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aus Heft 01/2012 Bayern

Der Himmel der Bayern

Rainer Stadler  Fotos: Robert Voit

Das unheimliche Wachstum der Therme Erding: Wie aus einem Acker bei München Europas größtes Erlebnisbad wurde.

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Südsee und Erding – das passt ungefähr so gut zusammen wie Piña Colada und Leberkäs. Trotzdem läuft in Erding, 30 Autominuten nordöstlich von München, der Versuch, diese beiden Gegensätze unter einer Glaskuppel zu vereinen. Das sind aber längst nicht die einzigen Welten, die in der Südseetherme Erding aufeinanderprallen: Im Strandrestaurant »Caribbean’s« etwa werden neben bayerischen Fleischgerichten auch Currywurst und Wiener Schnitzel zubereitet. Weil die Therme Erding auch ein Gesundheitsparadies sein will, befindet sich gleich gegenüber eine auf 65 Grad geheizte Sauna. »Fördert die Entgiftung und Entschlackung«, steht auf einem Schild am Eingang. Und im großen Lagunenbecken kreisen am Freitagmorgen, kurz vor Weihnachten, etwa 30 Senioren mit den Armen. Ein Animateur am Beckenrand gibt Takt und Übungen vor, Aquagymnastik mit einem Hauch von Woodstock: Aus den Lautsprechern tönt psychedelische Rockmusik von Santana. An der Poolbar drängeln sich die Gäste, fünf Männer, Mitte 20, prosten einander im Thermalbecken mit Weißbier zu und lassen sich von einer älteren Besucherin fotografieren. Die Saunalandschaft, eine Halle weiter, erinnert in Größe und Form an das Terminal 2 des Münchner Flughafens. Nur sind die Menschen hier nicht in Anzügen und mit Rollkoffern unterwegs, sondern nackt. Es gibt noch eine dritte Halle, 25 Meter hoch und bis unter die Decke gefüllt mit ineinander verschlungenen Rutschen.

Alles zusammen ergibt »Europas größte Thermenwelt«, wie es im Prospekt der Erdinger Therme heißt: 18 Rutschen, 26 Saunen, 31 Wasserbecken, 150 Großpalmen, 1800 Parkplätze, 5000 Umkleideschränke. Auf einer Gesamtfläche von 145 000 Quadratmetern, was in etwa der 30-fachen Größe des Münchner Marienplatzes entspricht. Vergangenes Jahr kamen wieder einmal 1,5 Millionen Besucher nach Erding, absoluter Rekord in Deutschland. Die Betreiber vergleichbarer Bäder wären schon mit der Hälfte glücklich.

So weit die Zahlen. Aber woher rührt nun der Erfolg der seltsamen Kombination von Spa und Spaßbad in Erding? Und was treibt Menschen überhaupt in solche Einrichtungen?

Jürgen Kagelmann ist Psychologe in München, seit geraumer Zeit beschäftigt er sich mit dem Freizeitverhalten der Deutschen. Alle zwei Jahre gibt er die Spaßbad-/Thermenstudie heraus, eine Art Branchenreport. Er sagt, künstliche Badewelten wie die Therme Erding seien deshalb so beliebt, weil sie einen bequemen Zeitvertreib garantierten. »Man weiß, was einen erwartet, ist unabhängig vom Wetter und hat überschaubare Kosten.« Die Gäste suchten heute in Thermalbädern nicht mehr nur Kneipp- und Schwefelbecken gegen Rheuma und Arthritis, sondern auch Wellness, Spaß und Abenteuer. Genau das bietet die Therme Erding im Überfluss: Die Mitarbeiter haben ausgerechnet, dass ein Besucher mindestens drei Tage braucht, um alle Angebote auszunützen; jeden Saunagang, die Wohlfühl-Programme, die Honig-, Fresh-Lemon-, Klangschalen- oder Meditationsaufgüsse, das Salz- oder Zuckerpeeling, die Sole-, Calcium- oder Selen-Jod-Becken, die Sprudel, Massagedüsen, Nackenduschen und Rutschen, die 360 Meter lange »Magic Eye« oder die »Kamikaze« mit 60 Grad Gefälle.

Die Schöpfer der künstlichen Welt in Erding: Jörg Wund, 46, und Josef Wund, 73. Der Sohn leitet seit zwölf Jahren das Tagesgeschäft, der Vater kommt nur selten nach Erding. Etwa um mit seinen Freunden vom Kegelclub zu baden. Oder um mal wieder umzubauen.

Die Schöpfer der Therme Erding sind Josef Wund, 73, und sein Sohn Jörg, 46. Es gibt eine klare Aufgabenteilung: Jörg Wund, grauhaarig, Familienvater und Architekt, ist seit zwölf Jahren für das Tagesgeschäft zuständig, für die 280 Mitarbeiter und vor allem für die 5000 Gäste, die an einem durchschnittlichen Tag das Bad besuchen. Regelmäßig liest er die blauen Zettel, die für die Badegäste ausliegen, um Kritik und Anregungen zu äußern. »Die Gäste sind meine besten Unternehmensberater«, sagt Wund, »ich muss nur machen, was sie sagen, dann brummt der Laden.« Also hat er die Zahl der Aufgüsse in der Sauna erhöht, die Plastikliegen im Saunabereich durch teure Holzliegen mit Wasser abweisendem Bezug ersetzt, rutschfeste Böden verlegt, neue Duschen installiert und viele andere Kleinigkeiten. Wenn aber große Entscheidungen anstehen, verlässt er sich auf den Instinkt und Wagemut seines Vaters. Josef Wund gilt als einer der kreativsten Architekten Deutschlands, er hat Messehallen, Sportstadien und Krankenhäuser in aller Welt errichtet. Seine Eltern waren Bauern, er begann als Maurer und hat sich hochgearbeitet. Er trägt inzwischen ein Hörgerät und denkt trotz seines Alters nicht ans Aufhören. Täglich geht er in sein Büro in Friedrichshafen, das eigentlich einmal der Sohn übernehmen sollte. Doch dann kam das Projekt in Erding dazwischen.

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Mitte der Neunzigerjahre besichtigen die beiden zum ersten Mal den Acker etwas außerhalb von Erding, auf dem Ingenieure der Firma Texaco zehn Jahre zuvor nach Öl gebohrt hatten. Doch statt Öl war heißes, schwefelhaltiges Wasser aufgestiegen. Anders als sein Sohn verfügt Wund senior über die Fantasie, um sich vorzustellen, wie in dieser Ödnis eines Tages Hunderttausende von Menschen in ein Freizeitbad strömen. Er hat erlebt, was aus dem Nichts entstehen kann, als sich die Ruinen der vom Krieg zerstörten Städte in Deutschland binnen weniger Jahre in neue Wohnblöcke verwandelten.
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Rainer Stadler und Robert Voit

, fanden während ihrer Recherchen trotz der vielen Menschen einen Rückzugsort: Zwischen der Rutschenhalle und dem Bad befinden sich mehrere Entspannungsräume, ganz in Blau, Rot und Grün gestaltet. Hier sprudelt, dampft, plätschert oder zischt zwar nichts, dafür verirrt sich auch kaum ein Besucher hierher.

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