    Chinese LSD Kur,
    schinde Klerus,
    Kelch des Urins,

    endlicher Kuss,
    Kurs schielend,
    CDU Seher links,
    LSD Kirsche neu,
    ich UDSSR Enkel,

    Schuldenkreis,
    Drinkschleuse,
    sie Schundkerl,
    CDU Hirn Ekel SS,
    CSU LSD Einkehr

    Quelle: http://www.facebook.com/lustige.anagramm...
  • thomas egerer (0) Herrlicher Zeitvertreib!
    Könnte man stundenlang weiter lesen.
  • Matthias Wilckens (0) schön!
  • Matthias Stadler (0) Sehr schönes Interview. Vor allem der erste Teil sehr passend zur Vernissage ?TAM TAM? am 2.12 im Pathos:
    DEFINITION TAM TAM: "Erregung von Aufmerksamkeit durch große Aufregung, lautes Getue oder aufwendige Aktionen"
    GEBRAUCH : "umgangssprachlich abwertend"
    GRUND : "Einer Nichtigkeit wird übertrieben viel Aufmerksamkeit geschenkt" (Vgl. Duden).
    FRAGE : "Was tun, um seine Zeit nicht zu verlieren?"
    ANTWORT : "Sie in ihrer ganzen Länge auskosten."
    MITTEL : "Tagelang auf einem unbequemen Stuhl im Wartezimmer eines Zahnarztes sitzen, den Sonntagnachmittag auf seinen Balkon verbringen, Vorträge anhören in einer Sprache, die man nicht versteht; in der Eisenbahn die
    längste und umständlichsten Strecken fahren, selbstverständlich stehend; am Vorverkaufsschalter eines Theaters Schlange stehen und keine Karte lösen usf. usf." (ALBERT CAMUS: Die Pest)
  • Jürgen F. Liedtke (0) ...ich habe jetzt ein besseres Gefühl a) was meine extrem lässige Kindheit betrifft und b) weil meine Urlaube doch viele Gemeinsamkeiten aufweisen...
    ...nur Frau Christiansen konnte ich noch nicht absagen - Danke! :-)
  • ein niederbayer (0) Interviews mit Gerhard Polt sind immer herrlich, herrlich anders. Die Dialoge haben stets etwas valentineskes. Es ist schön mal etwas anderes zu lesen, als den sonst üblichen Einheitsbrei.
  • Harald Wex (0) Es gab in den letzten drei bis vier Jahrzehnten in Deutschland zwei große
    philosophische Humoristen; einer davon, Loriot, ist leider von uns gegangen.
    Der andere, Polt, hat es wie Loriot verstanden, uns die Komik bzw. Absurdität
    des Bürgertums vor Augen zu halten. Wobei Polt das mit einer ungleich größeren gesellschafts-politischen Schärfe macht als das Loriot getan hat. Bei Polt bleibt der aufkommendeHumor schon mal im Halse stecken. Beide sind von einem heutigen Brachialhumor sehr weit entfernt und es steht zu fürchten, dass es momentan keine Nachfolger gibt. Darum hoffe ich, das Polt uns weiterhin mit seinen humoristisch verpackten scharfsinnigen Analysen erfreuen wird. Es tat mir damals ein bisschen weh, das beimTode Loriots der Name Polt als den zweiten Großen nicht gefallen ist, auch wennseine sprachliche Wurzel im bayrischen beheimatet ist.
  • Siegfried Chambre (0) Genial.