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aus Heft 51/2011 Außenpolitik

Radio Ratlos

Peter Savodnik  Foto: Guntier / photocase.com

Seit Jahrzehnten sendet eine Funkstation im tiefsten Russland mysteriöse Signale. Spionage? Raketentechnik? Aliens? Kein Mensch kann erklären, was sie bedeuten - aber mittlerweile hören Hunderttausende auf der ganzen Welt zu.



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Von einem Wald nördlich von Moskau aus sendete eine Kurzwellenstation Tag und Nacht unerklärliche Signale. Etwa zwischen 1982 bis 1992 handelte es sich dabei meistens um ein Piepen, später waren es Brummtöne, in der Regel zwischen 21 und 34 pro Minute, jeder von ihnen knapp eine Sekunde lang – wie ein näselndes Nebelhorn, das durch den knackenden Äther drang. Es hieß, das Signal komme aus einem kleinen Militärstützpunkt in der Nähe eines Dorfes namens Povarovo. Nur sehr selten, vielleicht alle paar Wochen, wurde die Monotonie der rätselhaften Töne von einer männlichen Stimme unterbrochen, die Zahlen und Wörter rezitierte, bei denen es sich oft um russische Vornamen handelte: »Anna, Nikolai, Iwan, Tatjana, Roman.« Doch meistens wurde die Sendezeit bloß mit Tönen bestritten, von denen man nicht wusste, was sie bedeuteten, und die einen deswegen fast verrückt machen konnten.

Hin und wieder wechselten die Amplitude und die Höhe des Brummens oder die Intervalle zwischen den Tönen. Doch zu jeder vollen Stunde strahlte der Sender verlässlich zwei kurz aufeinanderfolgende Brummtöne aus. Keine der Umwälzungen, die Russland im letzten Jahrzehnt des Kalten Krieges und in beiden Dekaden danach beschäftigten, hat UVB-76, wie das Kennungssignal des Senders lautete, je daran gehindert, seinem geheimnisvollen Zweck nachzugehen. Und es gab viele Umwälzungen: Michail Gorbatschow, die Perestroika, das Ende des Afghanistan-Krieges, die Implosion der Sowjetunion, das Ende der Preisbindung, Boris Jelzin, der Putschversuch, der erste Tschetschenienkrieg, die Oligarchen, die Finanzkrise, der zweite Tschetschenienkrieg, der Aufstieg des Putinismus. Und so kam es, dass eine kleine Gruppe von Kurzwellenenthusiasten, fasziniert vom Mysterium des »Buzzers«, wie sie die Station scherzhaft nannten, jedes seiner Signale dokumentierte. Auch für sie wurde er zu einer fast tröstlichen Konstante, die mit metronomhafter Regelmäßigkeit in ihrem Leben dröhnte.

Dann, am 5. Juni 2010, hörte das Brummen auf. Es gab keine Ankündigung, keine Erklärung. Nur Stille.

Am nächsten Tag setzte die Ausstrahlung wieder ein, als ob nichts geschehen wäre. Für den Rest des Monats und im Juli verhielt sich UVB-76 fast wie immer. Es gab ein paar Abweichungen – zum Beispiel Tonfolgen, die sich nach Morsecode anhörten –, aber nichts Dramatisches. Mitte August wieder Stille. Das Brummen setzte erneut ein, hörte wieder auf, begann von Neuem.

Am 25. August um 10.13 Uhr ging es auf UVB-76 völlig drunter und drüber. Zuerst Stille. Dann hörte man Geräusche, als wäre jemand im Raum. Es war, als stünde nach all den Jahren der Dämon hinter all dem Gepiepe, Gebrumme und Gedröhne kurz davor, sich zu erkennen zu geben. In der ersten Woche nach diesem Zwischenfall wurde die Ausstrahlung oft unterbrochen – in der Regel von Schnipseln des »Tanzes der kleinen Schwäne« aus Tschaikowskys Schwanensee.

Am Abend des 8. September 2010 geschah etwas noch Dramatischeres – einer der Hörer sollte es später »existenziell« nennen. Um 8.48 Uhr abends Moskauer Zeit gab eine männliche Stimme eine neue Kennung durch. Sie lautete »Michail Dmitri Zhenya Boris«. Das bedeutete, dass der Sender fortan MDZhB heißen sollte. Dieser Verlautbarung folgte eine der üblichen nebulösen Botschaften von UVB-76 (oder MDZhB): »04 979 D-R-E-N-D-O-U-T«, gefolgt von einem langen Zahlenblock, danach »T-R-E-N-E-R-S-K-I-Y« und noch mehr Zahlen.

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Bis vor wenigen Jahren wären die Mysterien eines russischen Kurzwellensenders nur von einer kleinen Gruppe von Radio-Nerds registriert worden. Doch im Juni 2010 – nach der ersten Signalpause – verknüpfte ein Este namens Andrus Aaslaid, seit seiner Kindheit vom Kurzwellenradio fasziniert, die Signale des russischen Brummers mit dem Internet. Seitdem kann man unter der Adresse UVB-76.net dem Gebrumme auch ohne Weltempfänger folgen. Bald hörten Hunderttausende aus allen möglichen Ecken der Welt immer mal wieder in den Internet-Feed des Buzzers rein. Aaslaid hatte es geschafft, eines der seltensten Hobbys, die man sich vorstellen kann, für das 21. Jahrhundert zu verjüngen.

Mittlerweile gehören zu den Anhängern des Brummers Anarchisten, Hacker, Installationskünstler, Leute, die an Außerirdische glauben, ein ehemaliger litauischer Kommunikationsminister oder ein Mann aus Virginia, der unter dem Kürzel »Room641A« auftritt, eine Anspielung auf eine geheime Abhörstation der National Security Agency, die sich angeblich in einem Gebäude des Telefonkonzerns A&T in San Francisco befinden soll (»Ich interessiere mich fürs Zuhören«, teilte mir Room641A in einer E-Mail mit, »und zwar für alle seine Formen«). Sie alle stehen im Bann dieses Signals, das nun wieder meistens bloß vor sich hinbrummt. Für sie ist es zu einer Obsession geworden herauszufinden, welche Bedeutung sich hinter seinen rätselhaften Mustern verbirgt, aber wahrscheinlich ist das Beste an diesem Geheimnis, dass es sich eben nicht dechiffrieren lässt.

Wie nicht anders zu erwarten, liegt die Geschichte des Buzzers im Trüben: Vor ungefähr 30 Jahren, heißt es, errichteten die Sowjets die Funkstation in der Nähe von Povarovo, 40 Autominuten nordwestlich von Moskau. Zu jener Zeit war Leonid Breschnew noch am Leben, der Kreml beherrschte ein interkontinentales Reich, die Sowjettruppen bissen sich in Afghanistan die Zähne aus. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 wurde bekannt, dass Povarovo von der Armee kontrolliert wurde und dass alles, was dort geschah, höchster Geheimhaltung unterlag.
Peter Savodnik

, 39, ist ein New Yorker Journalist und hat einige Zeit in Moskau gelebt. Er schreibt gerade an einem Buch über die Jahre, die der Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald in der Sowjetunion verbrachte.

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