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aus Heft 49/2011 Internet

Sofort abschalten!

Christian Nürnberger  Illustration: Dirk Schmidt

Warum liefern wir uns Facebook und Google so aus? Die Konzerne sammeln all unsere Daten – und machen uns zu gläsernen Menschen. Es wird Zeit, ihre Macht zu brechen.

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Totale Kontrolle: Sein Profil vor Firmen wie Google oder Facebook zu verbergen, ist für Internetnutzer kaum noch möglich.

Mein erster, 7000 Mark teurer Computer war ein vier Kilogramm schwerer Laptop, der statt einer Festplatte ein zweites Diskettenlaufwerk hatte und unter MS-DOS lief. Seitdem habe ich brav jedes neue Betriebssystem erworben, von dem die Computerzeitschriften jedes Mal behaupteten, das sei nun der ganz große Wurf. Schon bald danach las man, wie das neue System zickt, was man tun muss, damit es nicht mehr zickt, und dass es aber bald ein Update geben wird, das die Zicken beseitigt.

Dieses Spiel von Hoffnung und Enttäuschung währte bis zu Windows 7. Als ich es frisch installiert hatte und einen Tag lang schwitzte, um alle Computer (für Vater, Mutter, Tochter, Sohn) und zwei Notebooks miteinander zu vernetzen, sagten meine Freunde, die Apple-Jünger, abermals: Bekehre dich. Steig um.

Endgültig zermürbt, dachte ich: Man kanns ja mal probieren.

Und tatsächlich: Der Mac Pro war in null Komma nichts angeschlossen und installiert, der Kontakt zum Apple-Notebook sofort hergestellt. Seit drei Jahren arbeite ich ohne Abstürze, ohne Viren, ohne Ärger.

Dieses Erlebnis führte zum Abschied von Nokia. Nokia hatte seine Handys über die Jahre mit immer mehr Funktionen verstopft, ohne am Bedienkonzept etwas zu ändern, mit der Folge, dass manche nicht einmal mehr telefonieren konnten, ohne vorher ins Handbuch zu schauen. Das iPhone war genauso vollgestopft, nur: Ich konnte alle Funktionen nutzen, ohne auch nur einmal ins Handbuch geguckt zu haben. Alles genial einfach. Das Erlebnis führte zum Kauf eines iPads.

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Nein, das wird jetzt keine weitere Werbung für einen milliardenschweren Konzern, der es versteht, die Medien und seine Kunden vor seinen Karren zu spannen. Gleich kommt’s anders, aber zuvor schnell noch ein Loblied auf Google, den idealen Partner fürs iPhone und iPad. Es gibt von morgens bis abends immer irgendetwas, was man gerade nicht weiß. Also zückt man sein iPhone und googelt. »Information at Your Fingertips« – von Bill Gates in den Neunzigerjahren als große Vision verkündet – ist realisiert worden von Google und Apple.

Abends vor dem Einschlafen lese ich meistens noch ein »richtiges Buch«, immer häufiger aber auch schon ein E-Book auf dem iPad. Nach der Lektüre kommt das iPad ins Dock, und ich starte die »Livelike«-App, die mir die Uhrzeit anzeigt und mich am nächsten Morgen mit Musik wecken wird. Das Schönste an dieser App ist der Ring oben links, mit dem man eine Jalousie abwärts über das Display zieht. Dann verdunkelt sich der Bildschirm, und man sieht nur noch die kleinen Leuchtziffern der Uhr.

Die Frau, die mich liebt, findet das alles ein bisschen übertrieben, um nicht zu sagen abartig. Niemals würde sie ein Buch auf dem iPad lesen, sagt sie. »Niemals« heißt bei ihr: zirka drei Jahre. Mit dieser Verzögerung folgt sie der technischen Entwicklung. Noch liest sie die Zeitung aus Papier. Nachdenklich aber wird sie, wenn sie auf dem engen Sitz im Flugzeug neben mir die große Zeitung mühevoll umblättert, während ich zum Blättern aufs handliche Display tippe. Schon vor der Reise hatte sie sich geärgert, dass sie genau überlegen musste, welche Bücher sie mit in den Urlaub nimmt, und dass diese so schwer sind, während ich unbekümmert sagte: Hab meine Bücher im iPad. Worauf sie antwortete: Pervers.

Ja, die Haptik des Lesens, von der sie so schwärmt und auf die sie nicht verzichten möchte, ist eine andere, aber doch keine schlechtere. Ich nehme mein iPad genauso gern in die Hand wie ein schön gemachtes Buch. Und endlich ist auch das Problem der Hotelbett-Funzeln gelöst, in deren Licht man sich früher beim Lesen die Augen ruinierte. Ich brauche die Funzeln nicht mehr, das iPad leuchtet von selbst.
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Christian Nürnberger

, 60, hat von dem Honorar für diesen Artikel 20 Dollar abgezwackt und an das »TOR-Projekt« überwiesen. Dort, unter www.torproject.org/ projects/vidalia.html.en kann sich jeder ein Programm herunterladen, mit dem man anonym durchs Web surft. Seine Privatsphäre schützt Nürnberger mit dem Programm cookie, für 15 Dollar im App-Store von Apple erhältlich. Für Windows gibt es zahlreiche kostenlose Programme, eines der häufig gelobten ist »spybot - search & destroy«.

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