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aus Heft 49/2011 Gesellschaft/Leben

Es geht nicht um viel. Es geht um alles

Michaela Haas  Foto: Toby Binder

Die Rechnung ist ganz einfach: Wenn jeder von uns nur ein bisschen was beiträgt, ist die Weltarmut so gut wie beseitigt. Also: Was hindert uns daran?


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Eine Szene, wie sie in vielen Großstädten zu sehen sein könnte, hier  Buenos Aires: Janina, mit einer Micky-Maus-Puppe in der Hand. Sie ist sieben Jahre alt und lebt mit ihren Eltern seit Monaten auf der Straße.  


Als Kevin Salwen seine 14 Jahre alte Tochter Hannah von einer Party abholte, fiel ihr beim Stopp an einer roten Ampel ein Obdachloser mit einem handgemalten Schild auf: »Hungrig! Obdachlos!« Ein alltäglicher Anblick in einer amerikanischen Großstadt wie Atlanta. Gleichzeitig hielt rechts neben ihnen ein schwarzes Mercedes-Cabrio. Hannah schaute auf den Obdachlosen, dann zurück zum Mercedes und sprach den Gedanken aus, der ihr durch den Kopf schoss: »Wenn der Mann in dem Mercedes kein so schönes Auto hätte, könnte der Obdachlose etwas zu essen haben.« Ihr Vater, ein Journalist, schoss genauso impulsiv zurück: »Wenn WIR kein so schönes Auto hätten, könnte der was zu essen haben.«

Eltern von Teenagern sollten diese Ausgabe des SZ-Magazins möglicherweise nicht unbeaufsichtigt zu Hause rumliegen lassen. Hannahs Eltern jedenfalls mussten sich und ihren Lebensstil nach jenem Ampel-Stopp in hitzigen Diskussionen verteidigen: Sie würden doch bereits in einer Suppenküche aushelfen, argumentierten sie, und einem Wohlfahrtsverein spenden. Hannah verdrehte nur die Augen. »Was schlägst du denn vor? Sollen wir vielleicht unser Haus verkaufen?«, fragte ihre Mutter Joan, eine ehemalige Unternehmensberaterin, genervt. Sie war sich sicher: Der Idealismus der Tochter würde spätestens bei deren coolen Kinderzimmer mit der goldenen Zimmerdecke verebben.

Was tun? Genau betrachtet ist das nur eine persönliche Zuspitzung der Frage, die die Demonstranten der Occupy-Wall-Street-Bewegung, unzählige Spendenorganisationen zur Vorweihnachtszeit und das eigene Gewissen lautstark stellen. Nie war die Verteilung des Wohlstands auf der Welt ungerechter. Laut des jüngsten OECD-Berichts wird die Kluft zwischen Arm und Reich beständig krasser. Auch in Deutschland besitzen die reichsten zehn Prozent mehr als 60 Prozent, die unteren 50 Prozent gerade mal zwei Prozent des Vermögens. Gibt es irgendjemanden, der den »Hannah-Moment« nicht kennt – die Frage, was machen wir mit dem Obdachlosen am Straßenrand, den Bettelbriefen in unseren Briefkästen und den hungernden Somaliern auf unserem Flachbildfernseher? Ignorieren? Scheck schicken? Wie sieht eine angemessene, ehrliche Reaktion aus, wenn wir die Zahlen und Bilder wirklich ins Bewusstsein sickern lassen?

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Hannah Salwen überlegte auf die Frage ihrer Mutter keine Sekunde: »Genau! Wir verkaufen unser Haus!« Ein Jahr lang trafen sich Hannah, ihr zehn Jahre alter Bruder Joseph und ihre Eltern jeden Sonntag zu einem »Business-Termin« mit Bagels. Jeder brachte seine Argumente an den Küchentisch, jeder hatte das gleiche Stimmrecht, jeder recherchierte: Welches Anliegen ist am dringendsten? Sauberes Trinkwasser, Malaria oder Hunger? Wo wirkt Hilfe am effektivsten? Dann verkaufte die Familie ihr Traumhaus in Atlanta und tauschte ihre 560 Quadratmeter mit Garten gegen ein halb so großes Durchschnittshaus. Die Differenz, rund 600 000 Euro, investierten sie in mehrere Dutzend Dörfer in Ghana, um 30 000 Afrikanern, die unter der Armutsgrenze lebten, mit Mikrokrediten eine neue Existenz zu ermöglichen. »Wir fanden, dass wir mit dem Geld in Afrika am meisten bewirken konnten«, sagt Hannah, mittlerweile 19 Jahre alt, »aber was uns überrascht hat, war, dass uns das Ganze als Familie viel näher zusammengebracht hat. Vorher hat jeder sein Ding gemacht. Die Diskussionen und unsere Reise nach Ghana haben uns zusammengeschweißt.«
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Michaela Haas

, 41, lebte einige Jahre in Asien und fand den Gegensatz zwischen Arm und Reich dort unerträglich: Menschen sterben auf der Straße, während ein paar Blöcke weiter Luxuswohnungen gebaut werden. Seit diesem Jahr ist Haas im Vorstand von »Lotus Outreach International«, einer Organisation, die sich vor allem für Mädchen und Frauen in den ärmsten Regionen Asiens einsetzt.

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