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aus Heft 49/2011 Sprache

»Kruzifix Sakrament Hallelujah!«

Max Fellmann (Interview)  Fotos: Getty, privat, Photocas: mi.la

Warum fluchen wir? Wie fluchen wir? Und wer flucht am lustigsten? Ein Gespräch mit dem Schimpfwortforscher Reinhold Aman.


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SZ-Magazin: Herr Aman, was war die schönste Beschimpfung, die Sie in letzter Zeit gehört haben?

Es gibt im Jiddischen einen Fluch, den ich sehr gern mag: »Drei Schiffsladungen voll Gold sollst du erben, aber es soll dir nicht reichen, um deine Arztrechnungen zu begleichen!«

Wie ging das alles los, seit wann flucht der Mensch?
Flüche und Beschimpfungen gibt es, seitdem es Menschen gibt. Wir haben natürlich keine schriftlichen Belege, wie die Neandertaler vor 100 000 Jahren schimpften. Das erste mir bekannte Schimpfwort ist »Hund«, das in einem Gedicht in der altindischen Rigveda vorkommt, die vor rund 3000 Jahren entstanden ist. Ungefähr ebenso alt sind ägyptische Flüche, da wurde zum Beispiel gedroht: »Ein Esel soll dich vögeln!« Diese Beschimpfung wird noch heute in arabischsprachigen Ländern benutzt. Und man könnte auch sagen: Der erste und älteste Flucher ist Gott – in der Bibel verflucht er die Schlange und Kain. Die Bibel ist ja sowieso voll mit Schimpfwörtern, von »Giftschlangenbrut« bis »Otterngezücht«.

Warum flucht der Mensch überhaupt?

Weil er sich ärgert und der Ärger irgendwie rausmuss. In der Psychologie spricht man von einer Kausalkette aus drei Elementen: Frustration, Affekt, Aggression. Anders gesagt: Es passiert etwas, Sie regen sich auf, und das muss raus. Falls es einen Schuldigen gibt, richtet sich das natürlich gegen den.

Wie entstehen Flüche? Spontan? Oder durch Nachdenken?
Fast immer spontan, denn sie sind ja ein blitzartiges Abreagieren. Der Rechner stürzt ab, und schon schimpft man automatisch: »Scheißcomputer, verfluchter!« Natürlich gibt es auch Flüche und Beschimpfungen, die man sich sorgfältig ausdenkt und dann einem anderen brieflich oder elektronisch schickt. Viele Schriftsteller und Künstler sind ja dafür bekannt, dass sie ihre ungeliebten Kollegen schriftlich zur Sau machen.

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Welches Volk flucht am fantasievollsten?
Von den vielen Völkern und Gruppen, die ich in den letzten 45 Jahren untersucht habe, sind die osteuropäischen Juden Weltmeister im Fluchen. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens wurden sie jahrtausendelang verfolgt und hatten im Gegensatz zu den heutigen Israelis keine Waffen, um sich zu verteidigen, deshalb haben sie Wörter als Waffe benutzt. Zweitens kann Jiddisch seine verbale Munition aus drei Sprachgruppen schöpfen: aus dem Deutschen, den slawischen Sprachen und dem Hebräisch-Aramäischen. Dazu kommt viel Intelligenz und Scharfsinn.

Ein Beispiel, bitte.
Die meisten Flüche der Juden handeln von drei Themen: Gesundheit, Geld und Religion. Aber sie sind immer unterhaltsam: »Berühmt sollst du werden – man soll eine Krankheit nach dir nennen!« oder »Mögen alle deine Gläubiger stets deine Adresse haben!«

Wer flucht noch unterhaltsam?
In Zentralafrika gibt es die schöne Beschimpfung: »Dein Gesicht ist so runzlig wie ein Elefantenarsch!«

Klingt doch eher lustig.
Sagen Sie das mal zu einer Frau, die etwas älter ist. Sie werden ja sehen, ob die das lustig findet.

Noch ein Beispiel, bitte.
Die Perser sagen »Ich furze in den Bart deines Vaters!« Der Vater hat ja in vielen Kulturen das höchste Ansehen, und ihm in den Bart zu furzen, ist eines der ehrenrührigsten Dinge, die man machen kann.
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Max Fellmann

, 41, mag Beschimpfungen, die ohne Kraftworte auskommen, zum Beispiel Groucho Marx’ legendäre Bemerkung zu der Frau, die sagte, sie gehe auf die 40 zu: »Aus welcher Richtung?«

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